Formel 1 Kanada 2019: Alles hängt an der Aufhängung

Auf geht’s nach Kanada! Und das ist ein Versprechen für ein spektakuläres Formel-1-Rennen. Denn der Circuit Gilles Villeneuve gilt wegen seiner engen Kurven und seiner langen Geraden als sehr anspruchsvoll. In keinem anderen Rennen der Formel 1 werden Bremsen und Übertragungsteile so beansprucht. Besonders hoch sind die Anforderungen an die Aufhängung der Formel-1-Autos.

Die Rennsportfans erwartet ein Spektakel, wenn die Formel 1 an diesem Wochenende beim Großen Preis von Kanada an den Start geht. Der Circuit Gilles Villeneuve auf der Île Notre-Dame bei Montreal ist eine anspruchsvolle High-Speed-Strecke, die mit ihren langen Geraden und ihren engen, langsamen Kurven hohe Ansprüche an Fahrer und  Material stellt. Ähnlich wie in den Straßenschluchten von Monaco gibt es auch in Montreal Betonmauern, die jeden Fehler bestrafen.

Berüchtigt ist die „Wall of Champions“ am Ende der letzten Schikane vor Start und Ziel. Hier kommen die Fahrer mit ihren Reifen im Idealfall bis auf wenige Zentimeter an die Mauer heran. Wenn es schlecht läuft, touchiert der Wagen das Bauwerk und das Rennen ist schnell beendet. Das passierte 1999 nacheinander Damon Hill, Michael Schumacher und Jacques Villeneuve. Inzwischen wurde die Schikane leicht entschärft, sie bleibt aber eine Schlüsselstelle, die keine Konzentrationsschwächen erlaubt.

Viele Geraden, wenige Kurven bei der Formel 1 in Kanada

Die Kurven dürften ohnehin nicht das Problem für das Team von Mercedes-AMG Petronas Motorsport sein. Teamchef Toto Wolff macht sich etwas Sorgen über einen speziellen Aspekt: „In den sechs Rennen dieser Saison waren wir in den Kurven immer sehr stark, haben aber Zeit auf den Geraden verloren. Entsprechend stellt Kanada eine enorme Herausforderung für uns dar, denn die Streckencharakteristik könnte unseren Gegnern entgegenkommen.

Es gibt viele lange Geraden und weniger Kurven, in denen wir Zeit gutmachen können. Aber wir freuen uns auf diese Aufgabe.“ Zu dieser Aufgabe gehört es, das perfekte Setup zu finden für die Kombination aus Kurven, vor denen innerhalb von zwei Sekunden von Tempo 280 auf 100 heruntergebremst werden muss, und den Hochgeschwindigkeitspassagen, auf den Geschwindigkeiten bis zu 315 km/h erreicht werden.

Die Aufhängung ist wichtig für die Aerodynamik

Das schwierige Streckenprofil stellt besondere Anforderungen an die spezielle Aufhängung eines Formel-1-Autos, die zunächst zwei Funktionen erfüllt: Sie reagiert auf den unebenen Asphalt, auf Bodenwellen oder Kerbs und stellt dabei sicher, dass das Auto mit den unebenen Oberflächen klarkommt. Ebenso muss sie auf das Lenken und Bremsen des Fahrers reagieren. Eine zusätzliche Aufgabe, die nur bei Formel-1-Autos vorkommt, ist die sogenannte Plattformkontrolle.

Denn je schneller ein F1-Auto fährt, umso mehr Abtrieb erzeugt es, das ein Vielfaches seines Gewichts ausmachen kann. Die Aufhängung muss also mit mehreren Tonnen zusätzlicher Belastung zurechtkommen. Und das ist eine enorme aerodynamische Herausforderung. Denn wenn sich das Fahrzeug nur um wenige Millimeter anhebt oder absenkt, verändert sich der Luftfluss so dramatisch, dass wichtige Aerodynamikteile wie der Unterboden oder der Diffusor weniger effizient arbeiten. Deswegen muss die Aufhängung eines Formel-1-Autos dafür sorgen, dass die Neigung und die Fahrhöhe des Fahrzeugs immer unter Kontrolle ist. Sonst kann das Aerodynamikkonzept sein Potenzial bei den verschiedenen Geschwindigkeiten nicht ausschöpfen.

Kontrollieren des Kontakts mit der Aufhängung

Die Aufhängung ist übrigens eines der teuersten Elemente eines F1-Fahrzeugs. Das liegt einerseits an den dafür verwendeten Materialien wie Metall und Kohlefaser, aber auch an den vielen Arbeitsstunden, die das Team von Mercedes-AMG Petronas Motorsport in die hauseigene Fertigung des gesamten Aufhängungssystems investiert. Ebenso aufwändig ist es, die optimale Aufhängung für jede einzelne Strecke zu finden.

Über das Aufhängungs-Setup kann nämlich genau kontrolliert werden, wie der Reifen mit der Straße in Kontakt kommt und durch veränderbare Parameter das Fahrverhalten und die Haftung optimiert werden. Das kann je nach Streckenprofil variieren. Deswegen überlegen die Teams immer wieder, ob sie eine neue Aufhängung für einen bestimmten Streckentyp einführen. In Monaco war das der Fall. Eine spezielle Vorderradaufhängung stellte sicher, dass das Auto die engste Kurve der Saison, die Fairmont Haarnadel, mit 40 Prozent mehr Einschlag nehmen konnte als jetzt die Haarnadelkurve (Kurve 10) beim anstehenden Großen Preis von Kanada.

Kanada ist übrigens für Lewis ein gutes Pflaster: Hier feierte er den ersten Sieg in seiner Formel-1-Karriere (2007) und gewann dort den Großen Preis bisher sechs Mal. Doch im vergangenen Jahr ging Ferrari-Pilot Sebastian Vettel als Erster vor Valtteri durchs Ziel. Es wird also wieder Zeit, dass Lewis, der aktuell die Fahrerwertung mit 137 Punkten anführt, in Kanada gewinnt. Und unser Team, das an der Spitze der Konstrukteurswertung steht, einen Doppelsieg feiert. Es wäre der sechste im siebten Rennen der Saison.


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Bradley Lord ist Mercedes-Benz Motorsport Communications Director. Er war mit vier Jahren zum ersten Mal bei einem Formel 1-Rennen und ist seitdem leidenschaftlicher Fan des Motorsports in all seinen Facetten.