Barrierefreies Arbeiten: Eine Win-win-Situation für alle!

Um es gleich vorwegzunehmen: Mit Brille liegt meine Sehfähigkeit bei 20 Prozent. Ich bin von Geburt an sehbehindert und kenne die Welt also nur so, wie ich sie von klein auf gesehen habe.

Einen Führerschein darf ich nicht machen. Ich bewege mich deshalb viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln und freue mich natürlich darüber, dass Daimler bei der Entwicklung des automatisierten Fahrens vorne mit dabei ist und viel dafür investiert. Ich bin sicher: Das wird die Mobilität auch für Menschen wie mich eines Tages erleichtern.

Ein Mann mit Sehbehinderung sitzt an seinem Arbeitsplatz vor seinem PC

Hier sehen Sie mich an meinem Arbeitsplatz. Dank Barrierefreiheit mit Spaß bei der Sache

Trotz meines Handicaps bin ich ein sehr visueller Mensch. Wahrscheinlich ist mein Gehörsinn etwas besser trainiert als bei vielen anderen, aber mein Sehsinn ist nach wie vor sehr wichtig für mich – in der Freizeit und bei der Arbeit.

Als IT-Experte bei Daimler sitze ich viel vor dem Bildschirm. Ich habe jetzt 30 Jahre mit Softwareentwicklung, Datenarchitektur und -analyse zugebracht. Aktuell befasse ich mich vor allem mit dem Thema Datenanalyse, da geht es meist um klassisches Reporting. An einem normalen Monitor kann ich problemlos arbeiten. Natürlich stelle ich immer alles auf große Schrift – das reicht meistens schon. Andere haben es da nicht so leicht: Wer schlechter sieht als ich, braucht meist technische Hilfsmittel wie die Braillezeile für die Arbeit am Rechner. Die Braillezeile, mit der Blindenschrift an einem Computer ausgegeben wird, wurde übrigens erst im Jahr 1975 erfunden – das ist noch gar nicht so lange her.

Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden

So steht es in unserem Grundgesetz. Bislang sind nur Träger der öffentlichen Gewalt, insbesondere Behörden, verpflichtet, barrierefreie Internetauftritte zu schaffen.

Die Wirtschaft hat hier noch Nachholbedarf. Aber das soll sich ändern! Und auch hier will mein Arbeitgeber Vorreiter sein.

Ein aktuelles Beispiel: Neue Funktionen für die Daimler 4You+ App

Das Smartphone hat den Alltag der Menschheit revolutioniert, auch in Sachen Barrierefreiheit. Die Möglichkeit, selbst Apps zu entwickeln, nutzen auch Sehbehinderte und Blinde recht häufig, etwa für kleine Apps, die den Alltag erleichtern.

 Ein sehbehinderter Mann bedient eine App mit Extra-Funktionen für Blinde und Sehbehinderte

Die Daimler 4You+ App hat mittlerweile viele barrierefreie Funktionen, die mir die Bedienbarkeit erleichteren

Ein Beispiel? Kürzlich durfte ich bei der Überarbeitung der Mitarbeiter-App Daimler 4You+ mitmachen. Ich wurde vom Entwicklerteam als Berater dazu gebeten, konnte die Neuerungen frühzeitig testen und durfte auch meine eigenen Ideen einbringen. Seit dem letzten Update hat die App jetzt drei neue Funktionen, die Sehbehinderten oder Blinden die Bedienung erleichtern:

  • Voice Over (iOS) und Talk Back (Android): Damit kann sich der Anwender die Inhalte vorlesen lassen. Diese Funktion gibt darüber hinaus Orientierung innerhalb des Contents. So kann der Anwender stets nachvollziehen, ob sich der Finger auf einer Überschrift, einem Textabschnitt oder einem Bild befindet.
  • Invertierte Farben (also von dunkel auf hell zu hell auf dunkel), individuelle Kontraste: Eine neue Funktion erlaubt, die App mit invertierten Farben und individuellen Kontrasten zu nutzen. Dadurch wird es für Sehbehinderte leichter, Farben und Konturen zu erkennen.
  • Schriftgröße: Die App übernimmt jetzt die Voreinstellungen des Smartphones. Wer dort in den Systemeinstellungen eine große Schrift wählt, findet diese jetzt auch bei Daimler 4You+ vor.

Für mich persönlich ist die automatische Anpassung der Schriftgröße die wichtigste Verbesserung. Jetzt kann ich endlich die Daimler 4You+ App genauso komfortabel nutzen wie meine Kollegen.

Die App ist ein wichtiger Schritt von vielen beim Thema „Digitale Barrierefreiheit“. Bei Daimler wollen wir das Thema auf mehreren Ebenen voranbringen und haben deshalb eine konzernübergreifende gleichnamige Arbeitsgruppe gegründet. Dort beschäftigen wir uns mit Fragen wie etwa: Wo kann bei neuen Software-Projekten gleich von Anfang an auf wichtige Funktionen geachtet werden?

Die Arbeitsgruppe „Digitale Barrierefreiheit“ in Action

Real und digital: Barrierefreiheit in beiden Welten

Rollstuhlfahrer benötigen Rampen, Blinde sind auf visuelle Hilfsmittel angewiesen. Barrieren müssen sowohl in der realen als auch in der digitalen Welt überwunden werden. In beiden Bereichen haben wir noch viele Baustellen – aber ich versuche immer, nicht so verbissen an das Thema heranzugehen. Nicht jede Folie einer Präsentation muss barrierefrei sein – wenn beispielsweise niemand mit Handicap in das Projekt involviert ist. Da sollten wir uns auf den gesunden Menschenverstand verlassen.

Das Thema Barrierefreiheit treiben Betriebsrat Alfons Adam (l.) und Personalvorstand Wilfried Porth gemeinsam voran

Das Zauberwort heißt: Sensibilisierung für das Thema. Denn wer sich noch nie mit Handicaps und Barrierefreiheit beschäftigt hat, denkt darüber auch nicht nach. Es geht also erst mal darum, Aufmerksamkeit für Einschränkungen zu schaffen. Wenn ein Bewusstsein besteht, folgen die Ideen für Verbesserungen fast von allein. Der Mehraufwand für die technischen Lösungen lässt sich dann umso einfacher in den Griff kriegen.

Für Apple ist Barrierefreiheit in der Informatik ein Menschenrecht. Wenn ich über Barrierefreiheit nachdenke, dann denke ich nicht über Geld nach!

Das hat Tim Cook einmal gesagt. Und recht hat er. Dabei ist Barrierefreiheit in der digitalen Welt auch deutlich einfacher und günstiger umzusetzen als in der realen Welt. Denn es braucht ja keine baulichen Veränderungen, wie sie beispielsweise für viele öffentliche Einrichtungen nötig sind. Das ist natürlich ein Vorteil und ich versuche immer, meinen eigenen Erfahrungsschatz zu nutzen und solche einfachen Anpassungen voranzutreiben. Meistens treffe ich mit meinen Anliegen auf offene Ohren. Das motiviert mich, diesen Weg weiterzugehen.

Barrierefreiheit ist unser Ziel bei allen digitalen Darstellungsformen. Deswegen gibt es das Video zur Daimler Pride Tour 2018 mit Untertiteln, Gebärdensprache und vertonten Erklärtexten:

Verbesserungen für alle!

So setze ich mich etwa dafür ein, dass bei Software die Eingabefelder bereits bei der Entwicklung richtig „getaggt“ werden. Das hilft später nicht nur Sehbehinderten oder Blinden beim Bedienen mit einem Screen-Reader, sondern auch dem Entwickler bei der Datenmodellierung oder späteren Softwaredokumentation. Sauberes Programmieren führt also zu echten Win-win-Situationen für beide Seiten.

Ein letztes Beispiel aus meinem Arbeitsalltag: die saubere Formatierung von Office-Dokumenten in Überschrift und Absatz. Nicht nur Nutzer von Screen-Readern haben es dann leichter, sich durch ein großes Dokument zu klicken – von einer gut strukturierten und übersichtlichen Aufbereitung von Informationen profitiert letztlich jeder. Klar ist: Es gibt noch durchaus einiges anzupacken. Doch das Thema ist bei Daimler nicht nur angekommen – es wird auch angenommen. Und zwar von Menschen mit  und ohne Handicap. Und das finde ich echt klasse!


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
5.0 / 5 (44 Bewertungen)
Bitte warten...

Tags: , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Peter Scheurich arbeitet als Datenspezialist in der IT im Werk Untertürkheim. In der Arbeitsgruppe „Digitale Barrierefreiheit“ setzt er sich dafür ein, die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter mit und ohne Handicap zu verbessern. Peter Scheurichs konkrete Ideen wurden beim Update der Daimler 4You+ App umgesetzt.

Lesen Sie mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. 5 Denkanstöße, um authentisch erfolgreich zu sein

    Peter Valentin: Hallo Frau Klasing, herzlichen Glückwunsch zu Ihren Erfolgen. Ich habe da eine...

  2. 5 Denkanstöße, um authentisch erfolgreich zu sein

    Sabine Kußmaul: Es war ein toller Vortrag und eine sehr offene Diskussion! Vielen Dank,...

  3. Skandinavien im Winter: Roadtrip mit der G-Klasse

    Michael Schober: Wirklich eine tolle Tour und ein wahnsinns Abenteuer. Vielen Dank für den...

  4. Barrierefreies Arbeiten: Eine Win-win-Situation für alle!

    Christoph P.: Sehr schön, dass gerade auch im Unternehmensumfeld auf Einschränkungen geachtet wird und...

  5. Blogbeiträge auch als Podcast

    Uwe Knaus: @Tilo: Danke für den Hinweis. Im Header unter "Über das Blog"...