Formel 1 in Singapur 2019: Vorschau

Singapur, das seit 2008 auf dem F1-Kalender steht, hat sich als eines DER Highlights jeder Saison etabliert. Wieso? Es ist die Kombination aus einem fantastischen Ort, dem einzigartigen Wochenende mit einem Nachtrennen – und den enormen Herausforderungen, die die Strecke für jedes Team und jeden Fahrer mit sich bringt.

Als einziger Stadtkurs, der bei Scheinwerferlicht gefahren wird, ist der Singapur-GP ein ganz besonderes Spektakel des Formel-1-Rennzirkus. Das erste Nachtrennen in der Geschichte der Formel 1 wird durch 1.600 Scheinwerfer rund um die Strecke ermöglicht, die im Grunde die Nacht zum Tag werden lassen. Die Renndauer von dem Moment an, in dem die Lichter der Ampel kurz nach 20.00 Uhr Ortszeit ausgehen, liegt knapp unter dem Zeitlimit von zwei Stunden – das bedeutet, dass sich das gesamte Wochenende verschiebt. So kommt das Team Anfang bis Mitte des Nachmittags zur Arbeit, und der Tag endet erst in den frühen Morgenstunden Ortszeit.

Besondere Rennen erfordern eine außergewöhnliche Vorbereitung

Das Arbeiten zu europäischer Zeit verlangt von Team und Fahrern einige Anpassungen – und alle müssen jederzeit Spitzenleistung abliefern. Wir sorgen dafür, dass die Hotelzimmer Verdunkelungsvorhänge haben, um die Schlafqualität zu verbessern, wir sperren ganze Etagen, um sicherzustellen, dass Mitarbeiter des Zimmerservice nicht versehentlich jemanden aufwecken, der erst vor einer Stunde zu Bett gegangen ist, um den Morgen in Singapur für seinen Schlaf zu nutzen – und wir sorgen dafür, dass die Mahlzeiten zu den gewohnten europäischen Zeiten eingenommen werden können. Um halb ein Uhr nachts zu Abend zu essen ist immer ein wenig seltsam – diese Zeit liegt zwar noch in unserer „Abendzeit“, doch sind zu dieser Zeit nur noch die lokalen Gastronomiebereiche geöffnet!

Auch die klimatischen Gegebenheiten sind aufgrund der hohen Temperaturen und Luftfeuchtigkeit anstrengend. Deshalb kontrollieren wir die Flüssigkeitsaufnahme aller Teammitglieder, um ein Dehydrieren zu verhindern, und wir achten darauf, dass sie elektrolythaltige Getränke zu sich nehmen, um die durch das Schwitzen verlorengegangenen Mineralstoffe wieder aufzufüllen. Im Cockpit verlieren die Fahrer aufgrund der langen Renndauer und der physischen Beanspruchung über die Renndistanz hinweg bis zu 3 kg an Gewicht.

Ein kurvenreicher Stadtkurs

Genauso anspruchsvoll ist Singapur aber auch aus technischer Sicht. Es ist ein Stadtkurs, der ausschließlich dieses eine Mal im Jahr als Rennstrecke dient. Deshalb hat die Fahrbahnoberfläche zu Beginn wenig Grip, der sich aber rasch aufbaut, sodass die Rundenzeiten vom ersten freien Training bis zum Qualifying um 3 Sekunden schneller werden. Das bedeutet, dass an diesem Wochenende alles glatt laufen muss, die Rundenzeiten maximiert werden müssen und darauf zu achten ist, dass die Fahrer genügend Runden fahren können – und das mit den richtigen Reifenmischungen – um sich in den Rhythmus der Strecke einzufinden. Die Anzahl von 23 Kurven ist die höchste im Formel-1-Kalender. Zudem ist die Strecke an manchen Stellen sehr holprig. So ist es nicht leicht, die Grenzen auszuloten, aber es ist leicht, sie zu überschreiten.

Zu all dem kommt hinzu, dass Überholmanöver auf dieser Strecke besonders schwierig sind – damit können Positionen oft nur durch das richtige Ausnutzen einer Safety-Car-Phase (bislang gab es kein einziges Rennen in Singapur ohne Einsatz des Safety Car) und durch exakt getaktete, schnelle Boxenstopps verbessert werden. Das verstärkt den Druck zusätzlich und ist eine der Erklärungen dafür, warum in der Geschichte dieses Rennens noch nie ein Team einen Doppelsieg eingefahren hat.

Formel 1 in Singapur – ein gutes Pflaster für Mercedes?

Mercedes hat das Formel 1 Rennen in Singapur in den letzten fünf Jahren vier Mal gewonnen – es fühlt sich für uns aber nicht so an. Diese Rennstrecke war für uns im Bezug auf die Performance in Relation zu den anderen Teams immer eine unserer schwächsten. Und erst im letzten Jahr hatten wir das Gefühl, dass wir den Herausforderungen wirklich gewachsen waren. Einer der Gründe, warum uns das 2018 gelang, war sicherlich, dass wir wirklich nichts als selbstverständlich voraussetzten und auf unserer Jagd nach mehr Performance jeden einzelnen Stein umdrehten.

Mit dieser Einstellung reisen wir auch dieses Wochenende nach Singapur. In dieser Weltmeisterschaftssaison gab es für uns bislang noch keine Home Runs, und die Konkurrenz rückt immer näher auf. Ferrari hat die Dynamik der letzten beiden Siege im Rücken – und Red Bull wird dieses Rennen als eines sehen, bei dem ihr Auto eine starke Performance zeigen kann. Wir müssen unser Allerbestes geben, wenn wir unsere Fahrer am Sonntagabend auf den zwei obersten Stufen des Podiums sehen wollen.


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Bradley Lord ist Mercedes-Benz Motorsport Communications Director. Er war mit vier Jahren zum ersten Mal bei einem Formel 1-Rennen und ist seitdem leidenschaftlicher Fan des Motorsports in all seinen Facetten.