GLB Concept Car – Von der Werkbank auf die Showbühne

Beim „Heiteren Beruferaten“ könnte ich glatt behaupten, dass ich im Showbusiness arbeite. Aber nicht ich stehe im Rampenlicht, sondern die Showcars, die meine Kollegen und ich für Automobilmessen rund um den Globus aufbauen. Unser jüngstes Projekt war der Concept GLB, der am 15. April auf der „Auto Shanghai“ seine Weltpremiere gefeiert hat.

Bewusst überzogen: markantes Design im Stil eines Expeditionsfahrzeugs

Intern heißt der Concept GLB übrigens SC 037 – Showcar Nummer 37. Warum bauen wir überhaupt Showcars? Um Appetit zu machen auf neue Autos, „Vorpositionierung“ würden wohl die Kollegen vom Marketing dazu sagen. Als „rollendes Schaufenster“ geben sie einen Ausblick auf kommende Modelle oder testen, wie eine Idee beim Publikum ankommt. Beim Concept GLB haben wir das Thema Offroad bewusst ein wenig überdreht. Dank seiner vielen markanten Details wie den großen Rädern oder dem mächtigen Dachaufbau sieht das Auto so aus, als könne es gleich auf eine mehrmonatige Expedition gehen.

Mein Autotyp ist das allerdings nicht so ganz. Ich hätte gerne irgendwann mal eine Halle zum Schrauben und einen oder mehrere Youngtimer. Einen R 107 könnte ich mir gut vorstellen. Oder ein 123er Coupé oder einen R 170 …

Puzzle für Fortgeschrittene: 12 Gitterboxen mit Teilen

Normalerweise starten wir 12 bis 18 Monate vor dem Messedebüt eines Showcars mit dessen Aufbau. Aber was ist schon normal in unserem Arbeitsbereich? Beim Concept GLB erhielten wir erst im September 2018 das finale „Go!“ Neben Skizzen gab es ein 1:1-Modell aus Ton als Basis. Und da das Serienauto ja noch 2019 auf den Markt kommen soll, klang das nach einer recht entspannten Ausgangslage.

Design Skizzen/Renderings vom Concept GLB.

Aber es kam wie so oft anders … Weil wir doch recht spät dran waren, konnten wir uns in der Anlauffabrik hier in Sindelfingen kein so genanntes B-Fahrzeug mehr bauen lassen, sondern mussten ein Auto nehmen, das bereits ein Vorleben hatte. Prämisse war, dass es ein Siebensitzer sein musste, da das in dieser Klasse ja etwas Besonderes und entsprechend wichtig bei der PR-Strategie ist. Das hat die Auswahl an Fahrzeugen noch mal stark reduziert. Dann wollten wir unser Auto natürlich in einem möglichst guten Zustand, also ohne Beulen und Löcher. Auch nicht so einfach – denn die Prototypen haben oft ein bewegtes Vorleben, spulen sie doch viele tausend Kilometer im Zeitraffer und mit reichlich Messequipment bestückt ab.

Zudem war unser Ausgangsfahrzeug eher karg ausgestattet, hatte also zum Beispiel nur die kleinen MBUX-Bildschirme. Schlussendlich haben wir daher noch etwa drei Fahrzeuge in Teilen gebraucht, um daraus eins zu machen was unseren Vorstellungen entsprach.

Design Skizzen/Renderings vom Concept GLB.

Mit Peking/China und Aguascalientes/Mexiko liegen die künftigen GLB-Werke leider nicht gerade ums Eck. Dafür ist die Anlauffabrik in Rufweite, und von der haben wir alle Überschussteile bekommen. In diesem Fall ist „alle“ sogar wörtlich gemeint. Es waren insgesamt 12 Gitterboxen mit Teilen, die die Lagerarbeiter für uns zusammengestellt haben. Zwei 40-Tonner haben die Teile vom Werk in die Werkstatt transportiert. Und wieder zurück, denn unser Wareneingang hat zunächst die Annahme verweigert, weil diese Großlieferung per Lkw etwas unerwartet kam …

Aus dem Vollen gefräst: exklusive Showcar-Details

Insgesamt war es eine vierstellige Zahl an Teilen, mit denen wir den Basis-GLB hochgerüstet haben. Hinzu kamen natürlich noch viele Teile exklusiv fürs Showcar, die es sonst weder gegen Geld noch für gute Worte gibt. Größere Komponenten wie Stoßfänger oder Kotflügel entstehen in Laminat-Bauweise. Auf Basis der vom Tonmodell abgenommenen Daten wird eine Negativform hergestellt. Mit Kohlefasermatten wird das Teil dann Schicht um Schicht von Hand laminiert.

Beim Concept GLB haben wir auch viele Frästeile aus Aluminium eingesetzt, zum Beispiel die Konsole der Dachbox. Auch die Räder sind aus dem Vollen gefräst. Aus optischen Gründen sitzt bei unseren Showcars das Ventil übrigens immer an der Innenseite der Räder – vielleicht beim nächsten Messebesuch mal darauf achten.

Vor welchen Herausforderungen wir beim Aufbau des Concept GLB standen? Da fällt mir eine ganze Menge ein: Einzelne rare Teile aufzutreiben wie etwa die Abdeckung der Sitzschienen. Die UI-Kollegen davon zu überzeugen, dass wir ein Bild des Messefahrzeugs fürs Kombiinstrument brauchen. Und vielleicht noch, den Reifenhersteller zu überreden, dass er uns den Schriftzug orange aufvulkanisiert. Ganz schön viel Aufwand für ein Einzelstück also, dessen Lebenszeit in der Öffentlichkeit sehr begrenzt ist, weil schon bald das Serienmodell kommt. Was mit dem Concept GLB nach seinem Messeauftritt geschieht, weiß ich gar nicht genau. Oft werden Showcars ein letztes Mal beim Produktionsanlauf des Serienfahrzeugs gezeigt, bevor sie im Magazin des Museums auf künftige Auftritte warten.

Schnelle Entscheidungen, viel Flexibilität: schlagkräftiges Team

In meinem Job braucht man Improvisationstalent und muss unter Zeitdruck arbeiten können. Humor zu haben und Leute motivieren zu können, sind aber auch sehr wichtig. Denn wir arbeiten in kleinen, überschaubaren Teams mit jeweils gut einem Dutzend Leute. Die stammen aus vielen Fachrichtungen: Konstrukteure sind darunter, Spezialisten für Interieur und Exterieur, für den Rohbau und für den Antrieb, Elektriker und Mechatroniker.

Das Aufbauteam vom Concept GLB (von links nach rechts): Thomas Benzing, Michael Haug (kniend), Jakob Nagel, Matthias Hildebrand, Udo Preuß, Florian Madeo, Andre Gärtner (kniend) und Boris Jelinek.

Insgesamt sind wir in der Abteilung 70 bis 80 Leute. Wir bauen aber nicht nur die Showcars auf, sondern kümmern uns auch um Forschungs- und Serienprojekte. Dazu gehören beispielsweise Aggregateträger oder so genannte Sitzkisten, also aufs Wesentliche reduzierte Interieurmodelle im Maßstab 1:1. Wir arbeiten beim Aufbau eines Showcars übrigens regelmäßig mit externen Spezialisten zusammen. Das hat nicht nur Kapazitätsgründe, sondern erleichtert auch die Geheimhaltung. Bei uns in der Werkstatt geben sich ja oft die internen Besucher aus vielen Abteilen des Entwicklungszentrums die Klinke in die Hand.

Technik-Check von Michael Haug und Boris Jelinek.

Acht-Stunden-Tage wie bei einem klassischen Bürojob kennen wir nicht. Bei uns wechseln sich Zeiten harter Anspannung mit eher lockeren Phasen ab. Weil wir parallel an mehreren Showcars und Forschungsfahrzeugen arbeiten und diese eine unterschiedlich lange Vorlaufzeit von sechs Monaten bis zu ein, zwei Jahren haben, gleicht sich das meist irgendwie aus.

Erste positive Resonanz: kurzer Auftritt vor der eigentlichen Premiere

Und natürlich ist die Betreuung eines Fahrzeugs auf einer Messe zeitaufwendig. Aber ich mache das sehr gerne, weil es toll ist, live zu erleben, wie das Fahrzeug enthüllt wird und beim Publikum ankommt. Beim Concept EQ haben wir auch die Filmaufnahmen in Amerika begleitet. Da waren die Reaktionen noch unmittelbarer. Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen, der das Auto einfach cool fand. Bei einem späteren Gespräch kam heraus, dass sein Vater bei Tesla arbeitete. Ich hatte damals übrigens das Vergnügen, bei den Aufnahmen das Concept EQ zu fahren. Eine tolle Erfahrung, hier ein Video dazu.

Sneak Preview in Sindelfingen war ein großer Erfolg.

Beim Concept GLB gab es bereits einen so genannten Sneak Preview, also eine Vor-Premiere, schon vor dem eigentlichen Messeauftritt. Vor dem Versand nach China wurde das Fahrzeug europäischen Journalisten gezeigt, die nicht nach Shanghai reisen konnten. Bei dieser „kleinen Weltpremiere“, die im Bau 80 in Sindelfingen stattfand, haben die Designer Achim Badstübner und Hartmut Sinkwitz das Showcar vorgestellt. Die Resonanz ist sehr positiv ausgefallen, das freut mich als einen der Väter des Concept GLB natürlich.

Sneak Preview in Sindelfingen war ein großer Erfolg.

Unterwegs per Economy Class: im Container nach Shanghai

Anschließend wurde der Concept GLB verladen. Wir nutzen umgebaute Seecontainer, die in Flugzeuge passen. Die Zeiten, als Automobilfirmen für ihre Showcars ganze Flieger charterten, sind vorbei. Auch der Concept GLB ist also Economy geflogen. Am zeitaufwendigsten gestaltete sich aber ohnehin nicht der Transport nach Shanghai, sondern die Zollabfertigung in China. Drei Wochen hatten wir für beides einkalkuliert. Der Chef der Speditionsfirma war vor Ort, deswegen konnte ich auch in der Endphase gut schlafen.

Impressionen von der Weltpremiere in Shanghai.

Und wirklich verpasst hat ja noch nie ein Showcar seine Messe. Ich gebe zu: Wir sind nicht immer 100-prozentig fertig geworden, und manchmal brauchten wir schnell einen Plan B. 2011 in Shanghai mussten wir das Concept A beispielsweise mit zwei, drei Mann auf die Bühne schieben. Aber das ging glücklicherweise im allgemeinen Trubel und der entsprechenden Geräuschkulisse der Automesse unter. Außerdem stellten wir die Nebelmaschine noch schnell auf „stärker“. Wie heißt es doch so schön: There’s no business like show business …

Impressionen von der Weltpremiere in Shanghai.


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Udo Preuß war operativer Projektleiter im Aufbauteam des Concept GLB in der Versuchswerkstatt. Der gelernte Karosseriebauer und staatlich geprüfte Techniker ist seit 2008 bei Daimler. In seinem Blogbeitrag erzählt er detailliert über den Aufbau dieses Showcars.