Neu im Podcast: Warum es bei Daimler einen Chefökonomen gibt

Ich bin Chefökonom bei Daimler. Wenn sich dieser Job für Sie zunächst eher abenteuerlich anhört, keine Sorge: Sie sind damit nicht alleine. Aber ich versichere Ihnen: Es ist unfassbar abwechslungsreich – denn kein Tag ist wie der andere.

Hier und im Daimler-Podcast HeadLights auf Spotify, Apple Podcasts/iTunes und Google Podcasts, erzähle ich, warum das Auf und Ab der Wirtschaft heute wohl spannender ist als jemals zuvor, wann mein Team und ich besonders gefragt sind und warum wir uns mitunter auch mit der Entwicklung des Bierpreises auf dem Cannstatter Wasen beschäftigen.

Stellen Sie sich vor: In einer ganz normalen deutschen Fußgängerzone sprechen Sie zufällig Leute an und fragen sie, welche Jobs es denn bei Daimler gibt. Was wären wohl die häufigsten Antworten? Mechaniker wäre wohl vorn dabei. Ingenieur oder Automobilverkäufer bestimmt auch. Und mein Beruf – Chefökonom – ziemlich sicher nicht. Was ich ja auch irgendwie verstehen kann: Jemanden, der sich intensiv mit Volkswirtschaft beschäftigt, erwartet man landläufig eher bei einer Bank, einer Versicherung oder in der Politik.

Das wirtschaftliche Umfeld beeinflusst uns

Und trotzdem liegt es ja irgendwie auf der Hand: Ein Unternehmen, das Fahrzeuge verkauft und  Mobilitäts-Dienstleistungen anbietet, beschäftigt sich natürlich auch mit dem wirtschaftlichen Umfeld in dem es tätig ist. Denn was in Wirtschaft und Politik passiert hat natürlich Auswirkungen auf unser Geschäft – auf die Absatzmärkte für Pkw, Trucks, Vans oder Busse. Genau dort kommen mein Team und ich ins Spiel: Wir beobachten und analysieren die ökonomische Entwicklung global und in einzelnen Märkten. Wir machen Aussagen darüber, welche Auswirkungen diese auf die Nachfrage nach unseren Produkten haben könnte. Und wir identifizieren Chancen und Risiken, die sich daraus ergeben.

Aber: Wie genau funktioniert das? Wie können wir Aussagen zur wirtschaftlichen Großwetterlage für die nächsten ein, drei oder zehn Jahre machen, wenn Meteorologen manchmal nicht einmal das Wetter für die nächsten drei Tage zuverlässig voraussagen können? So viel vorweg: Eine Glaskugel haben wir nicht. Brauchen wir aber auch nicht. Wir arbeiten mit Modellen, die uns erlauben, gewisse Trends zu erkennen – damit können wir dann relativ zuverlässige Aussagen machen, zum Beispiel darüber, wie sich das Wirtschaftswachstum in einem gewissen Zeitraum wahrscheinlich entwickeln wird. Wichtig dabei: Wir arbeiten natürlich auch viel mit Bandbreiten, Korridoren und Szenarien. Aber der Vorstand erwartet natürlich von uns konkrete Ansagen wohin die Reise geht. Dass man dann auch mal falsch liegt? Gut, das ist wohl Berufsrisiko.

In Krisenzeiten sind Ökonomen gefragt

Toi, toi, toi: Wir lagen mit unseren Prognosen bislang öfter richtig als falsch. Für den Erfolg des Unternehmens ist vor allem entscheidend, dass wir unsere Tools und unsere Modelle so weiterentwickeln, dass wir bevorstehende Konjunkturdellen oder Krisen möglichst früh erkennen – damit frühzeitig die richtigen Entscheidungen getroffen werden können. Generell sind wir Ökonomen vor allem dann gefragt, wenn das wirtschaftliche Umfeld gerade nicht so rosig aussieht: Dann wollen natürlich alle wissen, wohin die Reise geht, ob die Talsohle durchschritten ist oder die Rezession doch weiter anhält. Wenn es hingegen gut läuft, ist es vergleichsweise wurscht, ob das Wirtschaftswachstum nun bei 2,5 oder 2,8 Prozent liegt.

Der Einfluss der Politik wird größer

Dank Big Data sind unsere Frühwarn-Tools heute natürlich wesentlich sensibler und präziser als noch vor einigen Jahren. Ich denke, dass wir zum Beispiel die Krise von 2008/2009 mit unseren heutigen Methoden viel früher erkannt hätten. Andererseits beobachten wir auch, dass der Einfluss der Politik auf die wirtschaftliche Entwicklung immer größer und vor allem unberechenbarer wird. Das sorgt auch dafür, dass das Auf und Ab der Märkte nicht mehr nur mit volkswirtschaftlicher Expertise vorauszusagen ist – das macht unseren Job komplexer als früher, aber auch spannender. Nicht umsonst bearbeiten wir in meinem Team vier große Themenfelder: Erstens die reine Makro-Ökonomie oder Konjunkturbeobachtung, zweitens die Automobilmarkt-Prognose, drittens Geopolitik und viertens Industrie- und Handelspolitik.

Was der Bierpreis mit Ökonomie zu tun hat

Der Job von meinen 15 Mitarbeitern und mir ist also weit mehr als nur das stumpfe Auswerten oder Interpretieren von Zahlen. Vor allem, wenn es darum geht, unsere Erkenntnisse an den Mann oder an die Frau zu bringen. Ich sage gerne: Ökonomie ist auch Storytelling. Wenn wir uns Gehör verschaffen wollen, können wir nicht nur Zahlen oder Diagramme präsentieren. Wir müssen auch die Geschichte dazu erzählen: Welche Gründe gibt es für diese Entwicklung? Warum gehen wir davon aus, dass es in diese Richtung geht und nicht in die andere? Welche konkreten Auswirkungen hat das für uns?

Um mal ein ganz plakatives Beispiel dafür zu geben, haben wir im Intranet von Daimler einen Wasen-Index veröffentlicht– benannt nach dem Platz, auf dem in Stuttgart das berühmte Cannstatter Volksfest stattfindet 1). Dabei haben wir die Entwicklung der Volksfest-Preise (Bier, Hähnchen, Straßenbahn-Ticket) mit der Entwicklung der Durchschnittslöhne verglichen. Daran kann man sehen, ob man unterm Riesenrad heute noch das gleiche für sein Geld bekommt wie noch vor ein paar Jahren. Die Geschichte kam super an – auch wenn ein Kollege treffend anmerkte: Spätestens nach dem zweiten Maß ist mir die Kosten-Nutzen-Rechnung dann doch relativ egal. Na dann: Prost.

Mir macht es unheimlich viel Spaß, die komplexen Entwicklungen der Weltwirtschaft in eine gute Story zu packen. Und ich würde sagen: Ich bin nicht nur Diplom-Volkswirt. Ich bin mit Leib und Seele Ökonom. Darum ist Daimler dann doch der goldrichtige Arbeitgeber für mich: Durch unsere verschiedenen Geschäftsfelder, die vielen Produkte, die wir anbieten, und die vielen Märkte, auf denen wir aktiv sind, haben wir eine unheimliche Fülle an Themen, die wir Ökonomen beackern können.

Das ist für mich der größte Reiz an meiner Aufgabe – und bestimmt auch ein Grund, warum ich seit mehr als 30 Jahren hier arbeite. Oder anders gesagt: Als Ökonom bei Daimler bist du vielleicht nicht bei jedem Projekt von A bis Z dabei – aber immer bei A. Denn jeder gute Businessplan beginnt mit einer soliden Analyse zur wirtschaftlichen Großwetterlage.

Apropos Wetterlage: Wenn Sie einen Meteorologen kennen lernen, fragen Sie am Ende des Gesprächs wahrscheinlich nach dem Wetter für die nächsten drei Tage. Menschen, denen ich von meinem Beruf erzähle, fragen mich am Ende des Gesprächs entsprechend oft, wie es in nächster Zeit denn um die Wirtschaft bestellt ist.

Die Antwort darauf gebe ich in der neuen Folge von HeadLights, unserem Daimler-Podcast – genauso wie viele weitere Einblicke in meinen Berufsalltag. Einen Disclaimer liefere ich aber immer mit: Egal, wie gut die Qualität unserer Analysen und Prognosen ist – es wird auch 2019 garantiert irgendeine Sache geben, mit der wir nicht gerechnet haben. Das heißt für mein Team und mich: Langweilig wird’s uns garantiert nicht.

1)  In Anlehnung an eine Analyse der UniCredit vom September 2018.


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Jürgen Müller hat ganz klassisch in Freiburg Volkswirtschaftslehre studiert und ist seit 1987 bei Daimler. Seit 2007 ist er der Chefökonom der Daimler AG und leitet dort ein Team von 15 Mitarbeitern. Am spannendsten findet er an seinem Job die Vielfalt und Komplexität der Aufgaben, die vielen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen, die sich nicht alle voraussagen lassen und die Möglichkeit, bei einem globalen Unternehmen wie Daimler mit Kolleginnen und Kollegen weltweit zusammenarbeiten zu können.