High-Tech in Schwaben: Warum US-Studenten in Esslingen lernen

Studieren, das erste Mal auf eigenen Füßen stehen, das ist eigentlich schon herausfordernd genug. Wer würde sich das freiwillig noch schwerer machen? Wir. Zehn Studierende der University of Alabama, die sich der Herausforderung gestellt haben, einen Teil unseres Studiums im Ausland zu absolvieren und dort zu arbeiten.

Unser Auslandsjahr in Deutschland im Rahmen des “Two Steps Ahead”-Programms der University of Alabama (UA) war der Höhepunkt unseres Studiums der Ingenieurwissenschaften. Zwei Jahre lang hatten wir vorher Deutsch gebüffelt – an der Hochschule in Esslingen und während unseres Praktikums im Daimler-Werk Sindelfingen konnten wir zeigen, was davon hängen geblieben ist. Ein toller Auftakt für den Berufseinstieg in die Automobilindustrie!

 

Sprung ins Ungewisse

Schon vor dem Beginn unserer ersten offiziellen Lehrveranstaltungen an der University of Alabama, und sogar bevor wir die Geborgenheit unseres elterlichen Zuhauses verließen, schrieben wir uns am “Two Steps Ahead”-Programm ein. Und das war schon auf den ersten Blick herausfordernd: Erwerb sehr guter Deutschkenntnisse in nur zwei Jahren, gefolgt von einem Studium auf Deutsch und einem Praktikum bei der Daimler AG, einem der größten Automobilhersteller der Welt.

Ganz abgesehen davon, dass wir die ersten Teilnehmer des Programms waren und vor uns daher noch niemand diesen Plan erfolgreich in die Tat umgesetzt hatte. Aber das hielt uns nicht ab. Die University of Alabama wählte eine Handvoll talentierter, amerikanischer Studenten mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Studienfächern aus, die sich der Aufgabe stellen wollten – und wir waren mit dabei.

Die "Two Steps Ahead"-Gruppe mit den Dekanen des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften an der UA

Die „Two Steps Ahead“-Gruppe mit den Dekanen des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften an der UA

Unsere ersten zwei Jahre verbrachten wir größtenteils damit, ein intensives Deutschprogramm und ein strenges Arbeitspensum in unserem Ingenieurs-Studium unter einen Hut zu bringen. Und natürlich die üblichen Belastungen und Herausforderungen, mit denen alle Studienanfänger zu kämpfen haben, die zum ersten Mal auf eigenen Füßen stehen.

Das volle Programm also: Vom Entwurf eines 5-Gang-Automatikgetriebes bis hin zum Pauken deutscher Adjektivendungen und vom Umgang  mit neuen Mitbewohnern bis hin zum Bezahlen von eigenen Rechnungen.

Im August 2017 durften dann zehn Studierende den Flug nach Deutschland antreten.

Die Studierenden der UA bei einer Einführungsveranstaltung an der Hochschule Esslingen auf der Esslinger Burg

Die Studierenden der UA bei einer Einführungsveranstaltung an der Hochschule Esslingen auf der Esslinger Burg

Hochschule Esslingen

In der ersten Hälfte unseres Auslandsjahres in Deutschland studierten wir ein Semester an der Hochschule Esslingen in der mittelalterlichen Stadt Esslingen (am Neckar), die anmutig inmitten von Weinbergen liegt. Dort saßen wir Seite an Seite mit unseren deutschsprachigen Studienkollegen – in ausschließlich deutschen Vorlesungen. Im Unterschied zu vielen Professoren an unserer Heimatuniversität haben alle unsere Professoren an der Hochschule Branchenerfahrung; Einige hatten sogar die Lehrbücher, die wir im Studium verwendeten, mitverfasst.

Bei Daimler habe ich zusammen mit Fachleuten für elektrische Antriebe Wechselrichter-Prototypen entwickelt. Mein Professor für Elektromotoren an der Hochschule Esslingen ist übrigens langjähriges Mitglied dieses Teams. Ich war überglücklich über meinen Einsatz.

– Carter Boyle, Teilnehmer des Two Steps Ahead Programms

Das deutsche Lernkonzept verlangte von uns eine hohe Bereitschaft, unser Studium außerhalb der Vorlesungen selbst zu gestalten und selbst zu verantworten.  Anders als an der University of Alabama gibt es während des Semesters keine verpflichtenden  Hausarbeiten. Und die Note für einen Kurs hängt von einer einzigen Abschlussprüfung ab. Ein ziemlich hoher Druck für amerikanische Studenten, die nach meinen Erfahrungen häufig dazu neigen, Dinge auf die lange Bank zu schieben…

Neben unserem Studium nutzten viele von uns die vorlesungsfreie Zeit, um Europa besser kennenzulernen. Im Gegensatz zu den USA ist der öffentliche Personenverkehr in der EU äußerst schnell, kostengünstig und effizient, so dass es problemlos möglich ist, auf einer Reise mehrere Länder zu besuchen.

Es mag klischeehaft klingen, aber die sprachlichen und kulturellen Unterschiede der europäischen Länder, die in so unmittelbarer Nachbarschaft zueinander liegen, wie die Bundesstaaten in den USA, haben uns verblüfft. Wir haben jahrhundertealte Schlösser und Burgen besichtigt, waren zu Gast in historischen Häusern und haben die lokale Küche in großen Städten und auf dem Land gekostet.

Die Studierenden der UA bei Daimler genießen ihre tägliche Portion Eis

Die Studierenden der UA bei Daimler genießen ihre tägliche Portion Eis

Die Daimler-Erfahrung

In der zweiten (und sonnigeren) Hälfte unseres Jahres in Deutschland stand ein Praktikum bei Daimler im Werk Sindelfingen, unweit von Stuttgart, auf dem Programm. In Absprache mit den Abteilungen setzte uns die Personalabteilung entsprechend unseren individuellen Fähigkeiten und Interessen ein. Jeder von uns durfte in seiner jeweiligen Sparte mit hochmodernen Prototyptechnologien arbeiten.

J.P. Smith (links) und Max Schrader (rechts) genießen die deutsche Tradition des "Kaffeetrinkens"

J.P. Smith (links) und Max Schrader (rechts) genießen die deutsche Tradition des „Kaffeetrinkens“

Einige hatten sogar die Möglichkeit , einen “Blick in die Zukunft” von Mercedes-Benz Cars zu werfen, mit besonderem Zugang zur Anlauffabrik, Teil des Entwicklungsbereichs, in dem Daimler die neuesten Produkte und Prototypen lange vor Serienfertigung aufbaut.

Wir erhielten außerdem Einblick in die konzernweite Initiative „Leadership 2020“, die den Kulturwandel bei Daimler vorantreibt, und lauschten während eines „Kamingesprächs“ den Erfahrungen von Fachkräften aus dem Bereich Forschung und Entwicklung.

Der Personalbereich von Daimler hat aber noch viel mehr informative Veranstaltungen für uns organisiert. Beispielsweise hatten Einige von uns auch Gelegenheit, an der Seite der Unternehmensleitung zu arbeiten. Und nicht zuletzt knüpften wir Kontakte mit Entwicklern für zukünftige Projekte, die in den kommenden Jahren im Mercedes-Benz Werk in Tuscaloosa umgesetzt werden.

[Das Programm] ähnelt der Besteigung des Mount Everest: Wenn sie zuhause warm eingekuschelt auf Ihrem Sofa liegen, scheint es leicht zu sein, aber wenn sie den Aufstieg beginnen und die Kälte und die Anstrengung Ihnen zusetzen, kehren die meisten Menschen um.

– Dr. Bharat Balasubramanian, ehemaliger Daimler Vice President Konzernforschung und Vorentwicklung bei Daimler, und derzeitiger Programmleiter „Two Steps Ahead“.

Mein Fazit: Das „Two Steps Ahead“- Programm war sicherlich eine Herausforderung – das ingenieurswissenschaftliche Studium an sich in Kombination mit der deutschen Sprache haben uns einiges abverlangt. Dazu kam die Integration in eine fremde Kultur, weit weg von Freunden und Familie. Da muss jeder erst mal seine Komfortzone verlassen.

Am Ende hat sich all die Mühe aber definitiv gelohnt: Die Teilnahme am „Two Steps Ahead“-Programm hat uns Erfahrungen und Einblicke ermöglicht, die für uns als Studierende, Ingenieure und vor allem als Menschen wertvoll und prägend waren.

Wir erfuhren aus erster Hand, wie Sprache und Kultur das Studium oder die Art und Weise, Probleme zu lösen, beeinflussen. Wie Produkte und neue Technologien in einem internationalen Unternehmen entwickelt werden. Und wie man den Umgang mit Freunden und Nachbarn anderer Kulturen pflegt.

Vor dem Kundencenter Sindelfingen

Vor dem Kundencenter Sindelfingen

“Two Steps Ahead”-Programminformation

Der ehemalige Vice President Konzernforschung und Vorentwicklung bei Daimler, Prof. Dr.-Ing. Bharat Balasubramanian, Executive Director am Center for Advanced Vehicle Technology an der University of Alabama, leitet derzeit das “Two Steps Ahead”-Programm. Dieses Programm wurde entwickelt, um die Verbindungen von Ausbildung und Industrie durch Lehrveranstaltungen weiter zu stärken. Weitere Informationen finden Sie unter: http://students.eng.ua.edu/programs/two-steps-ahead


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John Paul (JP) Smith ist ein 21-jähriger Student an der University of Alabama (UA) und ein Botschafter für das internationale Studienaustauschprogramm "Two Steps Ahead". Zusammen mit 9 anderen Studierenden verbrachte er das vergangene Jahr in Deutschland, wo er an der Hochschule Esslingen studierte, ein Praktikum bei der Daimler AG absolvierte und sich den Herausforderungen eines multikulturellen Lebensstils in einem deutschsprachigen Umfeld stellte.

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