Transidentität: Endlich Frau – ein Jahr nach dem Outing

Ich schreibe über meine Transidentität und über meinen Weg von der Erkenntnis bis hin zu meinem Outing. Durch die Wanderausstellung „Trans* in der Arbeitswelt“, die an vier deutschen Daimler-Standorten gezeigt wurde, konnte ich mich öffentlich outen.

Es gibt Dinge, welche mir definitiv leichter fallen als eine persönliche Geschichte aufzuschreiben. Als die Idee aufgekommen ist, war ich angetan davon, schließlich gibt es auch einiges zu erzählen. Nur wo soll ich beginnen?

Eigentlich lebt es sich als Mann nicht schlecht, manches ist vielleicht einfacher, zumindest einige Dinge, die mit Kraft zu tun haben. Nur, was passiert, wenn man erkennt, dass man innerlich weiblich ist? Wenn der Wunsch, dass der Körper weiblich sein müsste, übermächtig wird, dass mir weibliche Kleidung besser gefällt und dass es sich im Alltag einfach besser anfühlt, weiblich zu sein?

Ab dem Zeitpunkt dieser Erkenntnis gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ein Leben lang verdrängen oder sich offensiv der Aufgabe stellen. Die Erkenntnis habe ich Anfang 2013 gewonnen und bin dann in kleinen Schritten die Veränderungen angegangen.

Der Fachbegriff ist Transidentität. Man geht heute davon aus, dass Transidentität schon während der Schwangerschaft gebildet wird, die körperliche Entwicklung und die Entwicklung der Identität verlaufen nicht mehr parallel. Es wächst ein Mensch heran, dessen eigenes Geschlechtsempfinden nicht mit der körperlichen Geschlechtsausprägung zusammenpasst. Es gibt Menschen, welche das schon in jungen Jahren erkennen, viele aber auch erst viel später.

Zu letzteren gehöre auch ich. Mit dieser Erkenntnis kann ich viele Dinge aus der Jugend und des Erwachsenenalters neu einordnen, nicht nur den Drang mich weiblich zu kleiden. Es beginnt ein langer Prozess voller Herausforderungen, welchen die Familie, Freunde und Bekannte mit mir gehen. Zusätzlich begleiten mich im Thema erfahrene Personen. Erst nachdem die Diagnose Transidentität durch eine Fachpsychologin gesichert ist, beginnt im Herbst 2014 dann die gegengeschlechtliche Hormontherapie.

Der Weg zum neuen Ich

Ich bekomme testosteronhemmende Medikamente und eine Salbe, welche ich fortan immer auf die Haut auftragen muss. Innerhalb von nur wenigen Tagen macht sich das bemerkbar, die körperliche Veränderung beginnt. Die Haut wird weicher und deutlich sensibler, ich übrigens auch, und der Körper fängt an weiblicher zu werden. Eine Veränderung, welche mich auch nach mehr als vier Jahren begeistert und wissen lässt, dass der Schritt richtig war und ist.

Das Gefühl zunehmend im richtigen Körper zu stecken, lässt mich dann auch Mühen und Schmerzen ertragen. Und davon gibt es viele: Gänge zu Ärzten, Psychologen, Gutachtern, das alles kostet viel Zeit und wird neben der Arbeit und der Familie abgeleistet. Beide sind wichtige Lebensbereiche mit Fokussierung und Konzentration, die vielen Gedanken zur Transidentität können dann zumindest dort ausgeklammert werden.

Bei der Finissage der Wanderausstellung „Trans* bei der Arbeit“ in Berlin im November 2018

Spätestens mit der Elektro-Bartepilation werden die Schmerzen stärker. Und zwei Jahre nach Beginn der Bartepilation ist bei weitem noch nicht die Hälfte der Epilation geschafft. Es gilt für viele der Schritte: Nur aus Spaß geht Man(n)/Frau diesen Weg nicht, es muss für einen selbst der richtige Weg sein um ihn zu absolvieren.

Nach dem Outing im Bekannten- und Familienkreis, im örtlichen Umfeld und nach der Hormonumstellung kommt unzweifelhaft irgendwann auch die Frage nach einem Outing in der Firma auf.

Toleranz und Akzeptanz am Arbeitsplatz

Der zu diesem Zeitpunkt sicherlich wichtigste Ankerpunkt ist ein Schreiben von Personalvorstand Wilfried Porth aus dem Jahre 2012, dass innerhalb der DaimlerAG alle Beschäftigten entsprechend ihrer Orientierung leben und arbeiten dürfen.

Mir war bewusst, dass ich das für mich und meine Situation in meinem Umfeld erst einmal umsetzen muss, aber die Grundakzeptanz ist bei Daimler gegeben. Das war eine der Hauptvoraussetzungen dafür, dass ich mit der gegengeschlechtlichen Hormontherapie in 2014 überhaupt erst beginnen konnte. Schließlich hängt auch das Wohlergehen meiner Familie davon ab.

Aber auch die Unterstützung in meinem Umfeld war und ist nach wie vor wichtig. Ein wichtiger Stellhebel sowohl im privaten als auch geschäftlichen Umfeld waren sicherlich zurückblickend eine langsame und schrittweise Kommunikation, zumeist im Vieraugengespräch und ein langsames Anpassen des Äußeren.

So habe ich schon seit 2014 im privaten Umfeld erkennbar als Frau gelebt, später bin ich dann bis zum Parkhaus erkenntlich Frau gewesen, das Auto habe ich dann noch als Mann verlassen. Abends die Wandlung zurück. Die Kleidung habe ich langsam angepasst, von der Stoffhose zur Jeans, von der männlichen Jeans zur weiblichen Jeans, vom Hemd zur Bluse. Schön dann die Momente, als eingeweihte Kolleginnen mich darauf angesprochen haben, dass die geänderte Körperausprägung so langsam nicht mehr zu verbergen sei. Einer der auffälligsten Schritte war die Frisuränderung nach den Osterferien 2017, die größte offensichtliche Veränderung mit den deutlichsten Rückmeldungen.

Fotograf: www.laurin-schmid.com

Auch die Aktivitäten des Global Diversity Office bei Daimler haben viel zur Sensibilisierung und Information beigetragen: Mit dem Trans*-Leitfaden wurden administrative sowie rechtliche Fragen für transidente Beschäftigte, Führungskräfte und Personalmanager geklärt und innerbetriebliche Prozesse geregelt. Daimler schafft damit klare Rahmenbedingungen für die gesamte Belegschaft – chancengleich und diskriminierungsfrei. Zudem wurde im vergangenen Jahr an vier deutschen Daimler-Standorten die Wanderausstellung „Trans* in der Arbeitswelt“ gezeigt. Für die Ausstellung hat Fotografin Anja Weber zwölf transgeschlechtliche Menschen an ihrem Arbeitsplatz – in Büros und Bibliotheken, in einem Seminarraum vor Studierenden oder hinter dem Steuer eines Lastwagens – porträtiert.

Im Rahmen der Auftaktveranstaltung der Wanderausstellung im Werk Sindelfingen am 4.12.2017 hatte ich dann mein offizielles Outing. Für diesen Tag hatte ich mir fest vorgenommen, ein Kleid zu tragen, natürlich nur im Rahmen der Vernissage. Um mir sicher zu sein, dass ich stilistisch nicht daneben trete, hatte ein Kollege Tage zuvor ein gemeinsames Kochen mit Kolleginnen und Kollegen organisiert und ich konnte hier das Outing quasi „üben“. Die Vernissage zur Wanderausstellung konnte ich dann sicher absolvieren, Vorgesetzte und Kolleginnen haben mich hierzu begleitet.

Von innen nach außen

Seither ist viel Neues passiert: Der Antrag auf Personenstands- und Namensänderung – und mit dem richterlichen Beschluss im Oktober 2018 bin ich nun auch offiziell eine Frau. Kurz danach stand dann auch in der Geburtsurkunde, dem Personalausweis, dem Führerschein und dann endlich auch in der geschäftlichen Email-Adresse, dass ich eine Frau bin. Somit war der für alle Beteiligten schwierige Umstand beendet, mich schon mit Franka anzusprechen, in Agenden zu führen, die Email-Adresse und offizielle Schreiben waren aber noch mit der männlichen Bezeichnung versehen. Auch hier gehört mein Dank all denen, welche hier schon rücksichtsvoll vorher umgestellt hatten.

Wenn ich die Zeilen schreibe hört es sich zurückblickend einfacher und reibungsloser an als es in Wirklichkeit war. Natürlich stößt man auch auf Ablehnung. Natürlich erlebt man auch Ignoranz. Auch auf der Arbeit gibt es Personen, welche mich jetzt nicht mehr anschauen. Aber es sind Einzelfälle. Natürlich dreht sich zu Beginn der Erkenntnis der Boden unter den Füssen, man macht sich tausende von Gedanken, die Orientierungszeit ist die schwierigste. Letztlich habe ich aber Vertrauen in mein Umfeld gesetzt und genau gewusst, wo ich hin möchte: So weiblich sein zu dürfen, wie ich mich fühle.

Hier bin ich mit Dirk Jakobs (l.), Leiter des Global Diversity Office (GDO) bei der Wanderausstellung Trans* bei der Arbeit im Mercedes-Benz Werk in Rastatt im Juni 2018

Ich bin sehr glücklich, dass mein privates Umfeld, meine Kolleginnen und Kollegen bei Daimler die Veränderung so gut unterstützen und akzeptieren. Mir ist sehr wohl bewusst, dass das nicht selbstverständlich ist, wobei es dies sein müsste, denn schließlich soll jeder so leben wie er oder sie es für richtig hält.

Und heute? Ich mache tagtäglich bei Daimler tolle Erfahrungen: Der Kontakt zu vielen meiner Kolleginnen und Kollegen ist nach dem Kennenlernen meines wahren „Ichs“ vertrauter und vertrauensvoller geworden. Ich kann mit Freude, Offenheit und viel Engagement bei der Arbeit sein. Und nach meinem Gefühl stärkt ein weiterer „Farbklecks“ in der Mannschaft diese viel mehr als er sie behindert.

Daher gilt mein Dank meiner Familie, meinem Bekanntenkreis, Kollegen und Kolleginnen und natürlich auch meinem Arbeitgeber Daimler.

Eure Franka

Trans* ist als Oberbegriff für Transgender, Transsexuell, Transident etc. zu verstehen und schließt alle Menschen ein, die sich nicht (nur) mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen biologischen Geschlecht identifizieren. Es geht also um IDENTITÄT, nicht um Sexualität („Wer bin ich?“ und nicht „Wen liebe ich?“).

Die Zahl transidenter Menschen wird in soziologischen Studien auf ein Bevölkerungsverhältnis von 1:250 bis 1:500 geschätzt. Laut der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität dgti e.V. haben seit Inkrafttreten des „Transsexuellengesetzes“ (TSG) in Deutschland 1981 etwa 27.000 Menschen eine Personenstandsänderung in Anspruch genommen. In den vergangenen Jahren kamen jährlich über 2.000 Menschen hinzu.


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Franka S. ist Projektleiterin für die Fahrwerksentwicklung C-, GLC-, E- und S-Klasse und sie mag insbesondere die kollegiale Interaktion mit den vielen Kolleginnen und Kollegen am Standort in Sindelfingen, in Deutschland und den ausländischen Standorten. Privat verbringt sie Ihre Zeit gerne mit Ihrer Familie, Ihrem Freund, sie fotografiert und ist gerne in der Natur unterwegs.