Neu im Podcast: Daimler in Immendingen ist ein Paradies für Entwickler

Auf dem Gelände des Prüf- und Technologiezentrums von Daimler in Immendingen stehen mehr als dreißig verschiedene Test- und Prüfstrecken für die Simulation unterschiedlichster Fahrbedingungen bereit. Hier und im Daimler-Podcast HeadLights auf Spotify, Apple Podcasts/iTunes und Google Podcasts gebe ich als Entwicklungsingenieur Einblicke in meine tägliche Arbeit.

Die vier strategischen Zukunftsfelder Vernetzung (Connected), autonomes Fahren (Autonomous), flexible Nutzung (Shared) und elektrische Antriebe (Electric) hat Daimler unter dem Begriff CASE zusammengefasst. Seit der Eröffnung im Spätsommer 2018 kümmern wir uns hier im Prüf- und Entwicklungszentrum um genau diese Themen. Mit einer Fläche von 530 Hektar ist Immendingen so etwas wie ein kleines Paradies für uns Entwickler.

Wer einen Blick auf das Gelände wirft, sieht sofort: Wir arbeiten hier viel mit Prüfmitteln. Mit diesem ziemlich technischen Begriff bezeichnen wir die unterschiedlichen Fahrzeug- und Fußgängerattrappen, mit deren Hilfe wir die Fahrerassistenzsysteme noch besser machen. Eine solche Attrappe wirkt optisch für Kamerasysteme, aber auch z.B. für die Radarsensoren unserer Systeme im Fahrzeug wie ein echtes Auto oder ein echter Mensch. Sie besteht typischerweise aus einzelnen Puzzleteilen, die mit einer Folie überspannt werden. Falls es zu einem Aufprall kommt, zerfällt das Prüfmittel einfach in seine Einzelteile – ohne dass ein Schaden am Fahrzeug oder am Prüfmittel selbst entsteht.

Entwicklungsingenieur statt Baggerführer

Dass ich eines Tages Entwicklungsingenieur bei Daimler werde und mich Tag für Tag mit dem Thema Fahrerassistenzsysteme auseinandersetze, hätte ich als kleiner Junge nicht gedacht. Damals wollte ich – ganz klassisch – Baggerführer werden. Später kam dann der Wunsch auf, Erfinder zu werden. Und: Ich kann mich auch noch an eine Phase erinnern, da wollte ich unbedingt Physiker werden. Da kommen wir der Sache schon ein bisschen näher. Denn mit neuen Erfindungen und Physik hat mein heutiger Beruf ja auch ziemlich viel zu tun.

Blick auf unser Prüf- und Technologiezentrum in Immendingen: Im Vordergrund die Test-Fläche zum autonomen Fahren

Während meines Arbeitsalltags spüre ich regelmäßig die Grenzen der Physik. Ich mag es zum Beispiel sehr, wenn es bei einem unserer Tests zu extrem starken Verzögerungen im Fahrzeug kommt. Wenn es wirklich knapp wird, dann ist es immer spektakulär. Ich weiß natürlich, dass es nicht zum Unfall kommen wird – aber ich bin dann doch irgendwie beeindruckt, wenn es dann auch tatsächlich glatt läuft. Wenn das Fahrzeug knapp einen Meter vor einem Hindernis zum Stillstand kommt, sieht es vom Fahrersitz oft nach nur wenigen Zentimetern aus – das ist auch nach dem hundertsten Mal noch immer sehr faszinierend.

Fahrzeuge auch in Grenzsituationen kontrollieren

Meine Kollegen und ich lernen hier auch, wie sich Autos ohne Assistenzsysteme verhalten, um in der Entwicklungsphase mit frühen Prototypen sicher fahren zu können. Im Wesentlichen geht es darum, ein Fahrzeug auch in Grenzsituationen sicher zu kontrollieren. Ein typisches Beispiel: Man fährt in eine mit rot-weißen Pylonen markierte Gasse ein, und eine Ampel zeigt nach dem Zufallsprinzip an, ob man links oder rechts fahren muss. Die Geschwindigkeit, mit der das Manöver gefahren wird, ist vorgegeben – und plötzlich sind ESP und ähnliche elektronische Helfer deaktiviert. Das Ziel ist es, das Auto trotzdem sicher beherrschen zu können – also ein Ausweichmanöver zu fahren und dann kontrolliert zum Stehen zu kommen.

Weil wir nicht alle Szenarien selbst fahren, arbeiten wir mit so genannten Lenkrobotern, die wir in die Fahrzeuge einbauen. Über Stellmotoren können dann sehr präzise – und reproduzierbar – sowohl Gas, Bremse und auch das Lenkrad betätigt werden. Das machen wir vor allem in Situationen, bei denen die Anfahrt sehr exakt gefahren werden muss, beispielsweise dann, wenn ein entgegenkommendes oder knapp querendes Fahrzeug vorhanden ist und man das eigene Auto ein bisschen in die Gegenfahrspur lenken muss. Wenn ein Lenkroboter die Kontrolle übernimmt, sitze ich trotzdem daneben, kontrolliere die Messeinrichtungen – und kann jederzeit eingreifen.

Messdatenanalyse bei Daimler in Immendingen

Im Anschluss an solche Test- oder Prüffahrten geht’s für mich runter vom Testgelände und rein ins Büro. Dort schaue ich mir die aufgezeichneten Messdaten an und werte sie aus: sowohl die Infos der Fahrzeugsysteme als auch das, was unsere Lenkroboter so getan haben. Wir schauen uns an: Ist das Fahrzeug wirklich in der Mitte der Fahrspur gefahren oder mit dem gewünschten Versatz? Können wir die Messung zum Auswerten nutzen? Welche Erkenntnisse können wir daraus ziehen? Wie waren die Restabstände – also wie weit sind wir vor unserem Hindernis stehen geblieben? Oder, wenn wir an eine Systemgrenze kommen: Wie viel Geschwindigkeit konnten wir abbauen, bis wir das Hindernis berührt haben?

Ein Beispiel für eines der Assistenzsysteme, die wir in Immendingen testen. Kameras erlauben dem Fahrzeug Ampeln, Verkehrszeichen oder sogar Fußgänger zu erkennen

Unsere Fahrerassistenzsysteme können heute in vielen Situationen so eingreifen, dass ein Unfall gar nicht erst passiert oder, falls physikalisch nicht möglich, die Unfallschwere und damit das Verletzungsrisiko für die eigenen Insassen und auch die Unfallpartner teils dramatisch reduziert werden kann. Das bedeutet ganz konkret: Es kommen weniger Menschen zu Schaden als ohne diese Systeme. Das ist ein wichtiger Beitrag, an dem ich gerne mitarbeite. Das Prüf- und Technologiezentrum ist ja noch recht neu – aber es hat sich schon so etwas wie eine Immendinger Familie gebildet. Ich mag diese familiäre Stimmung und diesen Zusammenhalt sehr und arbeite wirklich gerne in Immendingen.


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Stefan Müller Delgado ist seit 2016 bei der Daimler AG Entwicklungsingenieur für Fahrer-Assistenzsysteme im neuen Prüf- und Technologiezentrum Immendingen. Was sperrig klingt, ist im Alltag hochspannend: Gemeinsam mit seinen Kollegen tüftelt er daran, unsere Fahrer-Assistenzsysteme weiterzuentwickeln. Zu seinem Arbeitsalltag gehören zum Beispiel Testfahrten auf offener Straße und auf der Teststrecke und die Auswertung der Daten. Zu seinem Traumjob ist er übrigens über eine Werksstudentenstelle gekommen.