Neu im Podcast: Zeitreise durch die Mercedes-Benz Oldtimer Sammlung

Wenn man mich fragt, wo ich arbeite, gibt’s nur eine richtige Antwort: „beim Daimler“. So sagen wir Schwaben das. Ich bin hier im Schwabenland geboren, in Esslingen. Hier und im Daimler-Podcast HeadLights auf Spotify, Apple Podcasts/iTunes und Google Podcasts zeige ich euch meine Arbeit im Classic-Center in Fellbach, wo die Sammlung von Mercedes-Benz Classic zu finden ist. Das ist die große Sammlung des Unternehmens mit rund eintausend Fahrzeugen.

Zusätzlich zu den Sammlungsfahrzeugen kümmern wir uns auch um Aufträge von Kunden: Die bringen ihre Klassiker aus aller Welt zu uns, damit wir sie mit unserem Know-how originalgetreu reparieren und restaurieren. Von der kleinen Reparatur bis hin zur Vollrestaurierung machen wir alles.

Dabei muss ich mich ständig neu erfinden: Denn aus den ganz frühen Jahren gibt es fast keine Aufschriebe mehr. So ist man gezwungen, selbst nach Lösungen zu suchen. Man kommt nur durch die richtige Mischung aus Kreativität und Erfahrung ans Ziel und dokumentiert dann alles, damit es für die Nachwelt erhalten bleibt. Das finde ich faszinierend.

Mercedes-Benz Oldtimer von 1885 bis 1960

Ich kümmere mich speziell um Motoren und Fahrzeuge von 1885 bis in die späten 1960er-Jahre. Mein Spezialgebiet ist dabei der 300 SL, den viele als legendären „Flügeltürer“ kennen. Für mich ist das eines der schönsten Automobile, die jemals gebaut wurden. Einerseits diese runden, harmonischen Formen und andererseits diese faszinierende Technik aus den Fünfzigern, die noch immer so gut funktioniert, dass man im heutigen Verkehr problemlos mitfahren kann.

Rund um die Welt im Zeichen des Sterns

Mich trifft man zwar häufig in der Werkstatt, aber ich komme auch viel rum in der Welt. Wir betreuen ja auch Oldtimer-Veranstaltungen wie die „Mille Miglia“. Da reisen wir dann mit mehreren Service-Teams an und stehen unseren Werks- und Kundenfahrzeugen zur Seite. Wenn da mal ein anderer Oldtimer mit Stern mit einer Panne am Straßenrand steht, helfen wir selbstverständlich auch. Ich habe viel gesehen, war schon auf allen Kontinenten – immer mit dem klaren Fokus auf unsere Klassiker.

Viel von dem Wissen, das ich heute habe, haben mir erfahrene Kfz-Meister weitergegeben. Die haben damals in den 50er- und 60er-Jahren ganz normal in der Werkstatt an Fahrzeugen gearbeitet. Die Autos waren für die Kollegen damals Alltagsgegenstände – und sind heute Oldtimer für uns. Das war ein echter Generationenaustausch. Und genau das machen wir heute auch wieder: Wir, die jetzt schon viele Jahre dabei sind, geben unsere Kenntnisse an unsere jungen, engagierten Kollegen, weiter. Von Mund zu Mund finde ich immer besser als wenn man etwas nur irgendwo nachliest.

Ein solcher Wissenstransfer findet nicht nur zwischen den Generationen, sondern auch zwischen Kontinenten statt. Mit Nate Landers, Werkstatteiter im Classic-Center in Irvine/Kalifornien, stehe ich regelmäßig in Kontakt. Vor zwanzig Jahren war er mal als Praktikant bei uns in Fellbach. Ebenso mit Kollegen in England, Australien und Neuseeland. So ein Austausch ist sehr wichtig, da es auf der ganzen Welt gute Fachleute gibt. Wenn man sich mit denen austauscht, bewegt man die Sache weiter in die richtige Richtung, findet schneller Lösungen. Ich gebe gerne Tipps, die anderen helfen können, ein Problem zu lösen.

Originalität als Leitmotiv

Bei meiner Arbeit als Oldtimer-Spezialist steht Originalität ganz oben auf der Liste. Da machen wir nur bei gewissen Dingen kleine Ausnahmen, vor allem bei der Sicherheit: Wir bauen beispielsweise keine Bremsbeläge mehr ein, die eine Materialzusammensetzung aus den 30er-Jahren haben. Hinzu kommt: Die Autos bewegen sich heute natürlich in einer ganz anderen Verkehrsdichte als noch 1900 oder 1950.

Staus sind ein interessantes Beispiel: So etwas gab es früher schlichtweg nicht. Alte Autos mögen keine Staus, weil ihre Motoren oft nur mit dem Fahrtwind gekühlt werden. Wir wollen unseren Kunden immer ein Fahrzeug ausliefern, welches im Alltag genutzt werden kann. Deshalb haben wir, je nach Einsatzzweck oder Wunsch des Kunden, schon mal einen elektrischen Lüfter eingebaut – damit der Motor im Stau eben nicht kollabiert.

Zurück auf der Originalstrecke: 100 Jahre später

Ein Highlight in meiner Berufslaufbahn war zweifellos der komplette Wiederaufbau eines Mercedes Grand-Prix-Rennwagens, von dem 1908 nur zehn Exemplare gebaut worden waren. Vor einigen Jahren kam ein Kunde mit nahezu unkenntlichen Fragmenten eines Rennwagens an und wollte wissen, was das genau ist. Die Recherchen bei uns in der Werkstatt und in unserem Konzernarchiv ergaben, dass es sich um das Chassis, Getriebe und um die Vorderachse eines Mercedes Grand-Prix-Rennwagen handelt, der 1908 bei dem großen Rennen der Nationen in Dieppe in der Normandie an den Start gegangen war.

Das war ein Stück weit echte Detektivarbeit, bei der wir auf das gesammelte Daimler-Wissen zurückgreifen konnten. Wir haben das Fahrzeug komplett wieder originalgetreu aufgebaut. Weil der Motor nicht mehr existierte, wurde im Werk in der Gießerei in Mettingen ein neuer aufgebaut – also genau dort, wo er vor einhundert Jahren schon mal gebaut worden war. Die Kollegen waren Feuer und Flamme und wir haben viel Unterstützung von allen Chefs bekommen. Als der Wagen dann in Dieppe wieder lief, auf der Originalstrecke von 1908, war es ein unbeschreiblicher Moment für mich – ganz besonders, weil ich gesehen habe, wie glücklich wir den Besitzer machen konnten.

Von klein an mitgeschraubt

Dass ich mal etwas mit Autos mache, war irgendwie schon ziemlich früh klar. Mein Großvater und mein Vater waren beide auch „beim Daimler“, haben sich dann später selbständig gemacht. Ich bin quasi mit Autos und Technik aufgewachsen, habe von klein an mitgeschraubt. Als ich dann 1982 selbst beim Daimler anfing, spürte ich an meinem ersten Arbeitstag: Hier bin ich angekommen, genau das möchte ich in meinem Berufsleben machen.

Den Beruf zum Hobby gemacht

Es mag vielleicht überraschen, dass ich selbst in meiner Freizeit noch – nachdem ich mit unseren beiden Hunden zum Abschalten spazieren war – gerne in meiner privaten Garage verschwinde. Da nehme ich dann mein Werkzeug in die Hand und schraube zur Entspannung an schönen Autos aus Deutschland, England, Italien und Frankreich. Das sind jetzt keine Schätze, aber die technischen Lösungen von damals faszinieren mich. Es ist einfach meine Leidenschaft, meine Passion.


Auf folgenden Plattformen können Sie unseren Podcast „Headlights“ abonnieren und auch gerne bewerten Spotify | Apple Podcasts | Google Podcasts

Michael Plag ist Restaurateur im Mercedes-Benz Classic Center in Fellbach – dem weltweiten Zentrum der automobilen Mercedes-Benz Originalität. Hier kümmert er sich nicht nur um die Restaurations-Projekte des Konzerns, sondern auch ganz persönlich um Kunden, die ihren historischen Mercedes-Benz wieder neuen Glanz verschaffen wollen. Plag gilt als echte Koryphäe unter den Mercedes-Restaurateuren. Sein umfangreiches Fachwissen verdankt er unter anderem vielen Gesprächen mit älteren Kollegen, die schon zu seiner Azubi-Zeit an den alten Modellen geschraubt haben.