Mercedes-Benz Museum: Wie ein Kindheitstraum nach 61 Jahren wahr wurde

Jedes Jahr besuchen über 800.000 Menschen aus aller Welt das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart. Für uns Mitarbeiter ergeben sich daraus immer wieder besondere Begegnungen. Der Besuch von Kari und Henrita Ruokonen, die im März 2019 mit einem roten Mercedes-Benz 190 SL im Gepäck aus Helsinki anreisten, bleibt mir unvergessen.

Es begann mit einem Brief

Am Anfang des Besuchs von Kari und seiner Frau Henrita steht ein Schreiben an das „PR Department der Daimler AG“. Es landet auf einigen Umwegen im Mercedes-Benz Museum und schließlich bei mir.

Ich lese Karis Geschichte. Die Geschichte eines heute 76-Jährigen, der 1958 im Alter von 15 zusammen mit seinem älteren Bruder eine „Cartboard Car Factory“ ins Leben gerufen hatte.

Die Materialien für den Bau eines Modellautos waren im wesentlichen Pappkarton, Draht, Gummi, Filz und Holz.

In Ermangelung von Spielsachen hatten die beiden Jungs aus Pappe, Holz und verschiedenen Abfallmaterialien Modellautos gebaut, die sie mit Klebstoff und Farbe in kleine Kunstwerke verwandelten. Ihr Anspruch: Die Modelle sollten auch bis ins kleinste Detail mit den originalen Vorbildern übereinstimmen. Um die Fahrzeuge so genau und vor allem maßstabsgerecht bauen zu können, hatte sich Karis Bruder bei Veho, dem finnischen Generalimporteur von Mercedes-Benz, die entsprechenden Broschüren besorgt. Kari schreibt: „Mein Bruder war der Chef, und ich baute die Modelle.“ So entstand in zehn Monaten intensiver Arbeit ein kleiner roter Mercedes-Benz 190 SL.

Kari baute das Modell des 190 SL in zehn Monaten. Der Maßstab von 1:9,35 bei einer Länge von 45 cm ergab sich aus der Größe der Räder, welche als einzige Teile zugekauft wurden.

Die Einladung nach Stuttgart

Der Bruder zeigte das Resultat einem Verkäufer von Veho, der von dem roten Flitzer so begeistert war, dass er das Modell zwei Wochen bei sich behielt, Fotos machte und nach Stuttgart schickte. Als die beiden ihren 190 SL wieder abholten, erzählte man ihnen, sie seien ins Mercedes-Benz Museum nach Stuttgart eingeladen. Eine Einladung, die damals nicht zu realisieren war: „I was 15 years old and I had no opportunity to make that, even if that would have been the best thing in my life to travel there.“ (Ich war 15 Jahre alt und hatte keine Möglichkeit, das zu machen, auch wenn es die beste Sache in meinem Leben gewesen wäre, dorthin zu reisen.)

Gültig auch nach 61 Jahren

Das beigelegte Foto des roten Mercedes-Benz 190 SL begeistert mich, und nach Karis Brief und seiner Frage, ob die Einladung ins Mercedes-Benz Museum noch heute gültig sei, weiß ich, dass es meine Aufgabe ist, einen Redakteur zu finden, der diese faszinierende Geschichte erzählt. Pressearbeit für das Museum ist mein Job, Karis Schreiben landete bei mir goldrichtig.

Bei einer ersten Nachfrage schreibt Kari, dass das Modell des 190 SL noch in sehr gutem Zustand und ohne weiteres transportabel sei. Und er schickt weitere Bilder von einem Sportwagen und einem LKW. Großartig!

Drei Modelle sind noch erhalten: der 190 SL, ein Sportwagen und ein LKW.

Am 7. März ist es dann so weit: Ein Redakteur und eine Fotografin des Classic Magazins, ein Museums-Guide und ich begrüßen am Stuttgarter Flughafen Kari und seine Frau Henrita. Die Chemie stimmt sofort – die beiden Gäste aus Finnland schauen gespannt und voller Erwartung.

Klug eingefädelt

Auf der Fahrt ins Museum verrät mir Henrita, dass diese Einladung für ihren Mann etwas ganz Besonderes sei. Aber nicht er, sondern sie habe den Brief geschrieben. Erstens, weil ihr Mann nicht so gut auf Englisch formulieren könne, zweitens, weil er viel zu bescheiden sei, und drittens, weil er ohnehin nicht damit rechnete, jemals eine Antwort zu erhalten. Mir gefällt die Vorstellung, dass seine Frau die Einladung eingefädelt hat.

Der Mercedes-Benz 190 SL gilt als Traumwagen der 1950er Jahre. Der Besitzer dieses Fahrzeugs war der NASA-Astronaut David Randolph Scott, der 1971 als siebter Mensch auf dem Mond war. Das Fahrzeug steht in unrestauriertem Originalzustand im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart.

Eine Reise in die Kindheit

Der Tag vergeht wie im Flug. Unser Gang durch das Museum ist für Kari eine Zeitreise in die eigene Kindheit – geweckt durch die Begegnung mit zwei originalen Mercedes-Benz 190 SL, den gewissermaßen großen Brüdern seines Modells: In der „Galerie der Namen“ steigt Kari als Beifahrer in einen grauen 190 SL von 1959 ein, sein Modell erhält den Ehrenplatz auf dem Fahrersitz.

Nach dem Museumsbesuch dann die Überraschung: ein weiterer silberner Mercedes-Benz 190 SL auf dem Museumshügel – Zeit zum Einsteigen, ausgiebigen Begutachten und Abgleichen zwischen Modell und Original.

Nachmittags wird der 190 SL verladen und kehrt wieder in die Sammlung zurück.

Nachmittags präsentiert Gerhard Heidbrink in den Archiven von Mercedes-Benz Classic noch ganz besondere Schätze: das Archivkonvolut mit der Patentschrift von Carl Benz von 1886, das 2011 in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen wurde, dazu ein weiteres Konvolut mit dem Reisepass und der Geburtsurkunde von Mercédès Jellinek, originale Designzeichnungen des Mercedes-Benz 190 SL und vieles mehr.

Thank you for making a little boy’s dream come true

Mit diesen Worten im Gästebuch des Mercedes-Benz Museums verabschieden sich Kari und seine Frau nach einem weiteren ausgiebigen Museumsbesuch am nächsten Tag. Bye-bye, Kari und Henrita!

Kari und Henrita Ruokonen verabschieden sich mit einem Eintrag im Besucherbuch.

Nachtrag: Zwei Tage später erreicht uns per E-Mail ein langes Dankeschön. Kari schreibt, dass er es sich als Junge nie hätte träumen lassen, eines Tages einmal wirklich hinter dem Lenkrad eines echten 190 SL sitzen zu können. Unsere Einladung ins Museum sei doch der allerschönste Beweis dafür, dass man immer an seine Träume glauben solle.

Ich denke, Henrita hat auch dieses Schreiben formuliert, um aufrichtig zum Ausdruck zu bringen, wofür ihr Mann zwar keine Worte, aber dafür umso mehr Gefühle hatte.


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Friederike Valet arbeitet im Bereich Classic Communications als Pressesprecherin für das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart. An ihrer Arbeit schätzt sie die Vielfalt ihrer Projekte und den kreativen Spirit im Team.