Legt Euch hin! – Die Bekämpfung der Reisekrankheit

Kinetose ist so etwas wie eine Volkskrankheit. Laut einer internen Untersuchung hat etwa die Hälfte der Bevölkerung bereits selbst Erfahrung mit Übelkeit im Fahrzeug gemacht. Bei Daimler arbeite ich an Möglichkeiten, das Wohlbefinden aller Passagiere an Bord unserer Fahrzeuge zu verbessern – und das Auftreten von Kinetose zu reduzieren.

Wenn Autos in Zukunft automatisiert unterwegs sind, kann sich auch die Person auf dem Fahrerplatz mit anderen Tätigkeiten als dem Lenken beschäftigen. Mit der neuen Freiheit dürfte gleichzeitig die Anzahl der Fälle von Unwohlsein nach oben schnellen. Denn wer sich während der Fahrt mit Lesen, Filme gucken, Videospielen oder Arbeiten am Tablet beschäftigt, wird mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann von Reiseübelkeit heimgesucht. Die so genannte Kinetose, besser bekannt als Reisekrankheit oder eben Reiseübelkeit, kennt unterschiedliche Symptome. Diese reichen von Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Desinteresse bis hin zu Herz-Kreislauf-Problemen und Erbrechen.

Warum wird uns übel?

Kinetose ist kein neuartiges Phänomen: Bereits 200 v. Chr., zu Zeiten der zweiten punischen Kriege, finden sich die ersten Aufzeichnungen, in denen die physiologische Reizreaktion erwähnt wurde. Durch das stetig wachsende Mobilitätsangebot und den ständigen Blick aufs Smartphone hat das Thema vor allem in jüngerer Vergangenheit an Relevanz gewonnen. Warum uns auf Schiffen, in Zügen mit Neigetechnik, auf turbulenten Flügen oder auch auf längeren Autofahrten unwohl wird, ist noch nicht vollständig erforscht. Es gibt unterschiedliche Theorien.

Eine weit verbreitete geht davon aus, dass die Reisekrankheit dann auftritt, wenn unser Gehirn unterschiedliche Signale von unseren Sinnesorganen erhält – also beispielsweise widersprüchliche Informationen zur räumlichen Lage und zu den Bewegungen, denen unser Körper ausgesetzt ist. Nur sehr wenige Menschen haben diese Form der Übelkeit noch nie erlebt – entweder an sich selbst oder auf gemeinsamen Reisen mit Kindern. Denn bis zum 12. oder 13. Lebensjahr sind wir besonders anfällig. Ein Grund dafür ist unter anderem, dass sich das Gleichgewichtsorgan noch im Wachstum befindet und der Wahrnehmungsapparat besonders sensibel reagiert. Mit voranschreitendem Alter lässt die Anfälligkeit zwar nach, bei den meisten Menschen verschwindet sie allerdings nie ganz.

Alle Faktoren im Auge

Doch es gibt Hoffnung: Zum einen berücksichtigt der Bereich Fahrzeugkonzepte von Mercedes-Benz schon in der frühen Produktentwicklungsphase bekannte Aspekte der Kinetose-Vermeidung. Zum anderen erarbeiten wir weitere Entwicklungsansätze, mit denen sich die unangenehmen Symptome der Kinetose abmildern oder in Einzelfällen sogar verhindern lassen. Jetzt, zu Beginn des Zeitalters des automatisierten Fahrens, sind diese neuen Erkenntnisse besonders wertvoll. Denn wir wollen unseren Kunden in Zukunft ein noch angenehmeres Reiseerlebnis ermöglichen – vor allem, wenn sie die Zeit im Auto anders nutzen können und wollen als bisher.

Auf einer Autofahrt lassen unterschiedliche Faktoren die Gefahr einer Reiseübelkeit ansteigen. Welche physikalischen Kräfte wirken auf die Passagiere? Was zeigt das Thermometer, und wie gut ist die Luftqualität an Bord? Wie sind die Lichtverhältnisse bei Nachtfahrten? Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns. Ein weiteres Puzzleteil bei der Eindämmung der Kinetose-Symptome stellt die Sitzposition dar. Das haben wir in den vergangenen Monaten intensiv erforscht und darüber hinaus die gewonnenen Erkenntnisse in unsere Entwicklungsarbeit integriert.

Das Gehirn ist überfordert

Im Rahmen einer Studie mit 25 Probanden (Alter: 21 bis 56 Jahre) haben wir ein Versuchsfahrzeug mit einer speziellen Sitzanlage im Fond ausgerüstet: Darin konnten die Studienteilnehmer aufrecht (23 Grad Neigung) oder liegend (38 Grad Neigung) Platz nehmen und von uns vorbereiteten Nebentätigkeiten nachgehen, die sich in ihrer Dynamik und im Aufmerksamkeitsniveau unterschieden.

Während das Versuchsfahrzeug auf einer definierten Teststrecke unterwegs war, sollten die Probanden auf einem Tablet ein Quiz lösen, einen Film schauen, lesen und ein Action-Game spielen. Nach jeder Runde gab es eine kurze Pause, in der wir jeweils nach dem persönlichen Befinden gefragt und einen Leistungstest durchgeführt haben. Wie von uns erwartet, war für die meisten Probanden das aufmerksamkeitsintensive Game in Sachen Schwindel und Reiseübelkeit am kritischsten.

Tipp: Liegen hilft dem Körper

Die liegende Position hat zu einer bedeutenden Reduzierung von Reisekrankheit geführt und wurde darüber hinaus als besonders komfortabel empfunden – auch die subjektive Leistungsfähigkeit konnte in der entspannten Haltung nachweislich gesteigert werden. Besonders das häufige Stop-And-Go im Stadtverkehr wurde als unangenehm und Kinetose provozierend empfunden.

Die Liegeposition bietet hier Vorteile, da die aktive Kopfstabilisation bei einer flachen Neigung der Lehne verringert wird. Untersuchungen in unserem Fahrdynamik-Simulator, bei denen wir uns das Bewegungs- und Schwingungsverhalten in verschiedenen Sitzpositionen angesehen haben, führten zu ähnlichen Resultaten. In der S-Klasse haben wir mit den Executive Sitzen bereits ein entsprechendes Angebot für unsere Kunden: Im Fond lässt sich eine Liegeposition bis 43,5 Grad Lehnenneigung einstellen.

Vom Autofahren zum Mitfahren

Die Mobilität von Morgen wandelt sich und damit ebenso die Wünsche unserer Kunden. Um auch den zukünftigen Anforderungen gewachsen zu sein bzw. den Wandel aktiv mitzugestalten, arbeiten wir heute schon mit Kollegen aus verschiedenen Fachbereichen an neuen Innenraumkonzepten, die das Fahrzeug in einen Lebensraum verwandeln. Dabei stellt die Vermeidung von Kinetose einen wichtigen Bestandteil unserer Überlegungen dar.

Es klingt wie Zukunftsmusik, aber es ist gar nicht so weit hergeholt, dass unsere Automobile den Passagieren bald folgenden Vorschlag machen, noch bevor Kinetose-Symptome auftreten: „Nehmen Sie eine entspannte Liegeposition ein!“



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Dominique Bohrmann ist Mitarbeiter im Center Fahrzeugkonzepte der Daimler AG und Doktorand an der Technischen Universität München. Er entwickelt Maßnahmen zur Vorhersage und Vermeidung von Reisekrankheit im Fahrzeug.