Daimler M&A Technology and Venture – Höhle der Löwen im Großkonzern?

Welche Innovationsplattformen gibt es bei Daimler und wer steckt dahinter? Bei #venturewednesday geben wir Einblicke hinter die Kulissen der Daimler-Ventures und deren spannende Aufgabe: die Zukunft der Mobilität. Dieses Mal Tech Invest – der M&A Bereich bei Daimler, der für strategische Startup-Investitionen zuständig ist.

Tech, Start-Ups und Venture Investments- „das kenne ich aus „Höhle der Löwen“, bekommen wir öfter zu hören, wenn wir über unsere Arbeit berichten. Ganz falsch ist es nicht, aber (leider) gibt es doch ein paar Unterschiede.

M&A (Mergers & Acquisitions) Technology und Venture ist innerhalb des Daimler Konzerns verantwortlich für alle Käufe zum Beispiel die Akquisition von Chauffeur Privé einem Ride Hailing Unternehmen aus Frankreich, relevante Kooperationen oder Joint Ventures mit Technologiebezug und alle Investitionen in Start-Ups wie zum Beispiel unser Investment in den kalifornischen Elektrobushersteller Proterra.

Wir sind damit zum Teil ein M&A Bereich mit Tech Fokus und zum Teil eine Corporate Venture Einheit. Wir haben das Konzept für diesen Bereich vor ungefähr 2,5 Jahren entwickelt und den Bereich gegründet. Seitdem sind meine maximal neun Kollegen und ich die Experten  für alle Startup und Tech Investments des Konzerns.

Was hat das mit „Höhle der Löwen“ zu tun? Im Prinzip organisieren wir einen professionellen Prozess für Daimler, der dem gleicht was die „Löwen“ in der Show scheinbar in fünf Minuten machen, denn auch dort findet der eigentliche Prozess außerhalb der Show statt:

Identifikation und Analyse von Investitionsmöglichkeiten

Gemeinsam mit unseren Geschäftsbereichen und den entsprechenden Fachexperten helfen wir relevante Investitions- oder Kooperationsmöglichkeiten zu finden. Relevant sind dabei Unternehmen, die uns mit ihrem Geschäftsmodell helfen können, unsere strategischen Ziele zum Beispiel die weitere Elektrifizierung unserer Fahrzeuge, zu erreichen. Quellen dieses sogenannten „Deal Flows“ sind  unser eigenes Netzwerk, Banken, Berater, interne Experten und vieles mehr.

Due Diligence – Überprüfung von Geschäftsmodellen und Business Cases

Nachdem wir ein interessantes Unternehmen identifiziert haben, prüfen wir es auf Herz und Nieren. Dazu gehört unter anderem ein detailliertes Kennenlernen des Teams,  Verständnis des Geschäftsmodells, der Technologie, der Marktchancen und eine finanzielle Bewertung des Unternehmens.

Strukturierung und Verhandlung möglicher Transaktionen

Sollte sich ein Unternehmen als interessant erweisen, gehört es auch zu unserer Aufgabe, die richtige Struktur für eine Investition  zu erarbeiten und unsere Geschäftsbereiche entsprechend zu beraten. Ist eine Übernahme sinnvoll? Oder lieber eine kleine Beteiligung? Wollen die Gründer weiterhin mitarbeiten? Hier unterscheiden wir uns von vielen anderen Unternehmen und Investoren.

Mein Team kann sowohl Übernahmen, Joint Ventures als auch Venture Investments abschließen. Damit haben wir alle Kompetenz zu Tech und Start-Up Themen in einer Hand gebündelt. Viele andere trennen sehr strikt in M&A (für Übernahmen und Joint Ventures) und Corporate Venture Teams (für Minderheitsinvestitionen in Start-Ups). Durch die Zusammenfassung haben wir bei uns durchgängigen Wissensaustausch zwischen beiden Themen und können auch mit unseren M&A Aktivitäten am Puls der Start-Up Zeit bleiben.

Ausarbeitung und Abschluss von Verträgen

Klar, es ist nicht jedermanns Sache gemeinsam mit der Rechtsabteilung hunderte oder tausende Seiten von Verträgen zu erarbeiten, zu prüfen und zu verhandeln. Aber auch das ist eine unserer Hauptaufgaben und es ist jedes Mal ein tolles Gefühl, „sein“ Projekt am Ende mit einer Unterschrift unter einen lange verhandelten Vertrag besiegeln zu können.

Da wir naturgemäß in einem Konzern wie Daimler nicht die Jury sind, entscheidet am Ende ein Gremium auf Vorstandsebene, sozusagen unsere „Löwen“, über unsere Projekte. Wir sind aber stolz darauf, dass unsere Prozesse so schnell und wettbewerbsfähig sind, dass wir mit Venture Funds, das sind reine Finanzinvestoren die in Start-Ups investieren, mithalten können und schneller als viele unserer Wettbewerber sind. Ich habe mich besonders gefreut, dass unter anderem unser Team für Daimler letztes Jahr den Corporate Finance Award in der Kategorie „Digital“ der Börsenzeitung gewonnen hat.

Portfolio und Akquisitionen von Tech Invest

Unser Portfolio umfasst mittlerweile ungefähr 30 Start-ups mit Investitionsbeträgen zwischen je einer Millionen und mehr als 200 Millionen Euro. Zusätzlich dazu kommen noch alle Übernahmen, Joint Ventures und ähnliches mit Tech Bezug. Aber was heißt eigentlich Tech?

Im Wesentlichen konzentrieren wir uns auf CASE. Connected, Autonomous, Shared, Electric – bei Daimler glauben wir, dass diese vier Felder die Mobilität der Zukunft bestimmen werden. Logisch, dass wir also insbesondere in diesen Bereichen nach Investitionen und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung suchen.

Vielfältige Themen, spannende Menschen

Besonders Spaß macht uns allen die daraus resultierende Bandbreite. Nicht selten sprechen wir vormittags mit einem Start-Up im Mobility-on-Demand Umfeld aus Israel, mittags verhandeln wir mit einem Unternehmen aus dem Bereich Batterietechnologie für Mercedes-Benz und Abends analysieren wir den Business Plan eines Herstellers von elektrischen Trucks.

Damit einher geht natürlich auch der Kontakt mit interessanten Menschen, sowohl extern mit Gründern oder Investoren aber auch intern mit fast allen Bereichen des Konzerns. Unsere internen Kunden, für die wir die Investitionen tätigen, kommen aus allen Geschäftsbereichen des Konzerns und wir können an vielen Diskussionen und Projekten zur Veränderung und Weiterentwicklung sowohl unserer Produkte als auch unseres Unternehmens als Ganzes mitarbeiten.

Oft werden wir gefragt, ob das nicht nur „Spielerei“ sei. Warum setzt sich ein Konzern wie Daimler überhaupt mit solchen Themen und Start-Ups auseinander?

Wir sind kein Finanzinvestor, das heißt wir investieren nicht in junge Unternehmen, um sie später mit Gewinn zu verkaufen. Natürlich wollen wir auch Geld verdienen, aber unser Hauptaugenmerk gilt der Erschließung von Innovationen außerhalb des Konzerns. Das können neue Geschäftsmodelle oder auch neue Technologien sein.

Ein gutes Beispiel ist mytaxi. Anfangs war mytaxi ein kleines Start-Up, in das wir mit einem kleinen Anteil eingestiegen sind. Später ist mobility-on-demand immer wichtiger geworden und wir haben das Unternehmen ganz erworben. Ergänzt haben wir es noch um viele Zukäufe wie zum Beispiel Taxibeat in Griechenland oder Chauffeur Privé in Frankreich. Mittlerweile ist mytaxi das erfolgreichste Ride Hailing Unternehmen in Europa und eine wesentliche Säule der Mobilitätsstrategie von Daimler.

Kleines Team mit großen Plänen

Wir sind stolz darauf mit unserem kleinen Team, für das wir auch immer neue Talente suchen, einen Beitrag zur Innovation bei Daimler leisten zu dürfen. Durch unsere Arbeit ermöglichen wir unseren Geschäftsbereichen, die mit ihrem eigenen Tagesgeschäft oft wenig Zeit für den Blick nach außen haben, externe Ideen und Impulse aufzugreifen und für Daimler zu nutzen.

Um die nötige Geschwindigkeit bei der Arbeit mit Start-Ups und Tech Unternehmen erreichen zu können, leisten wir uns keine komplizierten Hierarchie- oder Zuständigkeitsdiskussionen. Im Prinzip muss jeder in unserem Team alles können, von der Analyse von Geschäftsmodellen über die Prüfung von Geschäftsplänen zur Bewertung von Unternehmen bis zur Verhandlung von Verträgen. Klar ist der Druck manchmal hoch und manch einer schaut manchmal neidvoll auf einen „geregelteren“ Arbeitsalltag mancher Kollegen. Die Arbeit im Zentrum der Veränderung der Mobilitätsindustrie und all ihre Herausforderungen entschädigen aber für vieles.

Trotzdem gehören ganz sicher viel Überzeugung und Herzblut zu unserem Job, sonst könnten wir mit unserem kleinen Team nicht das erreichen, was wir täglich schaffen. Deshalb darf aber auch die gemeinsame Partie Playstation von Zeit zu Zeit nicht fehlen. Obwohl wir auch schon Projekte im e-Sports Umfeld gemacht haben, zum Beispiel ein Investment in das eSports Team SK Gaming – ja, auch das ist Tech-, muss ich zugeben, dass unsere eigene Performance an der Konsole eher bescheiden ist…

Christian Herrmann leitet den Bereich M&A Technology and Venture der Daimler AG. Sein größtes privates Ventures ist weniger technologielastig — seine beiden kleinen Töchter.