1000. Rennen in China: Formel 1-Geschichte wird gemacht

Ging es euch auch so? Geschichtsunterricht in der Schule war zwar meistens interessant, aber Daten merken konnte ich mir nie. Es sei denn, die Story war wirklich fesselnd. So wie Kolumbus 1492. Oder die amerikanische Unabhängigkeit 1776. Vor dem Grand Prix in China, dem 1.000. Rennen der Formel-1-Historie, habe ich mal ein paar spannende Motorsportjubiläen aus dem Archiv gegraben, deren Jahreszahlen ihr sicher auch behalten werdet.

1886 – Wir schreiben die Stunde Null

Okay, das Datum kennt ihr: Carl Benz reicht am 29. Januar beim deutschen Reichspatentamt in Berlin unter der Nummer DRP 37435 ein Patent für ein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ ein. Es ist die Geburtsstunde des Automobils. Im gleichen Jahr baute Gottlieb Daimler unabhängig von Carl Benz eine motorisierte Kutsche.

Großer Preis von Deutschland 1937, der spätere Sieger Rudolf Caracciola im Mercedes-Benz W 125.

1894 – Die Spiele beginnen

Na, das ist schon schwieriger: Die französische Tageszeitung „Le Petit Journal“ veranstaltet vor 125 Jahren das allererste Autorennen. Es war eine Art Langstreckenrennen, das am 22. Juli auf öffentlichen Straßen von Paris nach Rouen ausgetragen wurde. Von den 21 Teilnehmern erreichten 17 das Ziel – darunter neun Fahrzeuge mit Motoren, die von Gottlieb Daimler erfunden und unter Lizenz vom französischen Fahrzeughersteller Panhard & Levassor produziert worden waren. Das Ziel des Rennens war es, die Strecke von Paris nach Rouen so schnell wie möglich mit einer pferdelosen Kutsche zurückzulegen, die „nicht gefährlich, einfach zu fahren und günstig zu betreiben“ war.

Start frei zum Grand Prix von England 1955, der mit einem grandiosen Vierfachsieg der Silberpfeile aus Stuttgart enden wird.

Der Hauptgewinn ging an den Teilnehmer, dessen „Auto am nächsten an dieses Idealbild herankam“. Die 5.000 Francs Preisgeld wurden schlussendlich zwischen einem Panhard & Levassor und einem Peugeot aufgeteilt. Beide wurden von einem Zweizylinder V-Motor aus der Feder von Gottlieb Daimler angetrieben und exakt nach seinen Originalplänen gebaut. Auch ein Fahrzeug von Benz nahm an dem Wettbewerb teil. Das Auto mit 3,7 kW (5 PS) überquerte die Ziellinie auf Platz 14, wurde aber aufgrund der „erfolgreichen Verbesserung des motorisierten Autos mit Benzinantrieb“ auf Rang fünf nach vorne gestuft.

Am vergangenen Wochenende fuhr Valtteri Bottas im Rahmen unserer 125-Jahrfeier in Silverstone mit dem W 125 aus dem Jahr 1937, dem Nachfolger des ersten Silberpfeils.

1934 – Ein nacktes Auto wird zum Silberpfeil

Jetzt wird es für unser Team richtig historisch: Beim Eifelrennen am 3. Juni auf dem Nürburgring feierte der Mercedes-Benz W 25 seine Premiere. Das Auto sollte später als erster Silberpfeil in die Geschichte eingehen, dessen 85-jähriges Jubiläum wir 2019 feiern. Der Rennwagen war eine komplette Neuentwicklung, die 1933 vorgestellt wurde, um in einer neuen Grand Prix Formel anzutreten.

Drei 300 SLR am Start des 18. Internationalen Eifelrennens am 29. Mai 1955. Von links: der spätere Sieger Juan Manuel Fangio (Startnummer 1), Karl Kling (Nummer 3, Platz vier) und Stirling Moss (Nummer 2, Platz 2).

Das Reglement der neuen Serie sah ein Maximalgewicht von 750 kg ohne Benzin, Öl, Kühlwasser und Reifen vor. Davon abgesehen gab es keine Einschränkungen beim Design, was den Technikern jede Menge Freiraum für Innovationen ließ. Die Mercedes-Ingenieure aus Stuttgart entschieden sich für eine klassische Fahrzeugarchitektur mit einem Achtzylinder-Reihenmotor, der vorne verbaut wurde und die Hinterräder über ein Getriebe an der Hinterachse antrieb.

Toto Wolff und Lewis Hamilton drehten in Silverstone ein paar Runden mit einem klassischen Formel 1-Boliden von Mercedes: dem W 196.

Der Kompressormotor erzielte eine Leistung von 354 PS (260 kW). Und wie war das nun mit der Gewichtsbeschränkung auf 750 Kilogramm? Die Legende besagt, dass das Auto beim Wiegen am Vorabend seines ersten Rennens leicht übergewichtig war. Das Team konnte das Gewicht des W 25 jedoch ausreichend senken, indem es die weiße Farbe vom Auto entfernte – wodurch sein metallisches Silberkleid zum Vorschein kam. Der erste Silberpfeil war geboren. Am nächsten Tag gewann Manfred von Brauchitsch das Eifelrennen in seinem W 25 und erzielte dabei auch noch mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 122.5 km/h einen neuen Streckenrekord.

Es sollte der erste von vielen weiteren Siegen für die Silberpfeile sein. Der W 25 wurde bis 1937 eingesetzt, dem letzten Jahr der 750-kg-Formel. Im Laufe der Zeit wurde sein Design immer weiter modifiziert, um noch mehr Performance zu gewinnen. Der Hubraum des Motors wurde bis auf ein Maximum von 4,7 Litern erhöht, wodurch die Leistung sich bis auf 646 PS (475 kW) beinahe verdoppelte. Mit dem W 25 gingen 1934 und 1935 neben von Brauchitsch auch Motorsportlegenden wie Rudolf Caracciola und Luigi Fagioli an den Start.

1954 – Der Siegeszug kommt ins Rollen

Und noch ein Jubiläum: Vor 65 Jahren gab Mercedes beim Großen Preis von Frankreich in Reims am 4. Juli sein Formel 1-Debüt. Den Fahrerkader bildeten Karl Kling, Hans Herrmann, Hermann Lang und Juan Manuel Fangio, der nicht nur den Frankreich Grand Prix, sondern auch die Weltmeisterschaften in den Saisons 1954 und 1955 gewinnen sollte. Das Team ging mit dem neuentwickelten W 196 R in die Saison. Das Auto wurde von einem 2,5 Liter Achtzylinder-Reihenmotor angetrieben, der bei seinem ersten Rennen auf 256 PS (188 kW) kam. Der W 196 konnte in zwei Varianten eingesetzt werden – einmal in der berühmten „Stromlinien“-Version, die aerodynamisch für einen geringen Luftwiderstand auf langen Geraden optimiert war, und einmal als klassischer Monoposto mit freistehenden Rädern.

Während sich die Stromlinie aufgrund ihres unkonventionellen Aussehens rasch zu einem legendären Rennwagen entwickelte, war es der Monoposto, der 1954 und 1955 (in den beiden F1-Jahren von Mercedes) hauptsächlich zum Einsatz kam. Aber egal, ob so oder so: beide Versionen des W 196 waren unheimlich erfolgreich. Sie gewannen neun von zwölf Formel 1-Rennen, an denen sie teilgenommen haben.

2019 – Es geht voran

Und heute? Der Große Preis von China in Schanghai am kommenden Wochenende markiert einen weiteren historischen Moment – es ist das 1.000. Rennen in der Geschichte der Formel 1. Und wir haben mit Mercedes-AMG Petronas Motorsport nach zwei Saisonrennen bislang 87 Punkte eingefahren – nur einen Zähler unter dem Punktemaximum.

Beim letzten Rennen in Bahrein erzielte Mercedes-Benz Power den 450. Podestplatz und den 175. Sieg in der Königsklasse des Motorsports. So kann die Saison weiterlaufen, dann wird sie definitiv in die Geschichtsbücher eingehen!


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Bradley Lord ist Mercedes-Benz Motorsport Communications Director. Er war mit vier Jahren zum ersten Mal bei einem Formel 1-Rennen und ist seitdem leidenschaftlicher Fan des Motorsports in all seinen Facetten.