Elektrischer Omnibus: Start frei für den Mercedes-Benz eCitaro

In die riesige Halle 45 in Mainz rollt leise summend der neue Mercedes-Benz eCitaro zu seinem ersten öffentlichen Auftritt. Das Projektteam hat die rustikale Industrie-Architektur der Halle in eine beeindruckende Kulisse für die Veranstaltung verwandelt. Fast 200 Journalisten aus 15 Ländern verfolgen das Ereignis. Der Startschuss für die Weltpremiere des elektrischen Mercedes-Benz Stadtbusses ist gefallen.

Seit drei Jahren befasse ich mich mit der Elektromobilität bei Omnibussen und hatte als angehender Wirtschaftsingenieur meine Abschlussarbeit dazu geschrieben. Die Wahl des Themas war kein Zufall: Bei meiner letzten Station bei Daimler Buses im Rahmen des dualen Studiums hatte ich mit dem Projekt EDB zu tun. EDB steht für Electric Drive Bus, den vollelektrisch angetriebenen Stadtbus Mercedes-Benz eCitaro, der heute, am 10. Juli seine Weltpremiere in Mainz feiert.

Faszination Omnibus von Anfang an

Omnibusse haben mich bereits früh fasziniert. Schon während der Schulzeit hatte ich mein Taschengeld durch Arbeit in einer Buswerkstatt in meinem Heimatort ansässigen Verkehrsbetriebes aufgebessert. Seit 2015 bin ich nun als Mitarbeiter in der Abteilung Produktplanung und Produktmanagement für alternative Antriebe verantwortlich und begleite intensiv das Projekt EDB.

Der Auftritt ist beeindruckend und ein echtes Gänsehaut-Erlebnis, wenn das Ergebnis von jahrelanger Arbeit des gesamten EDB-Projektteams öffentlich wird. Martin Daum (Head of Daimler Trucks & Buses) und Till Oberwörder (Head of Daimler Buses) präsentieren heute auch die Neuheiten, die auf der IAA Nutzfahrzeuge Ende September vorgestellt werden.

Unser Entwicklungschef, Gustav Tuschen, präsentiert danach die Highlights des neuen eCitaro. Die Redner erhalten Unterstützung durch eine riesige, 17 Meter breite Projektionswand, fast so lang wie ein Gelenkbus. Für die Gäste ein beeindruckender Anblick, denn so werden viele Details des neuen eCitaro sichtbar.

Der Anspruch: Das Beste oder nichts

Der Weg bis dahin war anspruchsvoll: Zwar ist der Citaro die klare Nummer eins unter den Stadtbussen, aber einige Wettbewerber waren mit ersten elektrisch angetriebenen Fahrzeugen schneller am Markt. Gesellschaft und Politik fordern Elektrobusse zurzeit vehement. Die E-Busse leiden aber noch sehr unter Startschwierigkeiten.

Offensichtlich hat die Teamleistung Erfolg: Schon vor der Weltpremiere in Mainz lag aus Hamburg der bisher größte Einzelauftrag für Elektrobusse aus Deutschland vor. Die Hamburger Hochbahn AG hat 20 eCitaro bestellt. Die Anzeichen verdichten sich:

Wir sind nicht die Schnellsten, aber unsere Kunden vertrauen darauf, dass wir die Besten sind – ich bin absolut überzeugt, dass wir das auch im realen Kundeneinsatz unter Beweis stellen werden.

Mit unserem Team Produktplanung und Produktmanagement sind wir an der Nahtstelle zwischen Entwicklung und Vertrieb angesiedelt. Wir müssen die Forderungen der Busunternehmen und die technischen Möglichkeiten in Einklang bringen. Die große Herausforderung dabei: Es gab kein Vorgängermodell, auf das die Entwicklung aufbauen konnte.

Zudem bewegen wir uns in einem sehr dynamischen Umfeld mit sich stetig ändernden Marktanforderungen, neuen technologischen Rahmenbedingungen und neuen Wettbewerbern – intern nennen wir diese „Bus-Teslas“ – auf die es gegebenenfalls zu reagieren gilt.

Wer besser sein will, muss die Forderungen und Wünsche der Kunden sehr genau kennen und analysieren. Wir haben Gespräche mit Verkehrsbetrieben in ganz Europa geführt – von Skandinavien mit seinen eisigen Wintern bis hin zu Metropolen wie Barcelona mit seinen extrem heißen Sommern. Wir haben E-Mobilität durch die Kundenbrille betrachtet und die Vorstellungen der Verkehrsbetriebe und die technischen Möglichkeiten in Einklang gebracht.

Kunden wünschen neben Zuverlässigkeit eine möglichst große und vor allem verlässlich kalkulierbare Reichweite über das gesamte Jahr hinweg. Bei einem E-Stadtbus kann sich durch die Klimatisierung der Energieverbrauch bei großer Hitze und vor allem bei Kälte verdoppeln und verdreifachen. Daher ist die Auslegung eines E-Busses anhand dieser Rahmenbedingungen der Schlüssel zum Erfolg.

Mercedes-Benz eCitaro: Praxisgerechte Reichweiten

Denn nicht nur Fahrer und Fahrgäste sollen sich wohlfühlen, sondern auch die Batterien gilt es für eine maximale Leistungsfähigkeit auf Wohlfühltemperatur zu halten. Hohe Reichweiten unter klimatisch anspruchsvollen Bedingungen bedeuten aber zunächst hohe Batteriekapazität. Batterien sind die mit Abstand teuerste Komponente am Bus. Sie sind außerdem schwer, das schränkt die Nutzlast und damit die Fahrgastkapazität ein. Diese Zielkonflikte mussten wir lösen.

Das Ergebnis ist der eCitaro: Wir erzielen mit ihm von Beginn an praxisgerechte Reichweiten. Aber nicht mit riesigen Batteriepaketen, sondern mit einem optimierten Energieverbrauch. Trick unserer Entwickler ist das Thermomanagement, also die Klimatisierung des eCitaro.

Jeder kann sich vorstellen, dass es enorm viel Energie kostet, den verglasten Fahrgastraum eines zwölf Meter langen Stadtbusses zu klimatisieren. Vor allem dann, wenn im Schnitt alle 400 Meter an den Haltestellen zwei oder drei scheunentorbreite Türen aufgehen. Das kostet Batteriekapazität.

Also haben die Kollegen Reichweite optimiert, indem sie den Energieverbrauch mit einem neuen Thermomanagement drastisch gesenkt haben. Zwei Beispiele: Geheizt wird mit einer Wärmepumpe wie bei Energiesparhäusern, gekühlt mit einer sehr effizienten CO2-Klimaanlage.

In 2016 habe ich erstmals einen Prototyp des eCitaro gesehen. Spannend war danach die Erprobung, denn der eCitaro muss trotz neuer Technik natürlich so zuverlässig laufen wie der Citaro mit konventionellem Antrieb. Also haben ihn die Versuchskollegen bei Minustemperaturen am Polarkreis und bei Hitze in der Sierra Nevada getestet.

An einem Test auf dem Versuchsgelände in Wörth habe ich teilgenommen. Dort wurde die Beschleunigung definiert. Ein wichtiger Punkt, denn wegen des hohen Drehmoments der Elektromotoren vom Stand weg, kann der Stadtbus gefühlt wie ein Mercedes AMG beschleunigen. Das aber hat im Stadtverkehr mit Stehplatz-Passagieren an Bord keinen Sinn.

Jetzt fährt der eCitaro zügig, aber gesittet aus der Haltestelle. Geprüft hat das der Versuch bei einem weiteren Test auf der Rennstrecke Hockenheimring: Dort traten für Tests ein eCitaro und ein Diesel-Citaro gegeneinander an. Bei dieser Gelegenheit konnte ich den eCitaro erstmals selbst fahren – ein faszinierendes Erlebnis.

Futuristisches Design

Bis zur offiziellen Weltpremiere sollte geheim bleiben, wie der eCitaro aussieht. Schließlich orientiert sich das Design des eCitaro an den Ideen des spektakulären, autonom fahrenden Mercedes-Benz Future Bus, den wir 2016 vorgestellt haben.

Das Design hat viele Ideen davon aufgegriffen und weiterentwickelt. Ich finde, der eCitaro sieht sehr edel aus. Besonders der angedeutete Grill mit dreidimensionalen Zierstäben –je nach Lichteinfall changieren sie in wechselnden Farben – ist ein außergewöhnliches Stilelement.

Ob Design, Entwicklung oder alle anderen Abteilungen: Es war zu jederzeit beeindruckend, wie sich die ganze Mannschaft von Daimler Buses für den eCitaro eingesetzt hat. Alle Kolleginnen und Kollegen waren sich bewusst, dass es sich hier um einen ganz besonderen Omnibus handelt. Alle haben an einem Strang gezogen und sich gegenseitig unterstützt. Deshalb ist der eCitaro auch eine echte Teamleistung.

Am Tag nach der Weltpremiere erhalten unsere Kunden in Mainz die Möglichkeit den neuen eCitaro in Augenschein nehmen zu können. Kaufinteresse und gute Umsatzzahlen sollen die logische Konsequenz und auch die Belohnung unserer jahrelangen Arbeit sein.

Gleichzeitig geht der Countdown weiter: Varianten wie der eCitaro als Gelenkbus sind bereits in Arbeit. Der schnelle Fortschritt in der Batterietechnik führt dazu, dass schon jetzt ganz offiziell Weiterentwicklungen mit noch besserer Performance auf dem Programm stehen.

Krönung wird der eCitaro mit Brennstoffzelle als Range Extender sein. Die Weltpremiere in Mainz – erst der Anfang der faszinierenden Entwicklung der Elektromobilität in Städten.


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
4.6 / 5 (66 Bewertungen)
Bitte warten...

Tags: , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Daniel Bäuerle ist seit 3 Jahren als Mitarbeiter in der Abteilung Produktplanung und -management für alternative Antriebe bei Daimler Buses und das Projekt EDB - Electric Drive Bus - verantwortlich. Das coolste an seinem Job ist die Aufgabenvielfalt und seine Gestaltungsmöglichkeiten sowie das super Arbeitsumfeld in seiner Abteilung und im Projektteam. Privat spielt er im Verein Handball und geht gerne Skifahren.

Lesen Sie mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. Elektrischer Omnibus: Start frei für den Mercedes-Benz eCitaro

    Klaus van Wahnen: Die Innenstädte mit Oberleitungen für Trollybusse kann ich mir nicht so recht...

  2. 20 Jahre smart: 20 years of thinking forward

    Thomas P.: der smart hat mich von Anfang an begeistert und somit hat es...

  3. 20 Jahre smart: 20 years of thinking forward

    Jingjing Wang: Wow, sehr beeindruckend. smart ist smart!

  4. Bis der TÜV uns scheidet – 1.000.000 Kilometer mit meinem E220 CDI

    Günter Moll: Langlebigkeit ist die beste Art von Ressourcen-Schonung und Umweltschutz. Leider sehen das...

  5. Bis der TÜV uns scheidet – 1.000.000 Kilometer mit meinem E220 CDI

    Hans-Beat Weiss: Hallo H. Weber weiterhin viel Freude mit ihrem Fahrzeug, leider ist...