Truck-Verkäuferin: Als Verkaufsleiterin in der „Königsklasse“

Die Liebe zum Vertrieb entdeckt Anja Hagemann schon früh: Ein Praktikum während ihres BWL-Studiums in der Mercedes-Benz Niederlassung Hannover öffnet ihr dafür die Augen. Ihre Laufbahn in der Nutzfahrzeugbranche und der Weg zur Lkw-Verkaufsleiterin beginnt im Jahr 2006. Eigentlich eingestellt als Transporter-Nachwuchsverkäuferin, landet sie ungeplant in der Transporter-Disposition.

Ein glücklicher Zufall, wie Anja Hagemann später feststellen wird, hat sie doch hier die Möglichkeit, die kaufmännische Seite einer Niederlassung kennen zu lernen.

Der Weg in den Lkw-Vertrieb

Sie lernt dort aber noch viel mehr: Sachverhalte auch niederlassungsübergreifend von Grund auf verstehen, unterschiedliche Perspektiven einnehmen und sich ihre Position und Anerkennung selbst hart zu erarbeiten. Nach eineinhalb Jahren Disposition darf sie dann in die Ausbildung zur Transporter-Verkäuferin starten – fast: Die Vorgesetzten schicken sie erstmal für drei Monate im Blaumann in die Werkstatt.

Auch das sieht Anja Hagemann als Chance zur Weiterentwicklung. Die Grundlagen für ihr technisches Wissen und das Gefühl für die Fahrzeuge hat sie sich beispielsweise in dieser Zeit angeeignet. Auch das Hintergrundwissen über die Arbeit im Service und die Erkenntnis, wie wichtig diese für den Vertrieb ist, stammen von damals.

Nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung folgen weitere Stationen in der Niederlassung Berlin. Danach verbringt Hagemann vier Jahre in ihrer ehemaligen Niederlassung in Langenhagen, nun als Transporter-Ladenverkäuferin.

„Ich habe mir immer das Ziel gesetzt, die Arbeit von der Pike auf zu lernen. Daher wäre der Einstieg direkt als Führungskraft ohne das Wissen im Vertrieb und Verkauf für mich eher unvollständig gewesen.“

Irgendwann ist es Zeit für den nächsten Schritt. Hagemann wird „Assistentin der Nutzfahrzeug-Verkaufsleitung“, oder besser gesagt: Mädchen für alles. Sie koordiniert in dieser Position vier Abteilungen, zwei Verbundsprojekte und eigentlich auch das normale Tagesgeschäft im Lkw-Vertrieb. Gleichzeitig absolviert sie noch verschiedene Weiterbildungen. Das bedeutet: 12-14 Stunden Arbeit – täglich. Hagemann selbst sagt heute: „Das war ein bisschen viel.“

Im Anschluss daran wagt sie den Schritt ins Ungewisse. Sie zieht von Langenhagen ins schöne Schwaben und übernimmt die Position als „Lkw-Verkaufsleiterin“.

Als Frau in einer Männerdomäne

Ihren Start im Lkw-Vertrieb in der neuen Heimat beschreibt Hagemann als spannend – schließlich hätten sich ihre Kunden erstmal an eine Frau im Vertrieb der Schwerklasse gewöhnen müssen. Zuverlässigkeit, zuhören und immer wieder zur Stelle sein, wenn es brennt, so hat sich Hagemann nach und nach ihren guten Ruf bei den Kunden aufgebaut. Als Frau sei das natürlich nicht gerade einfach:

„Man muss in diesem Business schon tough sein. Denn sind wir mal ehrlich: Mit einer Frau auf dem Stuhl sind skeptische Blicke vorprogrammiert. Wenn man sich jedoch das notwendige Wissen aneignet, sowie ein respektvoller Teamplayer ist und Worte Taten folgen lässt, dann überzeugt man auch.“

Das „Wir“ gewinnt

Den Sprung in die Führungsebene hat Anja Hagemann geschafft. Sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen kommt ihr jedoch nicht in den Sinn. Ihr Team besteht derzeit aus 14 Mitarbeitern. Ihr Verkaufsgebiet erstreckt sich von Balingen runter nach Überlingen und bis nach Leutkirch. Da ihr die Nähe zu ihren Mitarbeitern und Kunden wichtig ist, verbringt sie gar nicht mal so wenig Zeit im Auto. Telefonieren kann sie dabei eher selten, denn ihre Strecke führt quer über die Schwäbische Alb, und hier lässt sich der Handyempfang durchaus als katastrophal bezeichnen.

Diese Zeit nutzt sie gern um nachzudenken, über ihren Tag, ihre Mitarbeiter, ihre Kunden und über sich selbst. Anja Hagemann ist überzeugt: Die wichtigste Eigenschaft einer Führungskraft sollte die Fähigkeit zur ehrlichen und kritischen Selbstreflexion sein. Ihren Führungsstil bezeichnet sie selbst als operativ und kooperativ. Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist für sie das Wichtigste. Vor allem im Umgang mit Mitarbeitern sieht sie Frauen in Führungspositionen im Vorteil.

Oft hätten Frauen eine ausgeprägte Sensibilität, beispielweise wenn es darum geht, Gesichtszüge oder Stimmungen des Gegenübers zu erfassen und zu deuten. Ihre Arbeitsweise ist geprägt von Vertrauen und individuellen Mitarbeitergesprächen. Sie setzt auf klare Kommunikation und versucht, ihren Mitarbeitern möglichst genau zu vermitteln, was sie als Führungskraft von ihnen erwartet. Man spürt ganz deutlich, der Teamgedanke ist etwas, das sie wirklich lebt.

„Wir alle funktionieren wie eine Kette, das heißt, wenn der Service nicht funktioniert, verkaufen wir keine weiteren Lkw, wenn die Technik nicht funktioniert oder die Teile nicht lieferbar sind, verkaufen wir keine Lkw. Nur im eigenen Bereich zu denken, ohne Weitblick auf andere Themen, das funktioniert in unserer Branche nicht.“

Die Arbeit im Team bedeutet Nähe. Genau diese Nähe ist etwas Essenzielles im Lkw-Vertrieb. Außerdem spielt Vertrauen eine große Rolle beim Verkauf, denn die Investitionssumme bei einem Lkw ist nicht gerade gering. Ihr schönstes Erfolgserlebnis ist es deshalb, wenn sie es zusammen mit ihrem Team schafft, einen Kunden trotz nicht immer schnell und leicht lösender Probleme zu halten oder einen neuen Kunden an Land zu ziehen – vor allem dann, wenn der Wettbewerber schon fast einen Fuß in der Tür hat.

Durch die Kombination aus besserem Service, Zuverlässigkeit und Beständigkeit den Kunden letztlich von unserem Produkt überzeugen zu können, ist in ihren Augen ein wahres Erfolgserlebnis. Die Zahlen sprechen für sich: Etwa 160 Fahrzeuge verkauft ihr Team jeweils in den zwei Vertriebsgruppen pro Jahr.

Bei der Frage, wie es beruflich weitergeht, schmunzelt Anja Hagemann. So genau beantworten könne sie das im Augenblick nicht, was eher untypisch für sie sei. Im Moment konzentriere sie sich auf ihr tolles Team und die Arbeit im Autohaus Riess, die ihr wirklich viel Spaß bereite. Hätte ihr im Studium jemand erzählt, dass sie in 13 Jahren Lkw-Verkaufsleiterin bei Daimler Trucks sein würde, hätte sie wohl laut gelacht.

Private Einblicke:

Ihren Kindheitstraum von einem Leben als Backgroundtänzerin hat Anja Hagemann nie völlig losgelassen, ihren Ausgleich zur Arbeit findet sie nämlich im Sport, am liebsten beim Tanzen oder Joggen und am besten in Verbindung mit ihrer Leidenschaft, der Musik. Der Grundstein für ihren Erfolg in einer „Männerbranche“ wurde wohl schon in der Kindheit gelegt, sie ist nämlich mit zwei großen Brüdern aufgewachsen.


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Dieser Beitrag wurde von Maximiliane Stelzer verfasst. Sie ist Redakteurin in der Nutzfahrzeugkommunikation und gilt bei ihren Kollegen als Expertin für europäische Königs- und Adelshäuser.