Kettenreaktion: Nachhaltige Lieferkette bei Daimler

Nachhaltige Mobilität macht erstaunlich wenig Geräusche, wenn man bedenkt, wie viel derzeit über sie geredet wird. Wenn man in einem Mercedes-Benz EQC [Stromverbrauch kombiniert: 20,8 kWh/100 km; CO2-Emissionen kombiniert: 0 g/km*] langsam anfährt, hört man nur das sanfte Abrollen der Reifen.

Sabine Angermann hat das Lenkrad fest im Griff. Die 42-Jährige leitet bei Mercedes-Benz Cars den Bereich, der sich unter anderem um den Einkauf von Rohmaterial kümmert: „Das Spannende am EQC ist, dass er völlig neue Einkaufsumfänge mit sich bringt, also neue Bauteile, neue Komponenten, neue Rohstoffe. Das ist gleichzeitig eine Herausforderung und eine Chance in meinem Job.“

Der EQC ist der erste vollelektrische Mercedes-Benz der Marke EQ. Dass die Auspuffrohre beim EQC fehlen, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur nachhaltigen Mobilität. Aber längst nicht der letzte. Schließlich muss jedes Fahrzeug, das auf der Straße unterwegs ist, auch produziert, transportiert und irgendwann wieder recycelt werden. Und im Falle eines batterieelektrischen Autos gilt eines ganz besonders: Wer nachhaltig sein will, muss in der Lieferkette ansetzen. Denn ein großer Anteil der CO2-Emissionen, die ein Elektrofahrzeug während seiner Lebensdauer produziert, entstehen hier – also noch bevor das Elektroauto überhaupt in einem unserer Werke vom Band gelaufen ist.

Was macht eine Lieferkette wirklich nachhaltig?

Ein großer Teil der Aufgabe, nachhaltige Mobilität anzubieten, ist also, den CO2-Ausstoß in der Lieferkette zu reduzieren. Hier kommt die Kompetenz von Sabine Angermann und ihrem Team ins Spiel. Nicht zuletzt Kobalt und Lithium – zwei chemische Elemente, die in den Lithium-Ionen-Akkus von Elektroautos stecken – erfahren eine erhöhte Nachfrage durch die zunehmende Anzahl von batterieelektrischen Autos: „Beim Abbau von Kobalt und Lithium liegt die Herausforderung im ersten Schritt darin, Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden zu vermeiden. Natürlich geht es aber im zweiten Schritt auch darum, den CO2-Ausstoß in der Herstellung einzudämmen. Als Unternehmen, das diese Rohstoffe nutzt, wollen wir Einblicke und Transparenz.“

Das ist kein einfaches Unterfangen, denn die Lieferketten bestehen teilweise aus sechs oder mehr Lieferstufen. Heißt konkret: In dem Produkt, das der Lieferant an Daimler verkauft, stecken Teile, die von einem dritten Lieferanten kommen – und in diesen Teilen stecken wiederum Teile, die dieser Zulieferer von weiteren Lieferanten erhält.

Es ist eine große Aufgabe, für Elektroautos umweltverträglich einzukaufen. Dass die proaktive Gestaltung einer nachhaltigen Lieferkette aber ein wichtiger vorgelagerter Schritt für die Umweltbilanz ist, zeigt ein genauerer Blick: Elektrofahrzeuge verursachen in der Herstellung heute noch 80 Prozent höhere CO2-Emissionen als ein Verbrenner. Sie sparen aber im Fahrbetrieb mit konventionellem Strom-Mix etwa 65 Prozent CO2 gegenüber diesem ein. Dadurch sind ihre Gesamtemissionen an CO2 über den ganzen Lebenszyklus bei gleicher Laufleistung um mindestens 40 Prozent geringer.

Gelingt es, das Batteriefahrzeug nur mit regenerativem Strom zu betreiben, schrumpfen die CO2-Emissionen über den Lebenszyklus betrachtet um 70 Prozent gegenüber dem Verbrenner. Das enorme CO2-Einsparpotenzial ist ein unbestreitbarer Vorteil von Elektrofahrzeugen. Und es ist der Grund dafür, weshalb sie als Hoffnungsträger für individuelle, nachhaltige Mobilität gelten.

Ambition2039 – unsere Strategie für klimaneutrale Mobilität

Mit seiner Ambition2039 hat sich Mercedes-Benz ein klares Ziel gesetzt: In weniger als drei Produktzyklen soll die Neuwagenflotte CO2-neutral werden, bereits 2030 peilen wir an, dass 50 Prozent des Pkw-Absatzes Plug-in-Hybride oder rein elektrische Fahrzeuge sind.

Wie wirken sich solche Ziele die Arbeit von Sabine Angermann aus? „Wir kaufen die Zellen auf dem Weltmarkt von unseren direkten Lieferanten. So sichern wir uns den Zugriff auf die neueste Technologie. Unsere direkten Lieferanten beziehen ihre Rohstoffe weltweit“, erklärt Sabine Angermann die Strategie: „Zum Beispiel kann die Zellproduktion potenziell viele Emissionen verursachen. Durch unseren Einfluss auf die Lieferkette können und wollen wir die CO2-Emissionen reduzieren.“

Drei Handlungsfelder für eine nachhaltige Lieferkette

Konkret gibt es drei wichtige Handlungsfelder, auf die Hersteller Einfluss nehmen können: Menschenrechte, CO2-Reduzierung, und Ressourcenschonung.

Das erste Handlungsfeld betrifft ein sehr wichtiges Thema – die Einhaltung von Menschenrechten in allen Schritten der Lieferkette. „Einen Vertrag haben wir nur mit dem direkten Lieferanten. Aber bei der Einhaltung von Menschenrechten gehen wir darüber hinaus: Zusammen mit unseren Compliance- und Menschenrechtsexperten aus dem Ressort Integrität und Recht schauen wir auch selbst vor Ort nach der Situation und arbeiten mit unabhängigen Partnern zusammen, um die Einhaltung unserer ethischen Standards zu kontrollieren.“

So setzen wir uns gemeinsam mit unseren Lieferanten ein, um mögliche Missstände zu identifizieren und zu beheben. Soziales Engagement vor Ort ist ebenfalls Bestandteil unseres Nachhaltigkeitsengagements.

Insbesondere bei alternativen Antrieben spielt die vorgelagerte Lieferkette eine besondere Rolle, wenn es um das zweite Handlungsfeld, die CO2-Reduzierung geht. Die Lieferkette macht einen großen Teil der CO2-Bilanz des gesamten Lebenszyklus aus. Darum erarbeitet das Team von Sabine Angermann gemeinsam mit den bestehenden Lieferanten im Rahmen von Workshops Maßnahmen, wie der Weg zur CO2-Neutralität gestaltet werden kann: „Zum Beispiel überlegen wir gemeinsam, wie wir den Hochofen aus der Stahlproduktion herausbekommen – was könnten hier alternative Fertigungsmöglichkeiten sein?“

Außerdem diskutieren wir mit den Lieferanten, ob und wie die Produktion auf grünen Strom umgestellt werden kann. Daimler selbst geht mit gutem Beispiel voran: 2018 war Mercedes-Benz Cars der erste industrielle Großkunde von Strom aus deutschen Windkraftanlagen, deren Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nach 2020 ausläuft. Der Vertrag sichert den Weiterbetrieb von insgesamt sechs Bürgerwindparks. Darüber hinaus wird der Umgang mit CO2-Emissionen bei zukünftigen Lieferantenaufträgen ein wichtiges Kriterium darstellen.

Ressourcenschonung als drittes Handlungsfeld befasst sich mit Ansätzen, wie der Recycling-Anteil in den zugelieferten Teilen gesteigert und im besten Fall ein geschlossener Kreislauf (Closed Loop) hergestellt werden kann. Das Ziel der Daimler AG ist es, den Primärrohstoffeinsatz der wichtigsten Rohstoffe für elektrische Antriebe bis 2030 um 40 Prozent zu reduzieren. Konkret soll der Einsatz von Primärrohstoffen durch geeignete technische Verbesserungen reduziert werden – vor allem auch durch den Einsatz von Sekundärmaterial, wo es technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist.

Ein einfaches, aber effektives Beispiel dafür ist eine genauere Trennung von unterschiedlichen Arten von Schrott. Stahl lässt sich in gewissen Fällen zum Beispiel sehr gut recyceln. Auch Abfälle, weitere Produktionsmaterialien und Ressourcen wie Wasser sollen reduziert werden. Zudem sollen branchenspezifische technische Innovationen und Verbesserungen eingeführt werden, die zum Beispiel zu einer höheren Energieeffizienz führen. Und im letzten Schritt können unvermeidbare CO2-Emissionen in der Lieferkette kompensiert werden. Dabei messen wir den CO2-intensiven Rohstoffen Aluminium, Stahl und Batterierohstoffen besondere Bedeutung bei.

Blockchain-Technologie macht Lieferketten transparenter

Auch digital zeichnen sich Fortschritte ab, um die Transparenz in der Lieferkette zu erhöhen – und dafür zu sorgen, sie nachhaltiger zu machen. So bietet die Blockchain-Technologie die Möglichkeit, Beschaffungsprozesse grundlegend zu revolutionieren. Das könnte Auswirkungen auf nahezu die gesamte Wertschöpfungskette haben.

„Aktuell testen wir einen Blockchain-Prototyp. Der soll dazu beitragen, Transparenz zu schaffen, vor allem über unsere direkten Lieferanten hinaus“, erläutert Sabine Angermann das Potenzial der Technologie. „Wir verpflichten alle unseren direkten Lieferanten, die Standards und vertraglichen Verpflichtungen innerhalb der Lieferkette mit Nachdruck weiterzugeben und zu kontrollieren – insbesondere in Bezug auf Nachhaltigkeit und ethisches Verhalten.“

Sollte einer der Sub-Lieferanten von den vertraglichen Verpflichtungen abweichen, wird dies in der Blockchain sichtbar, ähnlich wie in einem sicheren Buchführungssystem. Vertrauliche oder wettbewerbsrelevante Informationen stehen dort nicht. Es geht alleine um Daten, die etwas über die Nachhaltigkeit aussagen. Damit schaffen wir nicht zuletzt auch Vertrauen in unsere Lieferkette.

Wir beenden die Fahrt im vollelektrischen EQC. Der Fußabdruck der Fahrt? Null Gramm CO2, vor allem aber viel neues Wissen. Individuelle Mobilität muss auch klimaneutral möglich sein. Aber, und das ist Sabine Angermann besonders wichtig: „Wir können das nicht alleine. Es geht hier nicht nur um Daimler und unsere Lieferanten. Es geht um die gesamte Industrie! Wir müssen uns gemeinsam engagieren. Je mehr wir die gesamte Gemeinschaft rund um die Automobilindustrie nutzen, desto schneller werden wir Erfolg haben und unser Ziel, 2039 CO2-neutral zu sein vielleicht sogar früher erreichen.“


* Stromverbrauch und Reichweite wurden auf der Grundlage der VO 692/2008/EG ermittelt. Stromverbrauch und Reichweite sind abhängig von der Fahrzeugkonfiguration. Weitere Informationen zum offiziellen Kraftstoffverbrauch und den offiziellen spezifischen CO2-Emissionen neuer Personenkraftwagen können dem „Leitfaden über den Kraftstoffverbrauch, die CO₂-Emissionen und den Stromverbrauch“ entnommen werden, der an allen Verkaufsstellen und bei der Deutschen Automobil Treuhand GmbH unter www.dat.de unentgeltlich erhältlich ist.

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Dieser Artikel wurde von Yannick Grauer geschrieben. Yannick betreut den Twitter-Account der Daimler AG. Wenn er in mehr als 280 Zeichen kommuniziert, geht es meistens um spannende Podcasts und die Leidenschaft für den VfB Stuttgart.