Mega Events in Mega Städten: Wo Mobilität ihren Meister findet

572.961. So viele ausländische Besucher reisten nach offiziellen Angaben im August 2016 nach Brasilien, um die Olympischen Spiele live zu erleben. Nicht mitgerechnet sind die Athleten und ihr jeweiliger Betreuerstab sowie die Millionen von Einheimischen, die die Wettkämpfe in und um die Zehn-Millionen-Metropole Rio ebenfalls verfolgten.

Um sich in der Stadt fortzubewegen, kämpften sich die Besucher nicht nur durch die verstopften Straßen, sondern konnten auch das recht neue U-Bahn-Netz der Stadt nutzen, das rechtzeitig zu den Spielen fertig wurde. Es befördert jährlich eine bescheidene Anzahl von 240 Millionen Fahrgästen (für Statistikfans: Das entspricht nicht einmal annähernd der Hälfte des Fahrgastaufkommens der Berliner U-Bahn).

Wenn man sich intensiv mit einem so komplexen Thema wie „Future, Life, Mobility“ auseinandersetzt, so wie ich bei Daimler, dann können große Sportveranstaltungen wie die Olympischen Spiele oder die Fußball-WM einen wichtigen Zweck erfüllen.

Sie sind wie ein Live-Stresstest für die Verkehrsinfrastruktur einer Metropole.

Die fünf schlimmsten Staus der Geschichte, Länge in Meilen

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Man nehme Millionen von Alltagspendlern, füge zahlreiche Fans und Sportler hinzu, streue noch ein paar unvorhergesehene Ereignisse wie Unwetter oder Stromausfälle ein und beobachte dann, was auf den Straßen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln passiert. Zuerst läuft alles glatt, bis auf einmal nichts mehr geht. Dann beginnt das große Kopfzerbrechen über Planungsfehler und gegenseitige Schuldzuweisungen sorgen für Schlagzeilen.

Häufig zeigt sich kein schönes Bild. Und dabei mangelt es nicht an Bemühungen, die Mobilität in Metropolregionen reibungsloser zu gestalten. Zahlreiche Politiker, Stadtplaner, Ingenieure und Wissenschaftler tüfteln seit Jahrzehnten an Lösungen. Wie können wir die Menschenmassen schneller, sicherer und komfortabler von A nach B befördern?

Simulationen werden durchgeführt, Park-and-Ride-Systeme eingeführt, Shuttlebusse betrieben und spezielle Fahrspuren eingerichtet. Der Bürgermeister von Rio rief 2016 sogar vier zusätzliche Feiertage aus, um den drohenden Staus entgegenzuwirken.

Sofortige Bedürfnisbefriedigung als Vision oder Fluch

Die drei größten Megastädte der Welt

Ob Rio, London oder die Metropolregion Rhein-Ruhr, die die Olympischen Sommerspiele 2032 nach Deutschland holen will: Es wird immer voller, während gleichzeitig unsere Mobilitätsansprüche steigen. On-Demand-Optionen und die Leichtigkeit, mit der digitale Bits in unsere Geräte fließen, haben hohe Erwartungen geweckt. Sofortige Bedürfnisbefriedigung lautet die Vision – oder der Fluch – der Mobilitätsplaner.

Indessen lässt der Stress nach dem Stresstest nicht nach. Großstädte sind starke Triebfedern für Kreativität und wirtschaftliche Innovation, lange nachdem ein Mega-Event vorbei ist.

Es gibt also viele gute Gründe, warum Stadt- und Zukunftsforscher wie ich sich Metropolregionen sowohl vor, während, als auch nach einer Großveranstaltung ansehen sollten.

Die Olympischen Spiele in der Stadt zu haben, ist aufschlussreicher als jedes Computermodell und kann uns einiges über die täglichen Abläufe lehren.

Es ist kein Zufall, dass Daimler stolzer Sponsor und aktiver Teilnehmer des Kongresses METROPOLITAN CITIES  am 19. und 20. Juli in Aachen ist. Der Kongress unter dem Titel „Designing Ecosystems for Innovation“ dient als Plattform für Vordenker aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

An zwei Tagen beschäftigen sich die Teilnehmer mit der Frage, wie sich die Metropolregion Rhein-Ruhr, eine der großen Megaregionen der Welt, auf die Bewerbung um die Austragung der Olympischen Spiele 2032 vorbereiten kann. Zu diesem Zweck wurde in Nordrhein-Westfalen die Initiative „Rhein Ruhr City 2032“ gegründet.

Wir bei Daimler unterstützen diese Bewerbung voll und ganz. Wir sind überzeugt, dass die olympische Idee den Dialog zwischen den Kulturen fördert und eine großartige Bühne für Spitzensportler darstellt.

Das Erreichen von Spitzenleistungen ist auch unser Credo, wenn es um die Entwicklung von Mobilitätslösungen geht. Für mich als Zukunftsforscherin gibt es nichts Spannenderes und Reizvolleres, als darüber nachzudenken, wie wir Zukunftsszenarien für eine florierende Region wie die Metropolregion Rhein-Ruhr entwerfen können.

Es handelt sich um eine große Region, die Städte wie Köln, Düsseldorf, Dortmund und Wuppertal sowie viele mittelgroße Städte umfasst. Für die Bewohner und künftigen Besucher müssen wir Mobilitätsideen entwickeln, die ökonomisch und ökologisch sinnvoll sind. Auch für Unternehmen wie Daimler mit Produktionsstätten und Niederlassungen in der Region ist es wichtig, dieses Thema voranzutreiben.

Jenseits von Rhein und Ruhr

Was wir für die Rhein-Ruhr-Region erarbeiten, kann auch anderen großen Metropolregionen wie Los Angeles als Modell dienen. Klingt komisch? Ich weiß, Südkalifornien ist mehr als 9.000 Kilometer entfernt. Aber mit fast zehn Millionen Einwohnern, dem dichten Netz aus Städten und den berüchtigten Staus unterscheidet sich LA gar nicht so sehr vom deutschen „Ruhrpott“.

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Wir alle stehen vor den gleichen mobilitätsbedingten Herausforderungen. Die Urbanisierung schreitet voran. Immer mehr Autos – knapp 1,5 Milliarden und bis 2035  sogar 2 Milliarden – werden die Straßen verstopfen, und deren Anzahl ist begrenzt. Die wachsende Weltbevölkerung trägt nicht zur Entspannung der Situation bei, zumal der Wohlstand steigt und sich immer mehr Verbraucher ein Auto leisten können.

Man könnte argumentieren, dass alle Großstädte schon bald täglich eine Verkehrshölle wie bei den Olympischen Spielen erleben werden.

Was bedeutet das aus Sicht eines Mobilitätsforschers? Wir müssen jetzt anfangen, umzudenken und zu planen! Ich sehe es als meine Aufgabe an, meine Kollegen bei Daimler und anderswo für eine aktive Zukunftsgestaltung zu begeistern. Ich sehe ein paar große Trends, an denen wir uns orientieren können.

Die Bürger erobern zu Recht ihre Städte zurück

Die Städte von morgen werden nicht mehr durch die Anforderungen des Straßenverkehrs, sondern durch die Anforderungen der Menschen geprägt sein. Die Bürger erobern zu Recht ihre Städte zurück. Das bedeutet nicht, dass wir die Autos aus den Städten verbannen. Sondern dass wir lernen, den verfügbaren Platz zu teilen und an gemeinsamen oder gebündelten unter- und oberirdischen Alternativen zu arbeiten.

Es gibt viele Wege, von A nach B zu kommen, und wir müssen so viele wie möglich davon erkunden und ausprobieren.

Die viel gehypte Smart City kann nur funktionieren, wenn alle Beteiligten miteinander kommunizieren und ihre Kräfte bündeln.

Dazu müssen wir einen permanenten Mobilitätsdialog etablieren. Das ist meine Hoffnung im Hinblick auf den METROPOLITAN CITIES Kongress in Aachen. Die Metropolregion Rhein-Ruhr hat glücklicherweise 14 Jahre lang Zeit, sich auf die Olympischen Spiele vorbereiten. Und die Organisatoren der Veranstaltung waren schlau genug, diesen Kongress zu einem jährlichen Ereignis zu machen. Es ist der beste Weg, Zeichen der Veränderung zu erkennen, die Debatte mit frischen Ideen zu bereichern und nachhaltige Mobilitätskonzepte zu entwickeln, die allen Beteiligten ein gutes Gefühl vermitteln.

Glauben Sie mir, über den Wandel nachzudenken und ihn mit vereinten Kräften zu gestalten, ist fast schon selbst eine olympische Disziplin!


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Marianne Reeb ist Zukunftsforscherin und leitet das Team „Future, Life, Mobility“, das sich mit sozialen und technischen Veränderungen in zukünftigen urbanen Räumen beschäftigt und die Erkenntnisse in strategische Projekte des Daimler Konzerns einbringt. Im Mittelpunkt stehen dabei weniger Fragen der technischen Machbarkeit als die Bedürfnisse von Städtern und Städten. Zu den Schwerpunkten der Teams gehören auch die Themen Interaktion mit Intelligenten Maschinen und Künstlicher Intelligenz.

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