Skandinavien im Winter: Roadtrip mit der G-Klasse

Schroffe Fjordlandschaft, Schnee und Polarlichter – Was will man mehr? Nun ja, ein Fahrzeug, das allen Herausforderungen gewachsen ist. Ich habe mir diesen Kindheitstraum erfüllt: Eine G-Klasse so auszurüsten, dass ich unabhängig von befestigten Straßen oder den Annehmlichkeiten der Zivilisation damit reisen kann…

Seit ich allein Auto fahren darf, bin ich ein großer Fan von Roadtrips jeglicher Art. Angefangen hat diese Begeisterung mit dem W124 meiner Eltern in den Alpen und ist bei diversen Europa-Roadtrips mit meinem gelben W123, Baujahr 1980, stetig gewachsen. In den USA lernte ich mit einem gemieteten Camper-Van erstmals die Vorzüge eines größeren Fahrzeugs kennen, in dem man bequem schlafen kann. Ein Vorteil, den man als naturverbundener Campingfreund gerade im Winter schnell zu schätzen lernt.

Wir, das sind von links nach rechts Leon, André und Josua

Eine Idee war geboren

Bei mehr als der Hälfte meiner Roadtrips mit dabei war André Haspel, ein Kollege und Studienfreund, der für jede verrückte Reiseidee zu haben ist. Mit ihm habe ich bereits vor dieser Tour 17 europäische Länder zwischen Gibraltar und dem Nordkap bereist. Ich kann nicht mehr genau sagen, wie oder wann ich auf die Idee kam, die wunderschöne Landschaft Norwegens und das Nordkap ausgerechnet im Winter noch einmal zu besuchen. Aber diese Idee hatte sich in meinem Kopf festgesetzt.

Trotz klirrender Kälte und der Dunkelheit der Polarnacht fand sie jedoch allgemeinen Zuspruch und reges Interesse in meinem Freundeskreis. Allerdings bekamen die meisten potentiellen Mitfahrer schlussendlich doch kalte Füße und lediglich Leon Schell, ebenfalls ein Freund aus unserer gemeinsamen Studienzeit, sagte noch verbindlich zu. Zu dritt konnten wir gerade noch auf 1,40m Breite schlafen und somit sollte ein Fahrzeug genügen.

Auf dem Dachträger finden ZARGES-Boxen, LED-Fernlicht, Reservekanister und Bergeequipment Platz.

Innerhalb von sechs Wochen meisterte ich die Herausforderung, meinen Neuerwerb, ein G 300 Turbodiesel (Baujahr 1998 mit über 330.000km auf der Uhr) zum Camping- und Expeditionsmobil aufzurüsten und polartauglich zu machen. Neben dem Einbau eines vollflächigen Dachträgers mit Heckleiter für Gepäck und Ausrüstung und eines klappbaren Bettes, wollte ich für die Launen des polaren Winters gewappnet sein.

Ich nahm eine komplette Wartung des Autos vor, legte sämtliche Betriebsstoffe auf -45 Grad aus und importierte Winterreifen aus Finnland. Zusätzlich rüstete ich den G mit Arbeitsscheinwerfer, Zweitbatterie, Wechselrichter, einem elektrischen Motorvorwärmer, zusätzlichen LED-Fernscheinwerfern und einer Webasto-Luftheizung für den Innenraum aus. Auch Schneeketten, Reservekanister und Bergeequipment sollten zum Gepäck gehören – ich gehe lieber auf Nummer sicher.

Teil 1: Die Menschen

Morgens, am 16. Dezember 2017 ging es dann schließlich los. Die erste und längste Tagesetappe der Reise führte uns zu Andrés Schwester Janina nach Dänemark. In Aarhus bot sie uns zwei Tage lang vielfältige Einblicke in den dänischen Lifestyle.

Am Tag darauf fuhren wir nach Kopenhagen. Im Anschluss ging es über die Öresundbrücke nach Schweden, wo wir unsere erste Nacht im Auto verbrachten. Der Umbau von Fahr- auf Schlafbetrieb lief noch etwas unbeholfen ab. Aber mit zunehmender Übung ging er bereits nach wenigen Tagen reibungslos vonstatten.

Anschließend besuchten wir auf dem Weg über Oslo, Kristiansand und Stavanger in Richtung Bergen einige meiner Lieblingsorte von früheren Roadtrips. Hier im Süd-Westen Norwegens ist die zerklüftete Landschaft besonders eindrucksvoll und abwechslungsreich.

Leider hatten wir vom Wetter her etwas Pech und erlebten mit Temperaturen zwischen 0 Grad und +10 Grad einige regnerische Tage. In Granvin am Hardangerfjord erwartete uns die sagenhafte Gastfreundschaft Skandinaviens. Die Norwegerin Eline hatten André und Leon einige Monate zuvor auf Kuba kennen gelernt und wir waren eingeladen, sie in ihrer Heimat zu besuchen. Für zwei Tage waren wir Teil der Familie.

Wir wurden sofort herzlich aufgenommen, ins Alltagsleben integriert und Freunden wie Verwandten vorgestellt. Hier konnten wir ein letztes Mal die Annehmlichkeiten der Zivilisation genießen.

Teil 2: Wilde Natur

Nach dem Abschied von Granvin und auf der Fahrt von Vossevangen Richtung Norden hatten wir endlich richtigen Winter. Es wurde kälter und fing an heftig zu schneien. Wir hatten eine Menge Spaß beim Driften auf einem großen leeren Parkplatz bei 20cm Neuschnee und schlugen im Anschluss auf ebendiesem unser Nachtlager auf.

Unser kurzfristig entwickeltes Vorzelt aus zwei Planen und zwei Zeltstangen wird am Heck des Fahrzeugs befestigt und bietet nach hinten abgespannt Wetterschutz zum Kochen und Essen. Auch wenn es seinen Zweck tadellos erfüllt, sind Auf- und Abbau etwas umständlich und wir waren froh, es hier zum ersten und gleichzeitig letzten Mal zu benötigen. Dem Wetter sei Dank!

Heiligabend besuchten wir einen Gottesdienst in Trondheim und fuhren anschließend in die Natur. Auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz erlebten wir die Tücken der G bei winterlichen Straßenverhältnissen und standen gleich zwei Mal um 90 Grad quer auf der Straße. Glücklicherweise kam kein Gegenverkehr und wir fanden unfallfrei einen Standplatz für die Nacht. Auf einem einsamen, verschneiten Feldweg genossen wir ein bescheidenes Abendessen im Glanz unseres improvisierten Weihnachtsbaums und einiger Fackelboxen.

Danach fuhren wir weiter nach Norden und erreichten auf dem Saltfjellet den Polarkreis. Das dortige Besucherzentrum ist im Winter übrigens geschlossen. Doch mit den Erinnerungen an diese im Sommer menschenüberlaufene Pilgerstätte, konnten wir das nicht auf uns sitzen lassen. Wir kämpften uns in voller Wintermontur quer durch den Tiefschnee bis zu einem Polarkreis-Denkmal, um wenigstens einige Bilder zu machen. Anschließend ging es noch einige Kilometer weiter, bis wir eine Parkmöglichkeit für die Nacht fanden. Das schönste Weihnachtsgeschenk für uns alle waren die Nordlichter, die wir in dieser Nacht zum ersten Mal auf der Tour sehen konnten.

Ab dem 26. Dezember hatten wir dann offiziell Polarnacht. Für die nächsten sieben Tage unserer Reise sollte die Sonne nie aufgehen. Bis auf den Fakt, dass die Tage immer kürzer wurden, änderte sich für uns nichts. Wir hatten aufgrund des bewölkten Wetters seit Aarhus keine Sonne mehr gesehen. Die Fähre brachte uns von Bodø zu dem beschaulichen Dorf Å auf den Lofoten. Aufgrund der Schönheit der Lofoten verbrachten wir zwei Tage auf der Inselgruppe – unserer Meinung nach der beeindruckendste Teil des Roadtrips!

Wir verließen die Küste in Richtung Schweden, da wir uns in Kiruna das weltweit größte Eisenerz-Bergwerk unter Tage anschauen wollten. In den Bergen war es merklich kälter, als an der Küste. In der Nähe des Abisko Nationalparks erlebten wir um die Mittagszeit unseren Kälterekord mit -32 Grad. Bei solchen Temperaturen gefriert alles sofort und sogar das Atmen fällt einem schwer.

Obwohl wir das Auto hier nie auskühlen ließen, gefroren uns die Lebensmittel in den Staufächern im Kofferraum. In Kiruna besuchten wir abends ein SPA und schafften es anschließend, mitten in der Stadt mit dem G stecken zu bleiben. Mein Fehler – es war wohl doch keine gute Idee, vom Parkplatz geradeaus über den Schneehaufen auf die Straße zu fahren. Diesen Übermut bezahlten wir mit 20min Schnee schaufeln – so viel zum Thema Erholung und Entspannung…

Sogar das Kochen abends dauerte bei diesen Temperaturen wesentlich länger als sonst. Zum Glück funktionierte unsere Heizung in der Nacht tadellos und wir konnten angenehm schlafen. Am nächsten Tag stand das Bergwerk auf dem Programm. Wir waren beeindruckt von den gigantischen, elektrisch angetriebenen Maschinen, mit denen Bergbau heutzutage betrieben wird.

Nach der Minen Besichtigung fuhren wir über Alta wieder zurück nach Norwegen. Dort besuchten wir die ehemals nördlichste Stadt der Welt Hammerfest und setzten unsere Reise zum Nordkap fort. Da standen wir nun am 31. Dezember vormittags in der Autoschlange und warteten auf den Schneepflug, der die Kolonnenfahrt auf den letzten 13 Kilometern anführen sollte. Mit uns warteten erstaunlich viele andere Deutsche, so zierte beinahe die Hälfte aller Autos ein „D“ auf dem Kennzeichen. Am Nordkap selbst hatten wir nur zwei Stunden Aufenthalt. Die Fotos vor der Weltkugel gehören natürlich zum Pflichtprogramm.

Auf unserem weiteren Weg kam mein G letztendlich noch als Bergefahrzeug zum Einsatz: Mit Greifstegketten auf allen vier Rädern und gesperrten Differentialen konnten wir einen von der Straße abgekommenen VW-Bus mühelos herausziehen.

Anschließend fuhren wir weiter nach Alta, ließen uns von neuen Bekannten, die wir am Nordkap kennen gelernt haben im Wohnmobil bekochen und feierten gemeinsam ins neue Jahr. Ein wirklich gelungener Silvesterabend! Richtung Finnland begleitete uns der Tramper Ben für einige Tage. Zu viert besuchten wir das Weihnachtsmanndorf am Polarkreis nahe Rovaniemi und schauten uns die Stadt selbst an.

Teil 3: Städtetour

Das letzte Drittel unserer Reise wurde wiederum von Zivilisation dominiert und führte uns durch etliche Städte. Nach der finnischen Hauptstadt Helsinki sollte es über die Grenze nach Russland gehen. Unsere Visa hatten wir, aber trotzdem blieb eine gewisse Nervosität. Der Grenzübertritt war extrem umständlich, da nur etwa die die Hälfte der Zollbeamten Englisch sprechen konnte. Mit Händen und Füßen konnten wir uns trotzdem irgendwie verständigen und alles lief reibungslos ab. Ob wir in Russland eine gültige Autoversicherung hatten, wissen wir bis heute nicht – zum Glück ist nichts passiert.

Nach einer Nacht im Auto ging es weiter nach Sankt Petersburg, wo wir uns alle wesentlichen Sehenswürdigkeiten zu Fuß anschauten. Gegen Abend zogen wir zum Feiern los. Und die Russen wissen wie man feiert!!! Beim Aufstehen Sonnenschein, die ersten Sonnenstrahlen seit drei Wochen, das war ein wunderbares Gefühl. Sankt Petersburg… Was für eine Stadt!

Wir verließen die russische Föderation mit einem weniger zeitaufwändigen Grenzübertritt nach Estland und waren damit für den Rest der Reise wieder in der EU. Dort klapperten wir in den nächsten vier Tagen Tallinn, Riga, Vilnius und Warschau ab. Durch die tschechische Hauptstadt Prag fuhren wir nur durch und machten uns nach einem Mittagessen in Pilsen auf den Heimweg. So kamen wir einen Tag früher als geplant – ein wenig fertig, aber glücklich – wieder im Schwobeländle an.

Das Schlusswort

Und am Ende bleiben die Eindrücke. Erfahrungen und Bilder, die man nie vergisst. Ich fühle mich beim Fotos sortieren und Blog schreiben wieder in die Augenblicke zurückversetzt, muss schmunzeln und bekomme erneut Fernweh.

Vierzehn Grenzübertritte zwischen elf verschiedenen Ländern gehen nicht spurlos an einem vorbei. Genau 4 Wochen waren wir drei diesen Winter gemeinsam unterwegs und haben dabei 10420km zurückgelegt. Das ist mehr als ein Viertel des Erdumfangs. Während der gesamten Reise hatte mein treuer und zuverlässiger G keinerlei technische Probleme. Der Motor begnügte sich mit nur einem Liter Motoröl, während ein klein wenig mehr Diesel durch den Tank floss. Genau genommen verschlangen die Spritkosten beinahe die Hälfte unseres Reisebudgets.

Alles in Allem war der G-Northrun, wie wir unseren Roadtrip liebevoll getauft haben, ein phantastisches Erlebnis. Und dafür möchte ich mich bei meinen Mitfahrern André und Leon ebenso bedanken, wie bei allen, die mich im Vorfeld und Nachhinein der Tour unterstützt haben. Insbesondere meiner Familie, meiner Freundin, den Mitbewohnern meiner WG und meinen Arbeitskollegen möchte ich für ihr Verständnis und ihre Hilfe ganz herzlich „DANKE!“ sagen.

Er arbeitet seit dem Abschluss seines dualen Mechatronik-Studiums in der PKW Entwicklung in Sindelfingen und nimmt Prototypen mit alternativen Antriebstechnologien in Betrieb. Privat gilt seine Vorliebe jedoch den älteren Mercedes-Modellen.