Formel 1 in Baku 2019: Action in Aserbaidschan

In dem Stadtkurs am Kaspischen Meer gibt’s Sightseeing quasi on top: Beim Baku City Circuit rasen Lewis & Co. durch die malerische Altstadt, entlang der alten Stadtmauern und einer historischen Burganlage – durch die übrigens nur ein Auto passt –, direkt vorbei am Regierungssitz und moderner Architektur. Start- und Zielgerade verlaufen parallel zur Uferpromenade. Entwickelt hat das außergewöhnliche Streckenlayout in Aiserbaidschan übrigens der deutsche Streckendesigner Hermann Tilke.

Erhöhte Safety-Car-Wahrscheinlichkeit

Im vergangenen Jahr kostete Valtteri ein Reifenschaden kurz vor Rennende den verdienten Sieg. Wir können sicher sein, dass er heiß darauf ist, sich die Punkte zu holen, die ihm letztes Jahr verwehrt geblieben sind. Lewis wird zweifelsohne darauf aus sein, seinen Sieg aus dem Vorjahr zu wiederholen. Doch Baku, das erst seit 2016 Gaststätte für den Formel-1-Zirkus ist, hat bereits für Chaos und einige Spannungsmomente gesorgt. Beim Großen Preis von Aserbaidschan 2017 kam das Safety Car dreimal zum Einsatz, im Jahr darauf zweimal. Ein Nachteil für den Führenden, der beim Re-Start hier schnell ein leichtes Opfer für die Verfolger in seinem Windschatten wird. Aber warum geht es in den Straßen von Baku eigentlich so wild zu?

Die wilden Straßen im Stadkurs von Baku

Zunächst einmal ist es ein Straßenkurs. Die Autos sind auf relativ engen Straßen unterwegs, besonders in der Altstadt mit ihren Mauern und knappen Auslaufzonen. Dadurch wird das Fahren zwar nicht zwangsläufig schwieriger, aber Fehler haben viel deutlichere Konsequenzen. In Baku kann jeder Fehler bedeuten, dass die Mechaniker plötzlich viel zu tun haben und der Fahrer selbst nur noch zuschauen kann. Um ein gutes Ergebnis zu erzielen, kommt es eben auch darauf an, sich aus Schwierigkeiten herauszuhalten…

Der anspruchsvolle WM-Piste von Baku und ihre Lage machen das Asphaltband zur besonderen Herausforderung – nicht nur für die Fahrer, auch für die Technik: Für den bestmöglichen Grip benötigen Formel 1-Reifen Temperaturen um 100 Grad. In Baku kann es jedoch schwierig werden, die Reifen ins optimale Temperaturfenster zu bekommen. Der Große Preis von Aserbaidschan findet dieses Jahr relativ früh statt, sodass die Streckentemperaturen recht niedrig ausfallen können. Große Teile der Strecke liegen im Schatten, sie erwärmen sich nicht. Tatsächlich könnten wir in Baku die niedrigsten Asphalttemperaturen der gesamten Saison erleben.

Der Streckenverlauf erschwert die Lage zusätzlich, da die Reifen sich auf den langen Geraden und in den langsamen Kurven abkühlen. Dadurch wird einfach nicht genügend Energie erzeugt, um sie aufzuwärmen. Umso herausfordernder wird das Ganze, sollte das Safety Car zum Einsatz kommen. Dann fahren die Autos noch langsamer und entwickeln noch weniger Energie. Deshalb tendieren die Fahrer in Baku oft zu aggressiven Aufwärmmanövern für ihre Reifen.

Formel 1 in Baku: Balanceakt der Technik

Der Baku City Circuit besitzt ein ungewöhnliches Streckenlayout, das quasi zwei Strecken in einer darstellt: Die lange Gerade mit einer harten Bremszone am Ende weist Ähnlichkeiten zum norditalienischen Highspeed-Kurs in Monza auf. Der winklige und enge Abschnitt durch die Altstadt erinnert hingegen an den legendären Stadtkurs von Monaco.

Diese Mischung sorgt für einen Balanceakt bei der Abstimmung des Fahrzeugs. So kühlen die Bremsen auf der langen Gerade vor der ersten Kurve erheblich ab. Aus diesem Grund wäre es am besten, die Bremsbelüftungen zu verkleinern, um die Bremsen so warm wie möglich zu halten. Allerdings würden die Bremsen dann in der Altstadt überhitzen. Dort führt das Fehlen längerer Geraden dazu, dass die Bremsen zwischen den Kurven kaum Möglichkeiten haben, um sich zwischenzeitlich abzukühlen.

Auch bei der gewählten Downforce geht es nicht ohne Kompromiss. Als die Formel 1 zum ersten Mal in Baku gastierte, stellten die Teams fest, dass die High-Downforce sie durch den erhöhten Luftwiderstand auf der langen Geraden Zeit kostete. Seitdem tendieren die Teams eher zu einem Paket mit geringerem Abtrieb. Die Flügel sind nicht ganz auf dem Niveau von Monza, sie befinden sich aber im mittleren Abtriebs-Bereich, den die Teams in Spa oder Montreal einsetzen.

Anstrengend wird ganz sicher auch dieser Städtetrip. Aber dieser vor allem für die Ingenieure. Welches Team wird den richtigen Kompromiss für die Mischung aus überholfreundlichen Geraden und langsamen Kurven finden? Der enge und zugleich schnellste Stadtkurs der Geschichte (mit Topspeeds von mehr als 320 km/h) lässt wenig Raum für Fehler. Das macht den Grand Prix in Baku zu einem der spannendsten Events im Formel 1-Kalender – vor toller Kulisse. Die Erwartungen sind hoch.


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Bradley Lord ist Mercedes-Benz Motorsport Communications Director. Er war mit vier Jahren zum ersten Mal bei einem Formel 1-Rennen und ist seitdem leidenschaftlicher Fan des Motorsports in all seinen Facetten.