Faszination Verschwörungstheorien: Geschichte und Wirkungen

Hinter den Terroranschlägen von 9/11 steckte nicht Osama Bin Laden – sondern die USA selbst. Die Bundesrepublik ist kein Land, sondern eine Firma und die Bevölkerung Europas wird im Zuge eines „Großen Austauschs“ gezielt islamisiert.

Die Welt wird von außerirdischen Reptilien regiert und Flugzeuge versprühen in der Troposphäre Chemikalien, sogenannte Chemtrails, um die Menschheit gefügig zu machen.

Viele Menschen versuchen, Ereignisse oder Entwicklungen auf Verschwörungen zurückzuführen. Doch was genau ist eigentlich eine Verschwörungstheorie – und was nicht? Weshalb glauben Menschen an solche Behauptungen und gibt es heute mehr davon als früher? Welche Rolle spielt das Internet? Und wie hängen Verschwörungstheorien und Populismus zusammen?

Am 19. Juni sprach Prof. Dr. Michael Butter im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dialog im Museum“, die gemeinsam von der Daimler und Benz Stiftung, dem Mercedes-Benz Museum und der Daimler AG ausgerichtet wird, über Geschichte, Wirkung sowie Gefahren von Verschwörungstheorien. Michael Butter ist Inhaber des Lehrstuhls für amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen.

Einen Audio-Video-Podcast zum Vortrag von Prof. Butter finden Sie hier:

Stiftung: Herr Prof. Butter, wenn wir heute in sozialen Netzwerken unterwegs sind oder uns Videos auf Online-Plattformen ansehen, so entsteht der Eindruck, dass Verschwörungstheorien groß im Kommen sind. Ist dem tatsächlich so?

Butter: Verschwörungstheorien sind in den letzten Jahren gerade durch den Einfluss des Internets und insbesondere der sozialen Medien wieder populärer geworden. Sie sind aber noch lange nicht wieder so populär und einflussreich, wie sie das zum Beispiel vor 100 oder vor 200 Jahren noch waren. Sie sind durch das Internet vor allem wieder sichtbarer geworden.

Aber dadurch, dass natürlich die Verschwörungstheorien so leicht verfügbar sind – eine Google-Suche entfernt nur –, werden sie gefunden von Leuten, die nach alternativen Erklärungen suchen und überzeugen manche dieser Leute. Insofern gibt es mittlerweile auch wieder mehr Verschwörungstheorien als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Sie gewinnen auch wieder an Einfluss, aber im Vergleich zu früheren Zeiten ist dieser immer noch relativ gering.

Wie entstehen Verschwörungstheorien eigentlich? Wer verbreitet sie und wer hängt ihnen am ehesten an?

Es ist ganz schwierig, diese Frage pauschal zu beantworten. Verschwörungstheorien, sind immer eine Reaktion auf real existierende Probleme und Sorgen. Sie nehmen diese Probleme und Sorgen aber eher symbolisch und verschoben auf. So sind zum Beispiel Verschwörungstheorien, die sich um die neue Weltordnung drehen, ganz offensichtlich Reaktionen auf Ängste, die mit dem Thema Globalisierung verbunden sind. Verschwörungstheorien werden von allen Teilen der Bevölkerung geglaubt: von Männern genauso wie von Frauen, von Alten genauso wie von Jungen, von Gebildeten genauso wie von weniger Gebildeten.

Es gibt allerdings gewisse Tendenzen, wer besonders empfänglich ist und insbesondere, wer Verschwörungstheorien besonders verbreitet. Unter denjenigen, die sie verbreiten, sind ganz offensichtlich mehr Männer als Frauen, meistens Männer im mittleren Alter etwa ab 40 Jahren aufwärts. Das stelle ich auch bei denjenigen fest, die mir schreiben und gegen die Dinge, die ich sage, protestieren. Diese Menschen fallen meistens in diese Kategorie. Und das sind letztendlich auch diejenigen, die besonders empfänglich für den Glauben an Verschwörungstheorien sind, denn Verschwörungstheorien haben sehr viel gemein mit den populistischen Bewegungen der Gegenwart.

Was zeichnet in ihren Augen eine Verschwörungstheorie aus? Welches sind die wichtigsten Charakteristika?

Grob gesagt kann man Verschwörungstheorien auf drei Charakteristika zurückführen: Sie nehmen nämlich an, dass erstens alles geplant wurde, also nichts durch Zufall geschieht; dass zweitens nichts so ist, wie es scheint, dass man also immer hinter die Kulissen blicken muss, um die wahren Verhältnisse zu erkennen; und drittens, dass alles miteinander verbunden ist, also Ereignisse, die andere nicht miteinander in Verbindung bringen würden, ganz eng miteinander verknüpft sind.

Können Sie uns einige der am weitest verbreiteten Verschwörungstheorien der letzten Jahre vorstellen und uns kurz erläutern, was diese gemeinsam haben?

Eine in Deutschland momentan sehr weit verbreitete Verschwörungstheorie ist diejenige des großen Austausches, der zufolge Europa und insbesondere Deutschland aufgrund eines Plans einer kleinen internationalen Finanzelite – manchmal ist das auch antisemitisch konnotiert – gezielt islamisiert werden soll. Eine Vertreterin dieser Theorie ist zum Beispiel die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Eva Hermann, die im Internet einen Aufsatz veröffentlicht hat, demzufolge das Schengener Abkommen, 9/11 und die Syrien-Krise genauso wie die Gender-Politik in Deutschland in den letzten dreißig Jahren alles Teilkomponenten dieses Planes sind.

Da sieht man ganz wunderbar, dass alles von langer Hand geplant wurde, dass alles miteinander verbunden ist und dass nichts so ist, wie es scheint. Eine weitere, in Deutschland sehr verbreitete Verschwörungstheorie ist die sogenannte Reichsbürger-Verschwörungstheorie, die davon ausgeht, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg niemals unabhängig geworden sondern eine Firma ist, die von den Alliierten betrieben wird, um irgendwelche dunklen Zwecke zu erreichen.

In einem Interview mit der „Wirtschaftswoche“ haben Sie darauf hingewiesen, dass die Verbreitung von Verschwörungstheorien mittlerweile ein Milliarden-Geschäft ist. Wie funktioniert das?

Für Verschwörungstheorien gibt es mittlerweile ein richtig großes Publikum. Dementsprechend gibt es Produzenten, die gezielt für dieses Publikum produzieren: Nicht weit von Stuttgart entfernt, in Rottenburg am Neckar, gibt es den Kopp-Verlag, der vor allem verschwörungstheoretische Bücher im Angebot hat und damit mittlerweile mehrere Millionen Euro im Jahr umsetzt. In der Württembergischen Landesbibliothek hier in Stuttgart sind die Bücher des Kopp-Verlages die am meisten nachgefragten und vorgemerkten.

Alex Jones in Amerika hat eine Radio-Show, die mittlerweile auch im Internet ausgestrahlt wird, weil er ein Millionen-Publikum erreicht. Er hat ein Millionen-Imperium aufgebaut um seine Verschwörungstheorien herum. Diese verbreitet er nicht nur, sondern er verkauft den Menschen auch die entsprechenden Gegenmittel. Schließlich gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Internet-Nutzern, die gezielt für youtube und andere Plattformen kurze Videos produzieren, in denen sie eine Reihe von Verschwörungstheorien und Gerüchte aufgreifen. Diese werden meistens ganz aktuell angeboten, um Clicks zu generieren und so über Werbeeinnahmen Geld zu verdienen.

Welches ist Ihre Lieblings-Verschwörungstheorie und weshalb?

Das ist immer noch die Mondlandungsverschwörungstheorie. Zum einen ist das die erste Verschwörungstheorie, mit der ich 1999 ganz bewusst in Berührung gekommen bin. Zu dieser Zeit studierte ich in England und das Studentenmagazin dort hatte zum dreißigjährigen Jubiläum der Mondlandung einen großen Artikel. Zum anderen ist diese Verschwörungstheorie auf den ersten Blick unglaublich überzeugend. Der Artikel damals war so aufgebaut, dass auf der ersten Seite all die Beweise aufgeführt wurden, warum die Mondlandung im Fernsehstudio inszeniert wurde.

Ich war hin und weg und dachte, warum hat mir das nie jemand erzählt, blätterte um und dann kamen all die Gegenbeweise, zum Beispiel die Fahne, die angeblich im Wind weht, was nicht sein kann auf dem Mond. Das stimmt natürlich nicht, das kam daher, weil diese knittert und gefaltet war – und all solche Dinge. Die Mondlandungsverschwörungstheorie ist eigentlich eine relativ harmlose Verschwörungstheorie, zumindest aus der historischen Distanz, die wir heute zu diesem Ereignis haben.

Gemeinsam mit Peter Knight von der Universität Manchester leiten Sie ein Forschungsprojekt zur vergleichenden Erforschung von Verschwörungstheorien, an dem mehr als 150 Wissenschaftler aus 39 Ländern beteiligt sind. Gibt es auf diesem Gebiet tatsächlich einen solchen Forschungsbedarf?

Es gibt diesen Forschungsbedarf und es gibt vor allen Dingen auch den Vernetzungsbedarf. Die Forschung zu Verschwörungstheorien ist quer durch die Disziplinen hinweg in den letzten zwanzig Jahren explodiert. Dieses Netzwerk versucht, die Erkenntnisse zu bündeln, die bisher gewonnen wurden und entsprechend dann auch neue Fragestellungen aufzuwerfen, denn quer über Disziplinen und Sprachgrenzen hinweg wird sehr selten miteinander gesprochen. So gab es in der Forschung zu Verschwörungstheorien zumindest bis vor kurzer Zeit ganz stark die Tendenz, dass das Rad immer wieder neu erfunden wurde.

Das Ziel dieses Netzwerkes ist es nun, das zu verhindern. Vielmehr sollen nun die Menschen zusammengebracht werden, um dann eine vergleichende und sogar holistische Perspektive auf das Phänomen werfen zu können, indem man eben nicht nur zu Serbien, Mazedonien, England oder zu Deutschland arbeitet. Forscher, die Spezialisten sind für all diese Regionen – zudem noch aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen – sollen zusammenkommen und entsprechend feststellen, was denn serbische Verschwörungstheorien auszeichnet, was die Besonderheit von englischen Verschwörungstheorien ist, usw.

Zum Abschluss, Herr Butter, eine ganz persönliche Frage: Die Daimler und Benz Stiftung hat Sie gebeten, im Rahmen der Reihe „Dialog im Museum“ vor Publikum über Verschwörungstheorien zu sprechen und wir führen gerade dieses Interview für das Daimler-Blog. Ganz ehrlich: Wer steckt wirklich hinter dieser Einladung, wer zieht eigentlich die Fäden im Hintergrund?

Da habe ich meine Vermutungen, aber darüber kann ich nicht sprechen. Das würden wir, glaube ich, beide nicht überleben.


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