Die Macht der Viren – Feinde, Weggefährten und Nützlinge

Es war vermutlich zwischen 1900 und 1930, als ein Jäger im nördlichen Kongo oder in Kamerun einen Schimpansen erlegte. Damals wie heute ist die Pirsch auf Wildtiere in Zentralafrika nichts Ungewöhnliches, ihr Fleisch ist begehrt und wird auf lokalen Märkten verkauft.

Doch dieses eine Jagdereignis vor rund 100 Jahren erschüttert die Welt bis heute: Es löste eine Pandemie aus, die nicht nur Afrika heimsuchte, sondern weltweit bislang mehr als 35 Millionen Tote forderte.

Der damals erlegte und verzehrte Affe trug nämlich ein besonderes Virus in sich, eine Variante, die anscheinend besonders leicht auf den Menschen als neuen Wirt übersprang – und dann dessen Immunsystem radikal zerstörte und so das „Acquired Immune Deficiency Syndrome“ (AIDS) auslöste. Um Ihnen die Dimensionen zu verdeutlichen: Allein während der einen Stunde meines Vortrags im Mercedes-Benz Museum zum aktuellen Stand der Virusforschung starben weltweit über 100 Menschen an AIDS und über 200 infizierten sich neu. Dieser Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe „Dialog im Museum“, die gemeinsam von der Daimler und Benz Stiftung, der Daimler AG und dem Mercedes-Benz Museum veranstaltet, ist auch der Anlass für den heutigen Blog-Beitrag. Schließlich sind wir schon mitten in der Erkältungszeit.

Das Thema Viren und Krankheiten wird vor allem in den Medien gerne dramatisch dargestellt. Kommt es zu einem lokalen Ausbruch etwa von Ebola oder der Vogelgrippe, überschlagen sich die Schlagzeilen wie „Der Dämon aus dem Busch“, „Mörderische Epidemie“ oder „Ausbruch der Killer-Viren“. Das treibt den Blutdruck der Leser und die Klickraten der Internetmagazine nach oben, aber aus epidemiologischer Sicht gibt es größere Herausforderungen zu bewältigen; Erreger, die viel mehr Menschen infizieren und zu viel mehr Todesfällen führen.

Es dient niemandem, wenn bei diesem Thema überdramatisiert wird und die Relationen verloren gehen. Während Ebola rund 13.000 Todesfälle insgesamt seit 1976 verursacht hat, fordert die saisonale Grippe weltweit pro Jahr etwa 400.000 Opfer, viele davon könnten durch Impfung verhindert werden. In den letzten Jahrzehnten wurden riesige Fortschritte im Kampf gegen durch Viren verursachte Seuchen erreicht.

Ebola Virus

Dank umfassender Impfkampagnen sind die Pocken seit 1977 ausgerottet, das Poliovirus, also der Erreger der Kinderlähmung, kommt nur noch in drei Ländern der Erde vor und die chronische Hepatitis C ist heute bei den allermeisten Patienten heilbar, sofern sie Zugang zur Therapie haben. Auch die HIV Infektion ist bei angemessener medizinischer Behandlung kein Todesurteil mehr, sondern infizierte Patienten können unter Behandlung ein normales Leben führen. Es bleiben viele Herausforderungen, aber auch ungeahnte Möglichkeiten – in der Forschung und in der Medizin.

HIV Virus

Bereits die Frage, ob ein Virus denn nun ein Lebewesen sei oder nicht, kann durchaus unterschiedlich beantwortet werden. Sicher ist: Ein Virus besteht aus – oft sehr wenig – genetischer Information, die in eine Eiweißhülle gepackt ist. Viren haben also einen sehr einfachen Bauplan und wir können sie als biochemische Verbindung am Übergang von unbelebter und lebender Materie begreifen. Am wichtigsten für das Virus ist der Wirt. Denn trifft das Virus einen geeigneten Wirtsorganismus, entpuppt es sich als  radikal „selbstsüchtiges Genom“. Ohne den Wirt als unglaublich effiziente Vermehrungsmaschine ist das Virus jedoch nichts.

Viren sind überall

Insgesamt gibt es in den Ozeanen geschätzt rund zehn Millionen Mal mehr Viren als Sterne im Universum. Auf der Erde gibt es kaum einen Lebensraum, und sei er noch so extrem, der nicht bereits durch Viren besiedelt ist. Viren finden sich also fast überall. Nicht nur auf unserer Haut, unter dem Rosenbusch im Garten, oder der nächsten Straßenlaterne – sondern ebenso in der Tiefsee, in säurehaltigen und 80 Grad heißen Quellen, in Salinen und mehrere Kilometer unter der Erdoberfläche. Wichtig ist es deshalb, Viren eben nicht nur als mögliche Krankheitserreger zu sehen, sondern zu erkennen, dass sie ein ganz natürlicher und elementarer Teil von uns Menschen und unserer Umwelt sind und für das Leben und Überleben eine wichtige Funktion haben.

Grippe Virus

So bestehen fast zehn Prozent des menschlichen Genoms aus Überbleibseln von genetischer Information uralter und längst verschwundener Retroviren, die vor sehr langer Zeit in der infizierten Zelle zurückgeblieben sind und sich in das Genom des Wirts eingebaut haben. Bestimmte evolutionäre Merkmale, so die Entstehung der Plazenta, oder hilfreiche Überlebensfähigkeiten, etwa Energie aus Kartoffelstärke zu gewinnen, haben wir dem Gentransfer durch Viren zu verdanken. Mikroorganismen und deren Viren tragen mehrere Kilogramm zu unserem Körpergewicht bei. Die Interaktion zwischen Körper, Viren und Bakterien ist allerdings so komplex, dass wir erst langsam beginnen, sie zu begreifen. Gewiss ist jedoch, dass die lebendige Stabilität dieses Mikro-Ökosystems ganz erheblich unsere Gesundheit beeinflusst; hier gibt es noch viel zu erforschen.

Viren sind nicht immer schädlich

Die Anwendung nützlicher Eigenschaften von Viren wird für die Medizin zunehmend an Bedeutung gewinnen. Selbstredend gibt es dabei Misserfolge und Forschungsrückschläge, aber eben auch sehr vielversprechende neue Therapieansätze. Viren sind ideale Vehikel, um Erbinformationen, etwa therapeutische Gene, in erkrankte Zellen einzuschleusen. Damit lassen sich bereits heute bei einigen Patienten bestimmte Blutkrankheiten heilen.

Krebs-Zellen

Auch in der Tumormedizin eröffnen Virustherapien in Zukunft neue Heilungschancen. So können Informationen etwa in Krebszellen eingeschleust werden und diese zur Selbstzerstörung anleiten oder die Virusinfektion macht die Zellen für das körpereigene Immunsystem sichtbar. Auf Grund ihrer schnellen Vermehrung sind manche Krebszelltypen besonders anfällig für das Zerstörungswerk der Viren.

Ja, wir verstehen in der Virenforschung längst noch nicht alle Zusammenhänge im Detail. Dennoch ist die Wissenschaft inzwischen so weit, dass sich ganz neue Horizonte eröffnen.

Podcast „Die Macht der Viren“


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Hans-Georg Kräusslich ist Virologe am Universitätsklinikum Heidelberg. Sein Arbeitsgebiet umfasst die Molekulare Virologie und die zellulären Vorgänge bei Virusinfektionen. Therapie und Prävention von Viruserkrankungen, insbesondere mit dem HI-Virus, sind ein Schwerpunkt seiner Arbeiten.