Lab1886: Das Innovationslabor bei Daimler

Welche Innovationsplattformen gibt es bei Daimler und wer steckt dahinter? Bei #venturewednesday geben wir mittwochs Einblicke hinter die Kulissen der Daimler-Ventures und deren spannende Aufgabe: Die Zukunft der Mobilität. Dieses Mal, das Lab1886.

Welcher Tätigkeit würde man nachgehen, wenn existenzielle Notwendigkeiten keine Rolle spielen würden? Wenn die Grundbedürfnisse erfüllt wären und man absolut frei entscheiden könnte? Diese Frage stelle ich mir jedes Mal im Leben, wenn ich vor einer Grundsatzentscheidung stehe. Mein Name ist Philipp Joas und ich arbeite bei Lab1886.

Vor mir liegt ein Stück Papier auf dem in Versalien „Arbeitsvertrag“ geschrieben steht. Ich schwitze. Es sitzen mir zwei Recruiter von der Daimler AG gegenüber. Ein Kalifornier mit Afro-Frisur und ein Norweger mit Hipster-Oberlippenbart: Mitarbeiter des Innovations-Bereichs Lab1886. Sieht so tatsächlich die „dunkle Seite“ der Macht aus?

Zu Lab1886 und damit zur Daimler AG bin ich letztendlich gekommen, weil ich schon immer auf meine Intuition gehört habe und nicht darauf, was mein Bekanntenkreis sowie mein Umfeld dachten. Für meine „Startup-Freunde“ bin ich quasi auf die „dunkle Seite“ der Macht gewechselt. Mein beruflicher Werdegang war jedoch seit jeher von „Aufs-Bauchgefühl-Hören“ und „meiner Leidenschaft folgen“ geprägt.

Meine erste Firma habe ich bereits mit 18 gegründet – im Jahre 2005. Aufgewachsen in München, habe ich wahrscheinlich das Unternehmertum schon am Küchentisch aufgesaugt und verinnerlicht – meine Eltern sind beide Unternehmer.

Als Jugendlicher habe ich jede freie Minute im Schnee verbracht und gründete folglich mit Freunden einen Online-Shop namens Snowaddicted GbR. Aufgrund meines Studiums verkaufte ich zwei Jahre später meine Anteile und stieg aus.

Mein erstes Baby war weg, die Leidenschaft, ein „Unternehmer“ zu sein, war aber geboren und blieb. Eine Firma aufzubauen und zu versuchen, damit erfolgreich sein, war anscheinend „mein Ding“.

Nach Studienabschluss war ich drei Jahre als Vorstandsreferent bei einem Unternehmen für Frauenbekleidung. Dort habe ich am eigenen Leib erlebt, wie analog, umständlich und kompliziert die Buchung und Abrechnung der Geschäftsreisen ablief. Daraus entstand die Idee, zu meiner zweiten Firma. Ich gründete eWings.com. Eine „Software as a Service“, die kleinen und mittelständischen Kunden das Buchen und Verwalten ihrer Geschäftsreisen ermöglicht – und das innerhalb von Sekunden.

Die Firma entwickelte sich sehr gut und vier Jahre später hatten wir bereits 20 Mitarbeiter. Uns wurde aber klar: um weiter zu wachsen, benötigten wir einen starken Partner. Es kam ein unschlagbares Angebot der Hogg-Robinson-Gruppe und wir verkauften. Gefühlt war ich mit dem Verkauf und der damit einhergehenden Sicherstellung der Existenz von eWings.com auf meinem „ersten Karrieregipfel“ angekommen.

Was treibt mich in Berufsleben an?

Nun stand ich da: Ich war 31 Jahre alt und hatte mir mutiger- oder eher leichtsinnigerweise nie Gedanken über mein finanzielles Auskommen gemacht. Doch zum ersten Mal konnte ich mir tatsächlich eine Auszeit gönnen. Und doch war ich wieder am Anfang. In so einer Zeit stellt man sich erneut elementare Fragen des Lebens: Worauf kommt es wirklich an im (Beruf-)Leben? Was treibt mich an? Was will ich wirklich?

Ich bin überzeugt davon, dass eine Mehrheit der Individuen auf dieser Welt etwas Sinnvolles gestalten will, sobald ihre elementaren Bedürfnisse erfüllt sind. Die Definition von „sinnvoll“ mag sich dabei unterscheiden, jedoch nicht der Wunsch, etwas zu gestalten.

Mein neuer „Sinn des Beruf-Lebens“ begegnete mir wie so oft scheinbar zufällig. Der Alltag bietet zahlreiche Möglichkeiten und Wendungen – ich musste sie nur erkennen und mich entscheiden. Zu Lab1886 bin ich über ein Innovationsprojekt im Bereich Corporate Travel gekommen.

Ich war erstaunt und begeistert zugleich von der Kombination, die so ein Bereich wie das Lab1886 mit seinen rund 160 Mitarbeitern in Stuttgart, Berlin, Peking und Atlanta ermöglicht: Man kann die gewachsenen Strukturen und Ressourcen eines globalen Konzerns nutzen, um wirklich „spielentscheidende“ Neuerungen umzusetzen, ohne seine kreativen Freiheiten aufzugeben.

Der Daimler-Innovationsbereich bietet mir die einmalige Möglichkeit, radikale Innovationen mit emotionaler Sicherheit und Zeit für die Familie zu kombinieren.

Wo sonst kann man als junger Kreativer mit den Großen einer Branche maßgebliche Innovationen vorantreiben? Und das in einer für Konzernmaßstäbe eher unüblichen Innovationskraft und Geschwindigkeit. Ich nahm das Angebot einer Festanstellung an.

Ein typischer Arbeitstag bei Lab1886

Mittlerweile bin ich seit 13 Monaten hier und bin dennoch „überraschenderweise überrascht“. Einen „typischen Arbeitstag“ gibt es bei mir hier nicht. Wir arbeiten in projekt-basierten Konstellationen – jeder Tag ist folglich anders und bietet neue Herausforderungen. Ehrlicherweise hätte ich auch mehr Bürokratie erwartet.

Die Anbindung an einen Konzern hat deutliche Vorteile gegenüber externen Start-Ups. Ich staune, was für einen weitaus höheren Mehrwert der Name mit dem einhergehenden Renommee bietet: die Türen anderer Unternehmen öffnen sich seltsamerweise schneller, wenn man als “Daimler” anklopft und nicht als unbekanntes Start-Up.

Auch nicht zu verachten ist die Ausdifferenzierung des Konzerns: die Menge an Fach-Expertise in den unterschiedlichen Unternehmens-Bereichen ist teilweise für einen „Externen“ unfassbar. Man ist beinahe geneigt, sich wie Alice im Wunderland zu fühlen – wenn man denn Zugang zu diesem Wissensschatz erhält und dadurch Synergien erzielen kann.

Der Nachteil liegt auf der Hand: die Prozesse der interne Partner sind zwar vielleicht manchmal etwas länger, aber dafür können wir an einem „deutlich“ größeren Rad drehen.
Des Weiteren kommt man durch den Austausch nicht in Gefahr, sich in seiner eigenen Blase „zu verlieren“. Wir arbeiten an „meinen Standorten“ Stuttgart und Berlin in sogenannten „Co-Working-Offices“. Folglich ist die gegenseitige Befruchtung sowohl intern als auch extern sichergestellt:

Dabei haben wir bei Lab1886 fünf verschiedene Berufsgruppen:

  1. Produktmanager, die den Bau des digitalen Produkts verantworten und eng mit den Designern und Entwicklern zusammenarbeiten.
  2. UX/UI Designer, die für das Nutzererlebnis zuständig sind und ein optimales sowie ästhetisches Erlebnis für den Anwender sicherstellen.
  3. Unsere verschiedenen Tech-Entwickler, die die Programmierung unserer Produkte verantworten (Backend- und Frontend Entwickler, Data Scientists, DevOps Entwickler).
  4. Strategic Designer arbeiten an der Schnittstelle der Anwender mit dem jeweiligen Produkt. Ihr Ziel ist es, Anwenderprobleme auf dem bestmöglichen Weg lösen.
  5. Sowie Venture-Architekten, die sich um die Frage kümmern, ob es sich beim vorhandenen Produkt um ein tragfähiges Geschäftsmodell handelt.

Meine Rolle ist schnell erklärt: ich bin der Teamleiter der „Venture Architekten“. Unsere Rolle ist es zu schauen, ob es für die Innovationsidee einen genügend großen Markt gibt und wie der Wettbewerb aussieht. Im Normalfall entwickeln wir daraufhin gemeinsam mit den Produktmanagern entscheidende Vorteile. Darüber hinaus besprechen wir mit potenziellen Kunden das Geschäfts- und Preismodel und berechnen, ob und wann sich die zukünftigen Gewinne die notwendigen Investitionen amortisieren.

Woran wir derzeit mit unseren internen Partnern arbeiten, kann ich leider en Détail nicht beschreiben, da sie noch in einem vertraulichen Status sind:

Es sind mehrere Dinge wie neue, digitale Geschäftsmodelle im Aftersales-Bereichs, im Produktionsumfeld in den Werken, sowie Produkten im Mikromobilitätsbereich. Firmengründungen sowie offizielle Verkündungen stehen bei uns im Lab1886 jedoch in den nächsten Wochen an.

Rückblickend auf das letzte Jahr stelle ich mir gelegentlich meine Lieblings-Kontrollfrage: War es richtig, diese Stelle anzunehmen? Ich will betonen, dass ich nicht zu übertriebener Euphorie neige – zu viel davon im Geschäfts-Umfeld irritiert eher.

Aber wenn ich an den Vorwurf des „Warmduschers“ von Teilen meines Start-Up Umfelds denke, weil ich bei Daimler die Vorteile aus mehreren Welten genieße, dann stelle ich fest: Ich liebe es, warm zu duschen.


Lab1886

Lab1886 ist ein eigenständiges Innovationslabor innerhalb der Daimler AG. Ziel ist es, schneller von der Idee zum Produkt oder Geschäftsmodell zu gelangen, um damit eine nachhaltige und profitable Zukunft für die Daimler AG abzusichern. Im Lab 1886 werden neue Geschäftsideen auch außerhalb des Kerngeschäfts identifiziert, inkubiert und zur Marktreife geführt. Wie zum Beispiel in der strategischen Partnerschaft mit Volocopter, dem deutschen Start-up aus Bruchsal.  Hier kombiniert Lab1886 die besten Kompetenzen aus der Start-up- und der Unternehmens-Welt, um gemeinsam ein komplett neues Marktsegment der Urban Air Taxis zu erschließen. Mit einer über zehnjährigen Erfahrung bei der Umsetzung neuer Geschäftsmodelle ist die Innovationsmaschinerie global aufgestellt und an vier Standorten auf drei Kontinenten aktiv: in Stuttgart und Berlin in Deutschland, Peking in China und Atlanta in den USA.

Philipp Joas ist Lead-Venture-Architect bei Lab1886, dem Company-Builder der Daimler AG und bereits seit jungen Jahren leidenschaftlicher Unternehmer und Business-Angel.