Mit BMW zum nächsten Level beim automatisierten Fahren

Nach der Kooperation ist vor der Kooperation? Das ist zwar eine Floskel – aber auch nicht ganz falsch. Erst am vergangenen Freitag haben BMW und Daimler in Berlin den Startschuss für fünf Joint Ventures gegeben, die Mobilitätsdienstleistungen anbieten werden: Gemeinsame Lösungen für Car-Sharing, Parkplatzsuche und vieles mehr.

Heute haben wir unsere Absicht zu einer neuen Zusammenarbeit erklärt: Das Tätigkeitsfeld ist zwar ein völlig anderes, aber der Partner derselbe, und die Beweggründe zumindest ähnlich. Wir planen, künftig gemeinsam mit BMW an der nächsten Technologie-Generation für Fahrassistenzsysteme sowie für Systeme zu arbeiten, die hochautomatisiertes Fahren auf der Autobahn und automatisierte Parkfunktionen ermöglichen. Warum dieser Schulterschluss sinnvoll ist? Ganz einfach: Weil das automatisierte Fahren eine Zukunftstechnologie ist, die unsere Industrie fundamental verändern wird. Und weil wir gemeinsam nicht nur stärker, sondern auf Dauer auch erfolgreicher sind als alleine.

Was wir heute schon können: teilautomatisiert

Die Vision vom autonomen Fahren ist nicht nur so alt wie das Automobil selbst – sie ist auch ein zentraler Baustein unserer Strategie bei Daimler. Dazu kommt: Mercedes-Benz gehört schon immer zu den Pionieren auf dem Gebiet der aktiven Sicherheit, der Fahrassistenzsysteme und des automatisierten Fahrens. Entsprechend können die Autos, die heute beim Mercedes-Händler stehen, schon eine ganze Menge: Mit DISTRONIC, unserem aktiven Abstands-Assistent, dem aktiven Lenk-Assistent, dem aktiven Spurwechsel-Assistent und vielen weiteren Innovationen sind wir dem Ziel des automatisierten Fahrens schon sehr nahe gekommen.

Mit unseren aktuellen Systemen kann ein Mercedes-Benz zum Beispiel selbstständig den Abstand zu vorausfahrenden Fahrzeugen halten und teilautomatisiert auf Autobahnen, Landstraßen und in der Stadt fahren. Sie unterstützt beim Spurwechsel, bei Ausweichmanövern und beim Bremsen. Und viele Modelle lassen sich von außen via Smartphone ein- und ausparken – mit dem Remote Park-Pilot.

Bei Mercedes-Benz nennen wir diese Features Intelligent Drive. Und sie sind in allen unseren Fahrzeugen verfügbar, von Kompakt- bis Oberklasse. Mit ihnen haben wir das Niveau erreicht, das wir Ingenieure als SAE Level 2 oder „Teilautomation“ bezeichnen. Heißt: Das Auto kann in vielen definierten Situationen schon automatisiert reagieren – allerdings muss ein menschlicher Fahrer jederzeit das Verkehrsgeschehen und die Umgebung überwachen und bei Bedarf reagieren.

Warum der Weg zum automatisierten Fahren wie Bergsteigen ist

Für uns ist klar: Gerade bei einem so sensiblen Thema wie dem automatisierten Fahren werden wir bei der Zuverlässigkeit der Systeme immer nach dem Besten streben. Sicherheit steht für uns an erster Stelle – und das bedeutet auch, dass wir niemals eine Innovation auf die Straße bringen werden, wenn wir noch nicht zu 100 Prozent von ihr überzeugt sind. Dennoch haben wir Level 2 schneller erreicht als viele uns das zugetraut hätten.

Damit haben wir auf dem Weg zum automatisierten Fahren schon viel Strecke zurückgelegt. Und wir haben vor allem gelernt, dass die Entwicklung dieser Systeme ein bisschen wie Bergsteigen ist: Die ersten Meter von der Basis-Station zum Gipfel fühlen sich leicht an. Doch je näher man dem angestrebten Ziel kommt, umso dünner wird die Luft. Umso mehr Kraft kostet jeder weitere Schritt. Und umso komplexer werden die Herausforderungen, die man lösen muss, um weiterzukommen.

Von Level 3 bis zum Gipfel

Wir sind mehr als bereit, diesen anstrengenden Weg weiterzugehen. Aber wir glauben, dass wir ihn erfolgreicher und effizienter bestreiten können, wenn wir nicht alleine sind. Und wir glauben, dass BMW der perfekte Partner für die nächsten Meter ist. In der jetzt unterzeichneten Absichtserklärung, einem sogenannten „Memorandum of Understanding“ (MoU), geht es um die Entwicklung mehrerer Automatisierungsstufen bis hin zu Level 4. Level 4 bedeutet dabei hohe Automatisierung, bei der der Fahrer noch nicht einmal bereit zur Übernahme sein muss sondern sogar schlafen könnte. Das Ziel der Kooperation ist die Entwicklung von Systemen, die das automatisierte Fahren skalierbar und in verschiedenen Ausprägungen auf das nächste Level heben: In China und in den USA genauso wie auf der Autobahn A8, die den BMW-Vierzylinder in München mit der Daimler-Zentrale in Stuttgart verbindet.

Gemeinsame Plattform statt Insellösungen

Dabei steht fest: BMW und Mercedes-Benz sind Wettbewerber – und wir bleiben es. Nicht zuletzt dieser Wettbewerb hat uns immer wieder zu Höchstleistungen angespornt und an die Spitze des Premiumsegments gebracht. Aus der heute angekündigten Partnerschaft soll kein neues Joint Venture entstehen. Und, keine Sorge: Aus ihr wird auch kein Fahrzeug entstehen, das sowohl Doppelniere als auch Mercedes-Stern auf der Kühlerhaube trägt. Vielmehr geht es darum, gemeinsam mit BMW eine skalierbare und zuverlässige Plattform zu entwickeln, die für Kunden beider Marken den größtmöglichen Nutzen bringt.

Im Rahmen der Kooperation sind wir auch offen für weitere Partnerschaften, die zum Erfolg der Plattform beitragen können. Es ergibt Sinn, die technologischen und finanziellen Herausforderungen des automatisierten Fahrens auf mehrere Schultern zu verteilen. Und klar ist auch: Bereits bestehende Kooperationen oder laufende Projekte bleiben von der beabsichtigten Zusammenarbeit mit BMW unberührt. So werden wir wie geplant und auch bereits angekündigt im Rahmen unserer Kooperation mit Bosch noch in diesem Jahr in San José im Silicon Valley den ersten Pilot für Tests von selbstfahrende Fahrzeuge (Level 4/5) im urbanen Bereich starten.

Unsere Zeitleiste: sportlich

Bei allen Unterschieden – es gibt viele Dinge, bei der sich BMW und Mercedes-Benz sehr ähnlich sind. So verfügen auch die Kollegen aus München über jahrelange Erfahrung beim Thema Fahrassistenz und automatisiertes Fahren. BMW arbeitet seit Langem am hochautomatisierten Fahren und hat seit 2017 in Unterschleißheim einen Autonomous Driving Campus, auf dem alle Kompetenzen rund ums automatisierte Fahren gebündelt sind. Die Automatisierungs-Technologie, an der die Experten dort aktuell arbeiten, soll 2021 erstmals im BMW iNEXT in Serie gehen.

Mit der unterzeichneten Absichtserklärung steht fest, dass wir die nächste Wegmarke auf dem Weg zum automatisierten Fahren gemeinsam passieren wollen. Ziel ist, die neue Technologie-Generation unseren Kunden schon vor Mitte des nächsten Jahrzehnts verfügbar zu machen. Das heißt: Die Zeitleiste ist sehr sportlich, für BMW und für uns. Umso besser, einen starken Partner an seiner Seite zu wissen.


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Michael Hafner leitet in der Entwicklung von Mercedes-Benz Cars den Bereich Fahrtechnologien und Automatisiertes Fahren.