Großer Preis von Russland – Lewis Hamilton auf dem Weg zum 5. WM-Titel!

Sochi in Russland, so stand es heute dick in meinem ganz persönlichen Motorsport-Kalender und damit ein Grand Prix, der durchaus richtungsweisend für die letzten Saison-Rennen sein könnte. Und was sollte das für ein Rennen werden, aber dazu später mehr!

Jetzt weiss ich nicht wie es euch geht, aber für mich ist die 2018er Saison die wohl spannendste und beste der letzten… ja, ich hole richtig aus, 20 Jahre. Und dabei schau ich nun wirklich auf 4 Dekaden Formel 1 zurück, zumindest war/ist die 78er Ausgabe der Königsklasse des Motorsports die erste, an die ich mich zurückerinnern kann. Das lag wiederum an Mario Andretti und seinen Lotus 79, den ich damals als kleines Modellauto auf selbstgebaute Fantasiestrecken durch die Sandkästen meiner Heimatstadt schob.

Seitdem bin ich vom Formel 1-Virus befallen und habe zumindest in den letzten 30 Jahren nicht ein Rennen verpasst. Im Gegenteil. Sonntags live, Abends dann noch einmal ganz in Ruhe die Aufzeichnung anschauen und analysieren. Ich bin Fan und dies, die tollen Kolleginnen und Kollegen unseres Teams mögen mir das wirklich nachsehen, bezüglich der gesamten Formel 1. Ich feier ebenso ein Überholmanöver in den hinteren Reihen, wie die Weltmeisterschaft für Lewis oder Sebastian.

Die F1 ist für mich das mit Abstand aufregendste Sport-Ereignis auf dem Planeten und dies liegt vor allen Dingen daran, dass keine andere Sportart sich so in der Schnittmenge von Hochleistungssport und High-Tech platziert hat.

Ergo stehe ich auch beim Russland Grand Prix „auf der Matte“ und gebe euch meine ganz persönlichen Eindrücke wieder, nachdem Toto Wolff am Freitag schon den Auftakt gemacht hat.

Die 1. Reihe „sieht silber“

Wer das Qualifying vom Samstag noch nicht auf dem Schirm hatte… unser Team belegt die erste Reihe und holte sich damit natürlich auch die Pole Position. Und hier kann ich aus meinem Herzen keine Löwengrube machen (2 Euro ins Phrasenschwein) und möchte noch einmal sagen, wie sehr ich mich für Valtteri freute, der mit einer tadellosen Leistung seinen Mercedes AMG F1 W09 EQ Power+ auf den besten Startplatz stellte. Lewis Hamilton folgt auf 2, Sebastian Vettel auf der 3.

Und an genau dieser Reihenfolge hat sich auch nach der 1. Runde nichts geändert, mal davon abgesehen, dass Vettel einen extrem guten Start erwischte und zeitweise mit Lewis gleichzog… es blieb bei der Reihenfolge nach Q3. Bottas führt das Feld vor Hamilton und Vettel auf die Start/Ziel. Mein Highlight der ersten 1.5 Runden? Charles Leclerc geht mit seinem Sauber aussen in der 180 Grad Links an Kevin Magnussen vorbei. Was ein Manöver. Genau deshalb bin ich so von diesem Sport begeistert.

Ebenfalls ein dickes Lob an Max Verstappen. Gefühlt startete der Niederländer von der Zufahrtsstraße des Sochi Autodrom (ok, es war der 19. Startplatz) um dann in der 6. Runde bereits auf dem 6. Platz zu liegen. Wahnsinn!

Alles unter Kontrolle an der Spitze!?

Nach 8 Runden scheint es, als hätte die Spitze sich nicht nur einsortiert, sondern würde nun langsam das Rennen kontrollieren. Der Abstand zwischen Bottas und Hamilton liegt immer um die 1.2 – 1.4 Sekunden, während Vettel sich im 2 Sekunden-Fenster hinter Lewis positionierte. Die schnellsten Rundenzeiten kamen aber nun vom Ferrari und es hatte für mich den Anschein, als hätte die Roten aus Maranello doch noch nicht alle Karten auf den Tisch gelegt.

Taktikspielchen? Gar ein Bluff oder eine andere Strategie? Tatsache ist, dass der Seb sich langsam Richtung DRS-Fenster bewegte. Aber sollte dies die eigentlich Sorge für Team Silberpfeil sein?

Ihr erinnert euch an die grandiose Aufholjagd von Verstappen? Red Bull hat aufgrund einer bereits einkulkulierten Strafversetzung (Motorenwechsel) das 2. Qualifying praktisch abgeschenkt. Dadurch konnten sie, wie auch Renault, nicht nur die Reifenmischung zum Start wählen, sondern vor allen Dingen auch mit frischen Pneus ins Grid rollen. Während die Spitze auf den Ultrasofts startete, liess es der Max mit Softs so richtig knallen. Damit war er nicht nur schneller, sondern hatte auch das haltbarere Gummis aufgezogen und kam dadurch auch an Bottas vorbei, der in der 12. Runde an die Boxen kam.

Vettel folgte in der 13., kam hinter Valtteri wieder auf die Strecke, während Lewis in Runde 14 folgte… zu spät! Ferrari gelang der Undercut, wenn auch wirklich nur um wenige Meter! Aufgesprungen bin ich, gehüpft, geklatscht, geschrien und ja, mir ist es dann sowas von egal, was meine Nachbarn von mir denken. Die kennen das schon :)

Hatten aber keine Ahnung, was nur eine Minute später passieren sollte. Der Zweikampf zwischen Lewis und Sebastian ließ mich ein mittleres Erdbeben der Stärke 5 auf der nach oben hin offenen Richter-Skala entfachen. Was ein unfassbarer Move von Hamilton. That’s Racing!

Formel 1 – Mercedes-AMG Petronas Motorsport, Großer Preis von Russland 2018

Strategiespielchen & der Reifen-Faktor

22 Runden waren vorbei und Team Silberpfeil schob sich langsam aber sicher wieder an Verstappen ran. Verstappen auf 1? Richtig, denn der Max war immer noch nicht an der Box und fuhr auf seinen Softs weiterhin passable Rundenzeiten, wenn auch ca. eine halbe Sekunde langsamer als Bottas, Hamilton und Vettel.

Den Vorteil der „Track-Position“ hatte aber der Niederländer und da klingelte es bei mir, dass Red Bull mit einer Taktik an den Start ging, die verdammt wettbewerbsfähig und gefährlich für die Spitze sein könnte. Diese schob sich übrigens langsam aber sicher immer mehr zusammen. Der Faktor Verstappen dürfte so nicht auf der Liste der Team-Strategen von Silber und Rot gestanden haben. Behaupte ich mal, auch wenn damit natürlich nur ins Blaue rein spekuliere und final nicht die besseren Argumente auf meiner Seite hatte.

Dem Rennen tat es jedenfalls so richtig gut. Meinen Fingernägeln eher weniger!

„Let Lewis by into Turn 13“

Und dann begann die Zeit des „Asphaltschachs“! Bottas erhält die Ansage den Lewis in Kurve 13 vorbeizulassen, auch um ihm Rückendeckung gegenüber dem aufschliessenden Ferrai Vettels zu geben. Verstappen hingegen fuhr nun an der Spitze die schnellsten Rundenzeiten. Ja haben sich denn hier alle verzockt und Red Bull die perfekte Strategie mit in den Rennsonntag genommen? In Runde 25 sah das in der Tat so aus. Die Reifen von „Silber“ und „Rot“ boten keinen übermässigen Vorteil mehr gegenüber denen des Red Bulls und es schien, als könnte Verstappen das Rennen gar ei wenig kontrollieren. Wobei… natürlich musste der Max noch einmal an die Box!

Und die Frage war nicht nur wann, sondern welche Zeiten er dann mit seinen frischen Ultrasofts in den russischen Asphalt brennen konnte. Musste die Spitze gar darauf reagieren? Was macht Team Maranello und lohnt es sich überhaupt noch einmal an die Boxen zu kommen? Neun Runden vor Schluss schien wirklich alles möglich. Und dann war es so weit. Die ersten 4 liegen innerhalb von 3.8 Sekunden als Verstappen an die Box kommt und Vettel liegt fast wieder im DRS-Fenster von Valtteri!

Alles bereit fürs Finale!

Eine Runde später wird klar, dass der Red Bull hier wirklich das berühmte Zünglein an der Waage war. Max hielt die Silberpfeile auf und gab damit Ferrari die Chance aufzuschliessen! Nachdem dieser nun an den Boxen war und Lewis freie Fahrt hatte, konnten sich die beiden Silberpfeile wieder leicht von Vettel absetzen. Lewis gar in der 45. Runde die neue schnellste Runde fahren!

Noch eine Runde später kam dann für alle die Erkenntnis, dass Red Bull auf Ultrasoft keine Gefahr mehr darstellte und man sich somit langsam aber sicher darauf konzentrieren konnte, das Rennen „nach Hause“ zu fahren.

Und genau dies trat dann ein. Lewis gewinnt den Großen Preis von Russland 2018, vor Valtteri Bottas und Sebastian Vettel.

Was das für die WM bedeutete? Einen riesigen Schritt in Richtung 5. Titel und damit die Möglichkeit mit der Legende Juan Manuel Fangio gleichzuziehen!

Stimmen zum Rennen

Wir haben darüber gesprochen, wer zuerst an die Box kommen sollte und haben dann zuerst Valtteri hereingeholt, weil das seinen Sieg absichern sollte. Bei Lewis war es eine Runde zu spät und wir haben die Position an Sebastian verloren. Das war der Auslöser für diese Situation, weil Lewis hinter Sebastian herauskam und ihn dann angreifen musste.

– Toto Wolff

Toto Wolff

Wir sind alle mit vollem Herzen Racer und wir wollen echtes Racing sehen, bei dem der Schnellste gewinnt. Aber wir sind auch vernünftige Leute. Wir besprechen Dinge am Vormittag und dann kommt es im Rennen alles ganz anders. Genau das ist heute passiert. Wir sollten nach einem Doppelsieg überglücklich sein und grundsätzlich sind wir das auch. Aber wir haben auch das Gefühl, dass es gegen Valtteri gelaufen ist. Er hätte heute gewinnen sollen und wir haben das geändert. Valtteri ist ein unheimlicher Teamplayer, aber heute war schlecht für ihn und schlecht für das Team.

Das rief die Blasen an seinen Reifen hervor und wir mussten ihn schützen, als Sebastian Lewis auf seinen beschädigten Reifen angriff. Lewis lag weit dahinter, aber als wir Valtteri gebeten haben, dass er in Kurve 13 die Positionen tauschen soll, hat er es sofort gemacht. So jemanden willst du im Team haben, weil du dich auf diese Jungs genauso verlassen musst wie sie sich auf uns verlassen. Das lässt es umso schlimmer erscheinen. Aber die harte Realität ist, dass man an solch einem Tag den Vorsprung in einer harten und teilweise sehr schwierigen Weltmeisterschaft um viel mehr Punkte ausbauen kann. Manchmal muss man diese Entscheidung treffen und genau das haben wir heute getan. Wir haben einen Doppelsieg eingefahren und jetzt 50 Punkte Vorsprung – das fühlt sich an einem ansonsten sehr schwierigen Tag gut an.

Schlussendlich glaube ich, dass es in diesem Moment vor allem wichtig ist, zuerst Valtteris Leistung anzuerkennen, weil er, wie ich schon gesagt habe, ein absoluter Gentleman ist.

– Lewis Hamilton

Lewis Hamilton

Valtteri war heute ein fantastischer Gentleman. Ehrlich gesagt war das heute der seltsamste Tag, an den ich mich in meiner Formel 1-Karriere erinnern kann. Ich weiß, dass wir diese Situation und Diskussion schon einmal erlebt haben. Es hat sich schon immer unheimlich unangenehm angefühlt. Ich habe immer gesagt: „Ich möchte auf die richtige Art und Weise gewinnen.“ So war es schon immer für mich. Ich sagte: „Als Rennfahrer wollen wir immer gewinnen und wenn man uns sagt, dass wir nicht gewinnen dürfen, nimmt man uns die Luft zum Atmen.“ So ist das. Das würde ich niemandem wünschen und ich würde es niemals verlangen. Nie. Ich habe in unserem Meeting klargestellt: „Damit Du es weißt, ich bin nie zu Toto und den Jungs gegangen, so möchte ich nicht gewinnen.“

Das Team hat diese Entscheidung getroffen, als sie gesehen haben, dass meine Reifen Blasen geworfen haben und Vettel von hinten näherkam. Es gibt starke Stimmen im Team, die sagen: „Wir müssen gewinnen, nur darum geht es. Wir müssen beide Weltmeisterschaften gewinnen, egal wer vorne liegt.“

Es ist sehr seltsam, sich schlecht zu fühlen, aber wir müssen auch den Jungs in der Fabrik dankbar sein. Viele Leute arbeiten mit Volldampf, um sicherzustellen, dass wir so einen Doppelsieg einfahren können. Das Team hat an diesem Wochenende fantastische Arbeit abgeliefert. Wir müssen auch diesen Moment genießen, aber es ist definitiv einer der Siege auf meinem Konto, auf den ich am wenigsten stolz bin.

Das war ein harter Tag. Wir haben als Team ein gutes Ergebnis mit der maximalen Punktzahl eingefahren, aber für mich persönlich war es ein schwieriges Rennen. Obwohl ich die Situation schon verstehe.

– Valtteri Bottas

Valtteri Bottas

Wenn man sich in die Situation der Teamleitung versetzt, spielt es keine Rolle, ob Lewis oder ich gewinne – so lange wir mit einem Doppelsieg die maximale Punktzahl holen. Für den Rest des Jahres kämpft nur noch Lewis um die Weltmeisterschaft und nicht ich. Somit ist es für das Team immer besser, wenn Lewis gewinnt – so ist das nun einmal.

Das ist für mich als Sportler und Mensch nicht optimal, aber es ist ein Fakt. Wir sind ein Team und ich bin bereit, mich für das Team einzusetzen. Heute habe ich das getan und das würde ich auch morgen wieder machen. So läuft es nun einmal, aber ich freue mich auch auf das nächste Jahr und eine neue Saison. Ich weiß, dass ich heute hätte gewinnen sollen und ich bei gleichen Voraussetzungen auch gewinnen hätte können. Für mich selbst weiß ich, dass ich an diesem Wochenende der Sieger war. Ich habe keinen Siegerpokal, aber das spielt keine Rolle. Abgehakt und weiter geht’s .


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