Galileo will’s wissen: Wie fit ist Daimler schon beim Autonomen Fahren?

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 07:30 Uhr. Zwei große Lkw, mehrere Pkw und Transporter rollen auf das Daimler-Testgelände im baden-württembergischen Immendingen.

Dicke Wolken hängen am Himmel, das Thermometer zeigt Minusgrade an und über Nacht hat sich eine dünne Frostschicht über die Teststrecke nordwestlich vom Bodensee gelegt.

Keine einfachen Bedingungen für das heutige Vorhaben: Dreharbeiten für Galileo über Autonomes Fahren, mit empfindlichen Konzeptfahrzeugen, also Fahrzeugen, die noch nicht zur Serienreife weiterentwickelt wurden – dem smart Vision EQ fortwo und dem Vision URBANETIC.

Das Konzeptfahrzeug Vision URBANETIC in der Seitenansicht

Bitterkalt und spiegelglatt präsentiert sich uns das Testgelände. Bei diesen Bedingungen sollen wir Galileo zeigen, wie gut Daimler bereits in Sachen Autonomem Fahren unterwegs ist? Challenge accepted. Mit Mütze und hochgeschlagenem Schal dick eingepackt treffen wir auf die restlichen Kollegen. Jeder von ihnen beschäftigt sich auf unterschiedliche Weise mit der Thematik des Autonomen Fahrens.

Neben den Experten für die  beiden Showcars Vision URBANETIC und smart Vision EQ fortwo sind auch die Spezialisten für das Absichern von Fahrerassistenzsystemen der nächsten Generation vor Ort. Nicht zu vergessen die vierköpfige Filmcrew, die im Auftrag von Galileo an diesem Tag alles in den Kasten bringen soll. Der Zeitplan ist ambitioniert, doch bevor wir starten, muss die Fahrbahn erst einmal enteist werden. Parallel dazu werden die ersten Kameraeinstellungen abgesprochen. Und dann geht es los.

Sequenz 1: Teilautomatisiertes Fahren schon heute

Zu Beginn sind die Kollegen für das Absichern gefragt. Sie zeigen, wie Autos heute schon programmierbar und fernsteuerbar sind und somit Szenarien für die Weiterentwicklung der Sicherheitssysteme sein können. Dafür lassen sie eine E-Klasse „selbstlenkend“ um einen Parcours mit Pylonen im Abstand von jeweils 25 Metern fahren. Die zweite Sequenz ist eine inszenierte Folgefahrt, bei der das vorwegfahrende Fahrzeug plötzlich ausschert und einem Hindernis vor sich ausweicht. Das Auto dahinter muss daraufhin schnell reagieren und legt eine autonome Notbremsung hin – natürlich in diesem Fall vor einem normierten und weichen Hindernis für Übungszwecke, ein sogenanntes „Soft-Crash-Target“.

Die A-Klasse beim Test des automatisierten Bremssystems

Immer mit dabei: Galileo Moderator Vincent Dehler. Vincent soll hautnah erleben, wie die A-Klasse trotz Unachtsamkeit des Fahrers bei einem plötzlich auftauchenden Hindernis eine Vollbremsung einleitet und so sowohl die Autoinsassen, als auch andere Verkehrsteilnehmer vor schweren Unfällen bewahren kann.

So viel zu einem Teil der automatisierten Systeme, wie sie heute schon erlebbar sind. Und wie sieht die Zukunft aus? Mittlerweile kommen ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke, die A-Klasse hat das Glatteis trocken gebremst – es wird also Zeit für die beiden Konzeptfahrzeuge.

Sequenz 2: Zwei Kandidaten aus der Mobilitätszukunft des autonomen Fahrens

Der smart Vision EQ fortwo macht den Auftakt und rollt langsam vom Anhänger. In wenigen Jahren kann er das alleine; noch wird er von einem seiner Entwickler vor Ort ferngesteuert. Auf dem Asphalt angekommen, schwingt er flügelartig seine Türen über die Hinterachse auf und begrüßt Vincent und die Filmcrew mit „Hallo Galileo“ über seinen Black-Panel-Grill – einem Display vorne zwischen den Scheinwerfen. Diese Individualisierungsmöglichkeit sorgt am Drehtag für Schmunzeln, ist aber für den eigentlichen Einsatzzweck äußerst praktisch.

Der smart Vision EQ fortwo wird die Mobilität der Zukunft maßgeblich mitgestalten

Denn der smart Vision EQ fortwo steht für die zukünftige Mobilität in Städten im Sinne eines individualisierten und möglichst flexiblen öffentlichen Nahverkehrs. Damit ist er zum Beispiel das perfekte Carsharing-Auto: Der smart Vision EQ fortwo holt seine Passagiere direkt am gewünschten Ort ab. Dass es sich um „sein“ Fahrzeug handelt, erkennt der Nutzer dann über das besagte Display, nachdem sich das Fahrzeug mit seinem Smartphone verbunden hat. Die Fortbewegung erfolgt dabei elektrisch, autonom, ohne Lenkrad und Pedale.

Ohne die eigenen Hände am Steuer war die erste Runde auf dem Testgelände für Vincent ganz schön ungewohnt. Dennoch bekommt er mit der Zeit eine Idee, wie ein autonom fahrender smart eines Tages seine beiden (Mit-)Fahrer entlasten kann.

Busfahren der Zukunft mit dem Vision URBANETIC

Neben dem Zukunfts-smart wirkt der Vision URBANETIC wie ein sanfter Riese. Immerhin finden dort zehn Personen mehr Platz – genügend Raum für Vincent, den Kameramann und unsere Experten, die während der Fahrt im Konzeptfahrzeug Rede und Antwort stehen.

Das Besondere am Vision URBANETIC: Nicht nur Personen, auch Güter können mit dem Vision URBANETIC transportiert werden. Damit kommt das Fahrzeug gleichermaßen den Bedürfnissen von Städten, Unternehmen unterschiedlichster Branchen wie auch Reisenden und Pendlern nach. „Wie muss ich mir das vorstellen?“, fragt Vincent zurecht.

Der Vision URBANETIC kann bis zu zwölf Personen transportieren

Die Antwort: Das Konzept basiert auf einem autonom fahrenden, elektrisch betriebenen Chassis, das unterschiedliche Wechselaufbauten für die Personenbeförderung oder den Gütertransport tragen kann. Als Ride-Sharing-Fahrzeug kann der Vision URBANETIC bis zu zwölf Passagiere befördern, im Cargo-Modul für den Warentransport können bis zu zehn Paletten transportiert werden. Knapp über fünf Meter ist das Fahrzeug lang. Dabei integriert ist eine ganze Menge IT. Diese kann in Echtzeit Angebot und Nachfrage analysieren und die selbst-fahrenden Flotten der Vision URBANETICS somit künftig in einer Stadt je nach Bedarf zum jeweiligen Einsatzort schicken.

Im Moment ist das Exemplar auf dem Immendinger Testgelände das einzig existierende, doch in Zukunft könnten mit diesem Konzept beispielsweise Warte- oder Lieferzeiten verkürzt und Staus vermieden werden. Das Gesamtsystem erkennt zum Beispiel eine Menschengruppe in einem gewissen Bereich. Es kann daraufhin bewusst  Fahrzeuge dorthin schicken, um den Bedarf direkt abzufangen – flexibel und ohne starre Routen oder feste Fahrpläne.

Es ist ein langer, kalter Tag für die Galileo-Filmcrew

Sequenz 3: Die „Augen“ der Autos von morgen

Apropos Plan. Mit den beiden Showcars ist zwar der praktische Teil zu Ende, der Drehtag jedoch noch lange nicht. Zusammen mit dem Filmteam machen wir uns auf den Weg zurück nach Sindelfingen – unserer nächste Drehlocation. Hier beschäftigen wir uns damit, wie essentiell es beim autonomen Fahren ist, dass das Fahrzeug die gesamte Umgebung wahrnimmt und das Wahrgenommene auch versteht. Dies geschieht durch „Deep Learning“, „Image Understanding“ und durch die Fusion der Kamera und des Lidar. Dabei trainiert man das Netzwerk eines autonomen Fahrzeugs mit ganz vielen Beispielen von Fahrzeugen oder Fußgängern.

Eine Kamera kann also verstehen und lernen? Ja, die semantische Segmentierung, also das was die Kamera und die Sensoren genau sehen, stellt einen wesentlichen Bestandteil des autonomen Fahrens dar. Die Kamera funktioniert hier wie es normalerweise die Augen des Fahrers tun. Sie muss in der Lage sein, zuverlässig bei jeder Tageszeit und bei jeder Witterung Objekte und Menschen frühzeitig zu erkennen und zu klassifizieren.

Der heutige Stand der Segmentierung basiert dabei auf großen Entwicklungsfortschritten. Beispielsweise liegt die aktuell mögliche Reichweite der Technik, je nach Anforderung, zwischen 50 und 500 Metern. Zudem kann das Fahrzeug durch eine Stereokamera mit zwei Kameraaugen räumlich Sehen.

So erkennt das Auto Fußgänger, Radfahrer, andere Autos, Straßen, Vegetation und vieles mehr. All die aufgenommen „optischen“ Informationen werden in einem Computer im Auto erfasst, ausgewertet und mit einer jeweils individuellen Farbe markiert. Das hilft dem Entwickler und macht den Vorgang besser sichtbar.

Die Fortbewegung im smart Vision EQ fortwo erfolgt elektrisch, autonom, ohne Lenkrad und Pedale

Wir wollen es den Zuschauern und uns natürlich nicht nehmen, diese Technik live zu erleben. In Sindelfingen angekommen nehmen wir deshalb kurzerhand Platz auf der Rückbank eines Erprobungsträgers auf Basis einer aktuellen S-Klasse, schnallen uns an und fahren auf die Straße. Wir sehen: Passanten werden beispielsweise mit roter Farbe gekennzeichnet und andere Fahrzeuge mit blauer Farbe hinterlegt.

Durch einen Monitor im Innenraum der S-Klasse, mit der die Entwicklung dieser Technik in der Praxis vorangetrieben wird, lässt sich das Farbenspiel gut sichtbar machen. Nach einer Fahrt durch den Feierabendverkehr in Sindelfingen ist schnell klar – das Auto fährt in einer „bunten“ Welt. Mühelos erkennt die Kamera schnell querende Fahrradfahrer oder zwischen parkenden Autos wartendende Fußgänger, auch wenn diese zum großen Teil verdeckt waren.

Stichwort Feierabendverkehr. Pünktlich mit dem Sonnenuntergang beenden wir unseren Drehtag. Welcher Aufwand für den Dreh eines Beitrags von wenigen Minuten verbunden ist, rückt dabei schnell in den Hintergrund. Und das Ergebnis gibt es hier zu sehen.

Vera Pfister arbeitet im Presseteam bei den Vans von Mercedes-Benz. Dort kümmert sie sich als Pressesprecherin um die Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und Shared Mobility. Den Blog-Beitrag zum Galileo-Dreh hat sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Felix Leon Rist geschrieben, der im Moment Praktikant in der Kommunikationsabteilung im Team International Vehicle R&D and Sustainable Mobility ist.