Neu im Podcast: Von der Mädchenschule zur Meisterin im Rohbau

Dort wo die S-Klasse gefertigt wird und 80% der Mechaniker mein Vater sein könnte, da schaue ich, dass alles nach dem Rechten läuft. Hier und im Daimler-Podcast HeadLights auf Spotify, Apple Podcasts/iTunes und Google Podcasts erzähle ich euch über den Arbeitsalltag im Rohbau, meinen Weg zur Oberklasse-Produktion und wie es ist, als 26-Jährige fast 40 männliche Mitarbeiter zu führen.

Wenn man als Frau in eine Produktionshalle kommt, heißt es gern mal: „Oh, da rennt ja auch ´ne Frau rum“.  Aber wäre die Reaktion so viel anders, wenn die Abteilung aus 40 Frauen bestünde und der neue Kollege ein Mann? Wahrscheinlich nicht. Geschlecht hin oder her: Man muss diesen Job letztendlich beherrschen. Darauf kommt es an.

Ich bin Produktionsmeisterin in der S-Klasse im Rohbau. Wie alle Meister leite auch ich ein Team – in meinem Fall ein 40-köpfiges, das fast nur aus Männern besteht. Hier im Rohbau fertigen wir die S-Klasse Familie – also die Limousine, das Coupé und das Cabrio, außerdem  unseren Mercedes Maybach. Eintönigkeit gibt es hier nicht. Wir machen jeden Tag etwas anderes. Was mich persönlich antreibt ist, die Produktion weiter voranzubringen zu können, und die Vorfreude darauf, dass wir bald eine neue Baureihe starten.

Wie funktioniert der Rohbau?

Wir haben hier einen sehr automatisierten Bereich mit viel Robotik und Technik. Der Rohbau gliedert sich in drei Aufbaustufen: Die Grundkarosse, die Seitenwände und letztlich die Klappen. Deshalb findet man uns auch auf drei Etagen.

Im Erdgeschoss werden dabei zunächst die Klappenteile gefertigt – also Türen, Kotflügel, Heckdeckel, Motorhaube – und aus dem Gebäude gegenüber bekommen wir anschließend die Grundkarosse, bestehend aus Heckwagen, Vorbau und Unterboden. In unserem Bereich werden dann die inneren und äußeren Seitenwände hinzugefügt und zum Schluss kommen die Klappenteile. So funktioniert das im Groben. Auch wenn die meisten Kunden ein S-Klasse Cabrio wünschen, gibt es tatsächlich auch noch welche, die gerne ein Dach haben wollen. Das fügen wir dann auch noch hinzu.

(K)Ein normaler Arbeitstag

Mein Arbeitstag startet wie folgt: Tässchen Kaffee, Laptop an, Handy auf laut und dann geht der Tag auch schon los. Denn um zehn vor sechs beginnt  die Produktion. Ich stehe dann oben in der Halle und mache die Lagebesprechung mit den anderen Meistern: Was steht heute an? Gibt es irgendwelche Besonderheiten? Anschließend begrüße ich meine Mitarbeiter. Dass ich morgens mit jedem kurz gesprochen habe, ist mir sehr wichtig. Die Zeit nehme ich mir gerne.

Einen typischen Tagesablauf gibt es bei uns nicht. Leider, denn ich mag es eigentlich nicht, wenn Tage nicht planbar sind. Als Meisterin gehört aber auch das zum Alltag – da kann es auch mal vorkommen, dass ich wegen Störungsaufkommen von Station zu Station muss. Langweilig wird es hier dafür nie. Das Wichtigste an jedem Tag ist, dass wir unsere Produktion hinkriegen, gute Stückzahlen haben und unsere Mitarbeiter zufrieden sind.

Wie ich zur S-Klasse kam

Ich war 16 Jahre alt, als ich hier bei Daimler angefangen hab. Nach meiner Zeit auf der Mädchenprivatschule habe ich mich für die dreieinhalbjährige Ausbildung zur Mechatronikerin hier bei Daimler entschieden. Im zweiten Lehrjahr ist es dabei üblich in die Betriebseinsätze raus zu gehen – sprich, das kann überall im Werk sein, je nachdem wo der Beruf angesiedelt ist. Lustigerweise bin ich damals im Rohbau S-Klasse gelandet – meiner heutigen Meisterei. Hier habe ich als Industriemechanikerin gearbeitet und hier arbeite ich auch noch heute.

Viele große Anlagen, Robotik, Technik ohne Ende und ich – 1,60, klein, aber fein. Das passte irgendwie. Ich hab mich dann relativ schnell dazu entschlossen, meinen Meister zu machen, und das drei Jahre nebenher gemacht. Nach meinem Unterricht in  der Meisterschule habe ich dann hier als Industriemechanikerin mitgearbeitet. Das war knackig, aber machbar.

In der Baureihe hat sich bis heute kaum etwas verändert, denn wir bauen ja immer noch die gleiche S-Klasse wie vor sechs Jahren. Das soll sich aber bald ändern…

Sind Roboter die Zukunft?

Es gibt natürlich mittlerweile auch viele Roboter. Die stehen in jeder Anlage – das ist kein Geheimnis. Greifer zum Beispiel, die Großkarosserien durch die Anlage schleusen und die einzelne Teile an die Karosse anfügen. Schweißzangen an den Robotern helfen beim Kleben. Der Roboter holt sich dann das jeweilige Werkzeug, das er grade braucht und fängt an die Karosse zu bearbeiten. Das erleichtert viele Arbeiten enorm.

Wir haben aber auch ganz viele Prozesse,  bei denen ein Roboter einen Menschen nicht ersetzen könnte – beispielsweise in der Qualitätskontrolle.

Die Henne im Korb

Ich mache den Job erst seit einem Jahr, und deswegen habe ich anfangs auch offen gestanden noch nicht alles beherrscht. Aber man wächst mit seinen Aufgaben. Eine junge Chefin zu haben war für die meisten meiner Mitarbeiter kein Problem. Es gab tatsächlich welche, die gesagt haben: „Voll cool, meine Chefin ist 26.“ Für den ein oder anderen hingegen war es schwieriger. Da sollte man von Anfang an klare Ziele und Grenzen abstecken.

Eine offene Gesprächsatmosphäre war mir dabei immer wichtig. Sagen zu können: „Jungs, das habt ihr toll gemacht“ oder „Das kann man noch anders machen“. Andersherum genauso: Die Mitarbeiter wollen gehört werden und müssen auch mal sagen können: „Ich finde es blöd, wie es zurzeit läuft.“ Logisch, wir sind auch kein Wunschkonzert. Aber regelmäßiges Abholen stärkt das Team. Nach einem Jahr kann ich nun definitiv behaupten, dass alle gut angekommen sind und wir zusammen funktionieren.

Und was die Mann-Frau-Thematik angeht, ist mein Tipp: Gar nicht so viel drüber nachdenken! Klar – anfangs ist es immer komisch in einen neuen Bereich zu kommen. Dann denkt man erstmal: „Wer ist wer, wer tickt wie“, aber man gewöhnt sich auf beiden Seiten daran und dann funktioniert die Sache von selbst. Ob Frau, ob Mann – das tut gar nichts zur Sache. Man muss zusammen arbeiten können. Das ist wichtig.

Denn wenn ich dann eine S-Klasse auf der Straße sehe, denke ich: Witzig, der ist irgendwann mal auch in meiner Meisterei gewesen. Das macht einen schon stolz.


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Stefanie Noll ist seit 2008 bei Daimler. Nachdem sie zuvor auf einer klassischen Mädchen-Realschule war, hat sie sich danach für die Ausbildung zur Mechatronikerin im S-Klasse Rohbau entschieden, anschließend hat sie sich zur Meisterin für Elektrotechnik weitergebildet. Übrigens: Dort, wo sie vor zehn Jahren noch Azubi war, leitet sie heute ein Team von 40 MitarbeiterInnen. Privat fährt Stefanie eine A-Klasse und wünscht sich irgendwann eine eigene S-Klasse in der Garage stehen zu haben.