Teststrecke Immendingen: Hier fährt die Technik von morgen

Im baden-württembergischen Immendingen geht heute Nachmittag das neue Prüf- und Technologiezentrum (PTZ) offiziell an den Start. Hier können die Daimler-Ingenieure nicht nur die aktuelle Fahrzeuggeneration auf Herz und Nieren prüfen, sondern auch die Mobilität von morgen unter realistischen Bedingungen testen.

Ich bin mit Leib und Seele Fahrzeugentwickler. Deshalb ist die Einweihung des neuen Prüf- und Technologiezentrums in Immendingen ein ganz besonderer Tag für mich. Hier, 130 Kilometer südlich von Stuttgart und 40 Kilometer nördlich von Radolfzell am Bodensee, stellt Daimler die Weichen, damit wir auch in Zukunft unsere führende Rolle bei den Zukunftstechnologien Vernetzung, autonomes Fahren, flexible Nutzung und elektrische Antriebe behalten und weiter ausbauen können.

Mit fünf Quadratkilometern ist das Gelände übrigens doppelt so groß wie das Fürstentum Monaco. 300 neue Arbeitsplätze werden hier entstehen, bereits jetzt arbeiten rund 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Immendingen.

Die E-Klasse neben einem automatisiert fahrenden, crashbaren Target für Tests von Kollisionsvermeidungssystemen: zukünftig auf der Bertha-Fläche in Immendingen

Auf dem neuen Prüf- und Technologiezentrum bilden wir die Realität der vielen unterschiedlichen Straßentypen ab.

Rund 68 Kilometer Schotterwege und Straßen sind in den vergangenen zwei Jahren entstanden, um Assistenzsysteme unter den unterschiedlichsten Bedingungen zu testen.

Ein Dauerlaufkurs, Steigungsstrecken, kurvenreiche Landstraßen mit variierenden Markierungen, Belägen und Erlebnismöglichkeiten für Fahrer und Assistenzsystem ergeben realistische Testmöglichkeiten. In dieser Form gibt es das nur in Immendingen.

Verlagerung der Versuchsfahrten von der Straße

Die Losung lautete: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute doch so nahe liegt. Oder anders ausgedrückt:

Die Versuchsfahrer müssen jetzt nicht mehr durch die ganze Welt reisen, um für bestimmte Tests und Testfahrten die passende Örtlichkeit zu finden. Heute reicht die Fahrt nach Immendingen.

Auf dem Gelände kann der Alltags-Verkehr in der Stadt, auf der Landstraße oder im Gelände so realitätsnah wie möglich simuliert werden. Tropische Hitze, sibirische Minusgrade, alpines Offroad-Gelände: Erst wenn die neu entwickelten Fahrzeuge extreme Herausforderungen wie diese meistern, geht es vom Testgelände raus auf die öffentlichen Straßen. Die ganze Welt der Straßen und Verkehrswege: In Immendingen ist sie zu Hause!

Simulierte Innenstadt, Brandanalyselabor und Parkhaus

Um das das autonome Parken zu testen, ist auf dem Gelände zudem ein spezielles Parkhaus entstanden. Dazu gehören enge Auffahrten und Stahlbetondecken, damit das Fahrzeug nicht schummeln kann und sich die notwendigen Signale von Satelliten für die Suche nach einer Parklücke holt. Dieses Parkhaus ist erst später während der Realisierungsphase hinzugekommen. Schließlich entwickeln sich die Assistenzsysteme so rasend schnell, dass wir darauf entsprechend flexibel reagieren müssen. Auch jetzt planen wir bereits weitere Bauten.

Weil die Wirklichkeit immer wieder Überraschungen bereit hält

Ein derartiges Prüf- und Technologiezentrum ist für einen Autobauer wie Daimler mit Blick auf die wachsenden Herausforderungen der Zukunft unverzichtbar, um auch künftig die Nase vorn zu haben. Das gilt mehr denn je in der heutigen Zeit, wo sich unsere Branche so rasant wandelt wie nie zuvor. Dafür sind wir nun vorbereitet – und das unter realen Bedingungen.

Am Computer lässt sich zwar viel berechnen, aber am Ende bleiben die Testfahrten auf richtigen Straßen unumgänglich, um die Sensorik alltagsfest zu machen. Dabei wird man immer wieder feststellen, dass die Wirklichkeit stets Überraschungen bereithält, die der Computer nicht bedacht hat. Zum Abschluss muss ich mit dem Fahrzeug einfach auf die Straße, um zu sehen, ob meine Erwartungen und Berechnungen der Realität standhalten und wie sich die Sensorik bewährt.

Für die Tests unserer autonomen Fahrzeuge haben wir „Bertha“ entwickelt. Das ist die größte asphaltierte Fläche auf dem Gelände, und sie heißt übrigens nicht zufällig so. „Bertha“ ist das Akronym für den etwas sperrigen Begriff „Bereich zum Erproben und Testen von und mit hochautomatisierten Fahrzeugen“. Hier können  auf 100.000 Quadratmetern herausfordernde und komplexe Verkehrssituationen hochgenau und beliebig oft reproduziert werden.

Doch der Name hat auch einen historischen Hintergrund: Immerhin war Bertha Benz nicht nur die Frau von Carl Benz, einem unserer beiden Gründerväter, sondern auch die erste Testfahrerin der Welt, als sie mit ihren Kindern von Mannheim zu ihren Eltern nach Pforzheim gefahren ist. So schlagen wir die Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft.

Die Immendinger Fläche ist bereits seit einem Jahr im Testbetrieb, weil wir gerade beim automatisierten und autonomen Fahren besonders intensiv forschen und testen. Wir sind die ersten, die ein solches Gelände haben, um autonomes Fahren zu testen. Bei dieser Technologie sind wir schon heute Vorreiter, und „Bertha“ wird uns helfen, dass dies auch morgen so bleibt.

Flächensuche: Immendingen als echter Glücksfall

Bis zu den ersten Testfahrten war es allerdings ein langer Weg, der vor ziemlich genau zehn Jahren mit der Suche nach einem geeigneten Standort begonnen hat. Insgesamt haben wir 120 potenzielle Standorte untersucht, von denen zwölf in die Endauswahl kamen. Immendingen war dann für uns ein echter Glücksfall. Denn hier waren wir vom ersten Moment an mit unserem Prüf- und Technologiezentrum willkommen und wurden mit offenen Armen begrüßt.

Alles im Blick – im Leitstand der Bertha-Fläche

In Immendingen hatten wir zudem auch den Vorteil, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Ein Jahr vor unserem ersten Besuch im Jahr 2011 war der französische Teil der deutsch-französischen Streitkräfte abgezogen, und auch die Bundeswehr wollte den Standort aufgeben. Die Gemeinde erkannte die großen wirtschaftlichen Chancen, die mit dem Prüfzentrum verbunden war, und griff zu.

Dann begann ein Spiel über Bande. Während die Gemeinde dem Verteidigungsministerium erklärte, dass man den Verlust des militärischen Stützpunkts ohne staatliche Zuschüsse meistern würde, begann Daimler im Finanzministerium mit den Kaufverhandlungen. Am Ende gab es dann nur Gewinner. Und dazu gehört auch die Umwelt…

Ein Platz für Bäume, Biber – und Autos

Vor dem ersten Spatenstich haben wir bereits mit Experten aus den verschiedenen Naturschutzverbänden zusammengearbeitet, sind mit ihnen über das Gelände gegangen und haben gefragt, was ihnen auf den Flächen besonders am Herzen liegt und schützenswert ist. In Immendingen waren es zum Beispiel geschützte wilde Orchideen. Damit der empfindliche Frauenschuh auch weiterhin gedeihen kann, wird sein Biotop nun entsprechend gepflegt.

Von Beginn ging es bei allen Baumaßnahmen darum, im Einklang mit der Natur zu handeln.

Auch der von Fachleuten berechnete Generalwildwegeplan wurde bei unseren Planungen berücksichtigt. Dieser hat zwar noch nicht Gesetzeskraft, doch wir wollten einfach auf Nummer sicher gehen. Dieser Plan prognostiziert das Wanderverhalten von Großwild, das bislang noch nicht in Deutschland heimisch ist, aber in Zukunft hier erwartet wird. Ein Fachmann hat uns beraten, was wir tun müssen, um diesen Plan nicht zu bedrohen. Das Ergebnis ist der Wildkorridor, der das Gelände durchquert und der von unseren geplanten Baumaßnahmen ausgeklammert wurde.

Grüne Flächen für grüne Technologien: Umweltschutz hat hohe Priorität

Weitere Maßnahmen für den Naturschutz? Der Erdaushub, der bei den Bauarbeiten anfiel, ist auf dem Gelände geblieben. Insgesamt wurden so rund 3,4 Millionen Kubikmeter Boden ab- und später wieder aufgetragen. Bei den notwendigen Rodungen haben wir auch die heimischen Fledermäuse und Käfer berücksichtigt und Ersatznistplätze angelegt. In einem neu angelegten Auwald wurde Platz für den Biber geschaffen, der dort jetzt ungestört seine Burgen bauen kann und so landwirtschaftliche Flächen in der Nachbarschaft mit seiner Bauwut verschont.

Und dank unserer Ausgleichmaßnahmen entsteht außerhalb des Geländes ein Mischwald, und auf dem Testgelände wird ebenso aufgeforstet. Statt der schnell wachsenden Fichten wachsen dort jetzt Buchen und Weißtannen. In drei Generationen werden dort prächtige Buchenwälder stehen.

Für mich als Fahrzeugentwickler war diese Zeit auch ein interessanter Lernprozess in Sachen Ökologie. Am Ende bin ich stolz darauf, dass wir mit dem Prüf- und Technologiezentrum Immendingen nicht nur ein technisches Ausrufezeichen gesetzt haben, sondern auch bewiesen haben, das Wirtschaft und Umwelt Hand in Hand gehen können.


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Reiner Imdahl begann seine Daimler-Laufbahn 1985 im Entwicklungscontrolling. Nach einer Station bei smart als Leiter des Gesamtfahrzeugversuchs, stand er seit 2006 der Daimler Prüfgeländestrategie vor. Seit dem 1. September dieses Jahres leitet er das Prüf- und Technologiezentrum in Immendingen.

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