Zukunftsforschung: Human First! Empathie mit und ohne Auto

Wann immer wir vom automatisierten oder autonomen Fahren sprechen, sorgt vor allem ein Thema für Unsicherheit: Woher wissen wir was diese automatischen Fahrzeuge machen?

Wen schauen wir an wenn wir über die Straße gehen? Werden sie anhalten? Haben sie mich gesehen?

Die anderen Verkehrsteilnehmer haben erstmalig keine Möglichkeit mehr, mit einem menschlichen Gegenüber zu kommunizieren und dadurch abzusehen, wie der andere reagieren wird. Die Lösung dieser Frage wird existentiell sein für die Akzeptanz der Fahrzeuge. Im Zentrum steht dabei Empathie, da gegenseitige Einfühlung das Erfolgskriterium von Kommunikation ist.

Dazu habe ich mich in unserem Berliner Wohnzimmer mit verschiedenen Experten in einem Future Insight Talk ausgetauscht. Eine Annäherung.

In Wohnzimmeratmosphäre sprechen wir über Empathie

Was ist eigentlich Empathie?

Die Fähigkeit sich einzufühlen ist doch im Grunde unmöglich, wir können den anderen ja nicht wirklich fühlen, nicht in den Schuhen der anderen laufen. Wer noch nie verliebt war, findet Herzschmerz albern. Wer keinen Kontakt zu Tieren hat, wird die Freude am Fell nicht verstehen. Ganz zu schweigen von den merkwürdigen Geräuschen, die Eltern vor ihrem Baby machen.

Eine aktuelle Hypothese zur Funktion von Empathie nimmt an, dass wir den anderen in uns nachbilden, dabei unsere Empfindungen fühlen, und diese dann übertragen. Wir können so Absichten erspüren – sofern sie in uns selber schon gelebt wurden. Unser Wahrnehmungsapparat übt diese Funktion ununterbrochen aus, er sucht Lebendiges, da von dort Handlungen ausgehen, auf die reagiert wird.

Mit Spinnen oder Schlangen haben viele Menschen daher Schwierigkeiten, sie sind nicht abbildbar, können sich in alle Richtungen bewegen. Ein Vogel hingegen fällt uns leicht, jedes Kind kann den Vogelflug imitieren. Der Flug ist gerichtet, er zeigt einen Rhythmus an, Kraft oder Trägheit scheinen erfühlbar zu sein.

Wie wichtig die Funktion der Empathie ist spüren wir deutlich, wenn wir uns in einer Fußgängerzone bewegen: Man stößt nicht gegeneinander. Wenn es dann aber doch geschieht, man in die gleiche Richtung ausweicht, müssen beide lachen. Man wacht wie aus einer Trance kurz auf, das ‚Wahrnehmungshandeln‘, der unspürbare Automatismus ist für eine kurze Zeit gestoppt und kitzelt uns wach. In der Mobilität ist diese Funktion verantwortlich für den harmonischen Fluß, das unfallarme Fahren, oder für den Rhythmus der Stadt.

Du kannst nicht nicht kommunizieren

Das erste Axiom der Kommunikation von Paul Watzlawick („Du kannst nicht nicht kommunizieren“) verweist auf den reflexiven Charakter des Wahrnehmungshandeln – es ist ein flüchtiger Prozess, der von kontinuierlichen gegenseitigen Rückkopplungen gespeist wird. In der Kybernetik, der Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Organisationen, wurde das was daraus entsteht – wie beispielsweise ein Verkehrsfluss – Emergenz genannt.

Zwei Frauen fassen sich im Gespräch gleichzeitig ans Ohr

Einfühlung ist Bedingung erfolgreicher Kommunikation

Es entsteht eine neue Struktur, in dem Fall ein Rhythmus, zu dem niemand den Takt geschrieben hat: das hektische New York ist anders als das entspannte Berlin. Man kann es jedoch nicht an einzelnen Aktionen erkennen, Emergenz kennt keine Zusammenhänge von Ursache und Wirkung.

Wir versuchen sie zu erspüren

Was geschieht nun, wenn selbstfahrende Autos in unsere Aktivität eingefügt werden? Unsere Empathie läuft ins Leere, da kein Leben erspürt werden kann – es ist letztendlich doch ein Automat, wenn auch ein sehr komplexer, der nicht so vorhersehbar agiert wie eine Kaffeemaschine.

Möglicherweise produziert unsere Einfühlung zuerst sogar Fehlannahmen, wie auf der Bertha-Benz Fahrt mit der selbstfahrenden S-Klasse, bei der ein Passant anmerkte, sie fahre ‚wie eine alte Dame‘. Möglicherweise wird der Automat auch einfach als uninteressant ausgeblendet, weil als „klar nicht lebendig“ aussortiert? Oder, noch gefährlicher, der unwillkürliche Blick Richtung Fahrer erweist sich als Trugschluss, da der dort Sitzende gar nicht in der Fahrverantwortung ist.

Stefanie Faas hat einige dieser Themen in einer Studie mit Probanden erforscht:

Kooperatives Auto

Deshalb forschen wir am Kooperativen Fahrzeug  – es bietet unserem Wahrnehmungshandeln Signale an, die das ungewohnte ‚Halbleben‘ selbstfahrender Fahrzeuge erlernbar machen sollen. Selbstfahrende Fahrzeuge sollen so ähnlich mühelos voraussagbar und einschätzbar werden, wie wir es von gelenkten Fahrzeugen oder Passanten kennen. Vera Schmidt hat die Entwicklung des Human Machine Interface (HMI) am Äußeren des Fahrzeugs der letzten Jahre anhand von Showcars zeigen können – ein Fachgebiet das es gar nicht gab, als Renzo Piano das Mercedes-Benz Design Center 1998 entwarf.

Offene Innovation

Wie in den meisten Forschungsthemen heute sind zur Lösung dieser Fragen unterschiedliche Perspektiven nötig. Geschlossene Werkstüren sind da nicht mehr zeitgemäß. Jasmin Eichler, unsere Forschungsleiterin, hat die Rolle des offenen Netzwerkes als wegweisend genannt:

Pionierarbeit bündelt vielfältigste Kräfte.

Wir haben daher Akteure zur Mitarbeit eingeladen die auf den ersten Blick automobilfern erscheinen:

See Like a Pony (SLAP)

Zur Grundlage von Empathie, dem Verstehen ohne Worte, sind die Hauptakteure drei Ponys, die mit Sabine Engelhardt eine kleine Herde bilden. Sabine ist sonst eher für die Beduftung in unseren Fahrzeugen bekannt, in dem Fall aber ging es um ihre langjährigen Ponywanderungen. Die kleine Herde wurde mit Kameras ausgestattet, mit denen die unwillkürliche Interaktion, das Wahrnehmungshandeln, sichtbar gemacht werden konnte.

Das Verständnis der Grundfunktion von Empathie ist hilfreich für die Konzeptentwicklung des Kooperativen Fahrzeugs, beispielsweise was Signalisierung durch Bewegung angeht. Mit dem ‚Aufwachvorgang‘ haben wir die Erkenntnisse am Kooperativen Fahrzeug umgesetzt.

Groove

Carola Zwick ist Professorin an der Kunsthochschule Weissensee und betreibt ein Designstudio in Berlin. Eine Besonderheit ist das Designen mit 3D Druck: Konzepte und Ideen werden direkt ausgedruckt und zum Experiment geführt. Der 3D Druck ist Bestandteil des kreativen Prozesses selbst. In ihrer Studie ist daher etwas zum Anfassen und Ausprobieren herausgekommen. Wie kann man anzeigen, dass der Automat etwas nicht wahrgenommen hat? Ist knifflig und paradox, da der Automat es ja wirklich nicht weiß. Dargestellt wurde Sensierung, ähnlich einer Anemone, die spürbar sucht, jedoch nichts findet.

Polygon Pictures

Manga und Animees animieren unbelebte Objekte in 2D. Das ist ihre Kompetenz, erklärte der CEO von Polygon, Shuzo John Shiota auf einer Cyberarts Konferenz bei Ars Electronica. Wir werden auf selbstfahrende Autos im Alltag eingehen müssen, sie sind anders.

Was motiviert da mehr als ein Manga-Lächeln am Fahrzeug?

Resümee: Human First

Maya Ganesh gibt einen Impuls zum Thema Techniknutzung

Maya Ganesh, eine Wissenschaftlerin mit der wir zu Ethik, Künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit arbeiten, rahmte die Diskussion durch ihren Hinweis auf die Wirkung von Technik: Techniknutzung formt uns. Wer lange mit Amazons Alexa im Kommandoton spricht, wird sich diesen Ton angewöhnen.

Wir haben bei der Gestaltung von selbstfahrenden Fahrzeugen damit eine tiefere Verantwortung bei Konzeption und Gestaltung als zu Zeiten des Produktdesigns.

Um Human First zu verwirklichen, müssen wir uns daher damit beschäftigen was Menschsein denn bedeutet, wohin es sich entwickeln soll, und welche Mittel wir als Daimler dazu erschaffen.


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Alexander Mankowsky ist Zukunftsforscher bei Daimler.

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