Was sich Fußgänger von autonomen Fahrzeugen wünschen

Automatisiertes Fahren ist DAS Thema, wenn wir an die Mobilität der Zukunft denken. Oftmals steht dabei die Technologie im Vordergrund. Aber welche Informationen oder Hinweise wünschen sich eigentlich Fußgänger von automatisierten Fahrzeugen?

Genau mit dieser Frage beschäftige ich mich derzeit als Doktorandin bei Daimler. Als ehemalige Psychologiestudentin verstehe ich mich dabei als eine Art Vermittlerin zwischen Mensch und Maschine – Coach der Technik sozusagen. Auch hier ist vor allem eines wichtig: Kommunikation.

Neben ausgefeilter Technik wie Kamera, Radar und Lidar ist die Kommunikation eines automatisierten Fahrzeugs mit Fußgängern ein zentraler Sicherheitsaspekt im Straßenverkehr von Morgen – ein übergreifendes Thema, das alle Automobilhersteller über die Landesgrenzen hinaus betrifft.

Für viele Menschen ist es absolut unvorstellbar, nicht mehr per Augenkontakt mit dem Fahrer kommunizieren zu können. Denn das freundliche Nicken hinter‘m Lenkrad, das mir signalisiert „Ich lass dich rüber!“, wird es in vollautomatisierten Fahrzeugen so nicht mehr geben. Durch diese Veränderung tauchen viele Fragen auf.

Aber was wünschen sich Fußgänger stattdessen?

Für uns – damit meine ich ein interdisziplinäres Team aus Designern, Zukunftsforschern, Ingenieuren, Elektronik-Spezialisten und mir – mehr als Grund genug, sich diese Beziehung genauer anzuschauen. Und das nicht am Bildschirm, sondern an dem Ort, wo wir Zukunft denken:

Insgesamt 60 Probanden haben uns in unserem neuen Prüf- und Technologiezentrum in Immendingen besucht, um an unserer Feldstudie zu kooperativen Lichtsystemen teilzunehmen. Das Beste an dem neuen Testgelände: für uns definitiv das Stadtquartier mit Ampeln, Kreuzungen, Parkplatz und allem, was man sonst noch so für eine möglichst realitätsnahe Studie im Stadtverkehr braucht.

Hier ist alles so realitätsnah gestaltet, dass man schon mal vergessen kann, dass unser Testfahrzeug – im Fachjargon „Cooperative Autonomous Vehicle“ – gar nicht automatisiert auf die Kreuzung oder aus dem Parkplatz rollt. Der Grund dafür ist, dass nur das Fußgängerverhalten in Bezug auf das kooperative Lichtsystem untersucht werden soll.

Möglich machen das ein selbstgebastelter Dachaufsatz in Sensoroptik und unsere geschulte Fahrerin Selina im Sitzkostüm. Ja, so etwas gibt es wirklich und wurde extra von der Sitzwerkstatt für uns angefertigt! Für unsere Teilnehmer sah es also so aus, als würde das Fahrzeug fahrerlos auf sie zukommen. Dieses Szenario schaffen wir, um echte Reaktionen auf automatisierte Fahrzeuge zu erhalten.

In der Forschung ist ein solches Vorgehen nicht unüblich. Zu einem frühen Entwicklungszeitpunkt lassen sich bestimmte Testszenarien so einfach und häufig durchlaufen.

Apropos: Lichtsignale im Straßenverkehr kennen wir alle – Blinken, Bremslicht und das wohl wichtigste für die Fußgänger: grün du darfst gehen, rot bleib‘ stehen. Studien für die Society of Automotive Engineers (SAE) haben gezeigt: Türkis soll die Farbe des automatisierten Fahrens werden.

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe: 1. Türkis ist bisher noch keine Farbe im Straßenverkehr, 2. Probanden nehmen Türkis als eine innovative, angenehme Farbe wahr, 3. Türkis kann im Gegensatz zu weiß an allen Seiten des Fahrzeugs verwendet werden. Auch Neurobiologin Annette Werner von der Universität Tübingen bestätigt: Türkis eignet sich zur Anzeige des autonomen Fahrmodus am besten. Um herauszufinden, welche Art von Lichtsignalen sich Fußgänger wünschen, haben wir in zwei verschiedenen Testszenarios den Sprung in die Zukunft gewagt.

Treffpunkt Kreuzung: Die erste Versuchssituation

In der ersten Versuchsgruppe haben wir verschiedene Lichtsignale an einer Kreuzung ohne Fußgängerampeln untersucht:

Während des ersten Durchlaufs zeigte das abbiegende Testfahrzeug keinerlei Signal, als es auf die Probanden traf, die eine Straße überquerten. Für die Fußgänger war deshalb unklar, ob der automatisierte Fahrmodus aktiviert war oder das Fahrzeug manuell gefahren wurde. Eines kann ich vorweg nehmen: Begeisterung hat diese Variante nicht gerade ausgelöst.

In Runde zwei sah das schon ganz anders aus: Ein stationäres, türkis-leuchtendes Licht am Fahrzeug vermittelt den Fußgängern, dass der automatisierte Fahrmodus aktiv ist.

Noch besser kam die stationäre Anzeige des automatisierten  Fahrmodus in Kombination mit einem dynamischen Lichtsignal an. Letzteres zeigt an, was das Fahrzeug als nächstes vorhat. Dabei macht das Fahrzeug mit einem pulsierenden, vorderen Bremslicht deutlich, dass es für den Fußgänger hält.

Im vorletzten Durchlauf wurde ein Art „Augenkontakt“ getestet. Neben der Anzeige des Fahrmodus zeigt das Auto über bewegliche „Augen“ an den Sensoren auf dem Dach, dass es den Fußgänger sieht. Beim Überqueren der Straße folgen die Lichtsignale dem Fußgänger – wie die Augen eines aufmerksamen menschlichen Fahrers es im aktuellen Straßenverkehr tun. Zum guten Schluss ist das Versuchsfahrzeug dann mit allen Signalen in Kombination um die die Ecke gebogen.

Treffpunkt Parkplatz: Die zweite Versuchssituation

Die zweite Versuchsgruppe traf unser Versuchsfahrzeug auf einem Parkplatz: Auch hier haben wir die verschiedenen Signale von Baseline (ohne jegliches Signal) über blinkende Leuchte oberhalb der Windschutzscheibe bis hin zu den beweglichen „Augen“ getestet. Entscheidender Unterschied zur ersten Situation: Das Fahrzeug kommunizierte nicht das Bremsen, sondern dass es losfahren möchte.

Schon nach dem ersten Tag war klar: Egal in welcher Situation – Fußgänger möchten wissen, wenn sie es mit einem automatisierten Fahrzeug zu tun haben. Darauf deuten auch die ersten Auswertungen hin. Unsere finalen Ergebnisse fließen direkt bei der SAE, der Society of Automotive Engineers ein. Diese erarbeitet aktuell einen Vorschlag, wie Lichtkonzepte für automatisierte Fahrzeuge dann einmal aussehen sollen.

Gut möglich also, dass ich in ein paar Jahren autonome Fahrzeuge auf den Straßen sehe mit einem Lichtkonzept, an dem ich mitgearbeitet habe… das ist einfach cool!


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Stefanie Faas ist Doktorandin in der Innovationswerkstatt und mag es, spannenden Zukunftsfragen auf den Grund zu gehen.

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