Nicht nur eine Nummer… Teil einer großen Familie!

Eine plötzliche Behinderung ist keine Geschichte, die als heitere Anekdote oder nette Story zwischendurch taugt. Warum ich sie euch trotzdem gern erzähle? Weil sie zeigt, dass man auch in einem Weltkonzern wie Daimler so etwas wie eine zweite Familie finden kann. Denn was meine Kollegen nach meinem schweren Unfall geleistet haben, ist gigantisch.

Im August 1993 trat ich meine Ausbildung zum Industrieelektroniker in der Lehrwerkstatt in Untertürkheim an. Noch vor der Einstellungsfeier lief mir an der Bushaltestelle in Bad Cannstatt ein gewisser „Marten“ über den Weg. Er soll in diesem Bericht noch eine besondere Rolle spielen. Unsere Ausbildung lief jeweils nicht ganz schlecht und so konnten wir nach verkürzter Ausbildungszeit bereits im Juli 1996 gemeinsam in die Instandhaltung der damaligen Graugießerei wechseln, um unseren erlernten Beruf auszuüben.

Eine Welt brach für mich zusammen

Mein persönliches Armageddon erlebte ich im Spätsommer 2016: Seit einem Badeunfall, bei dem ich mir buchstäblich den Hals gebrochen habe, bin ich von den Schultern abwärts gelähmt. Als ich Anfang Oktober nach zwei bis drei Wochen auf der Intensivstation so einigermaßen zu mir kam, brach die Welt für mich zusammen. Außer Schultern und Kopf konnte ich nichts bewegen und spüren konnte ich unterhalb der Schultern schon gleich gar nichts mehr.

Was schießt einem da nicht alles durch den Kopf: Du bist zu nichts mehr zu gebrauchen! Du bist nur noch eine Last! Was soll aus unserer sechsköpfigen Familie werden? Und dann auch noch die nüchterne Prognose eines Stationsarztes an meine Frau:

Suchen Sie für Ihren Mann einen Platz im Pflegeheim – vier Kinder und so einen Pflegefall… Das können Sie nicht schaffen!

Also wollte ich anfangs außer meiner Familie und einem sehr guten Freund und Heilpraktiker niemanden sehen. Zu sehr beschäftigten mich meine Gedanken. Damals konnte ich ja auch noch nicht ahnen, was sich bereits in der Firma tat. Meine direkten Kollegen ergriffen die Initiative und machten sich Gedanken, wie sie uns helfen könnten.

Deshalb meinte meine Frau, ich solle doch zumindest mal Marten und Janni „einladen“, denn sie hätten einiges zu berichten. Zwischen uns drei besteht ein besonderes Band. Wir sind seit über zwei Jahrzehnten Kollegen, im Frühjahr 1977 innerhalb von sechs Wochen geboren und haben in Summe zehn Kinder, was die beiden vermutlich besonders mitfühlen ließ.

Marten Wahl und ich – seit einem Vierteljahrhundert sind wir Freunde und Kollegen bei der Daimler AG.

Gesagt, getan. Es waren natürlich sehr rührende Momente, als die beiden Anfang November 2016 zu mir kamen, und keiner von uns konnte sich so ganz die Tränen verkneifen. Aber nicht nur ihr Besuch tat gut. Ich glaube, dass ihre Nachrichten von der großen Anteilnahme und Hilfsbereitschaft meiner Kollegen mir wirklich geholfen haben, mich zu erholen.

Erste Bewegungen und Gefühlsregungen

Nach zweieinhalb Monaten „überlegte“ sich mein Rückenmark nun doch heilen zu wollen und so stellten sich Anfang Dezember 2016 erste Bewegungen und Gefühlsregungen ein. Oder war es etwa nur ein Zufall, dass dieser Prozess praktisch zeitgleich mit der von meinen Kollegen ins Leben gerufenen Homepage http://www.help-much.de/ startete?

Buttons zur Initiative „Help Much”

Danach bekam ich unglaublich viel Unterstützung. Einige Freunde und Kollegen schlossen sich zusammen und besorgten mir einen Laptop mit Sprachsteuerung, der mir die Tür zur Außenwelt wieder öffnete. So konnte ich zumindest schriftlich Kontakte pflegen, denn ans selbstständige telefonieren war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu denken.

Überwältigend war die Resonanz auf die Initiative „Help Much“: Eingebettet in die Homepage war es mir möglich, die inzwischen eingetroffenen Grüße, Genesungskarten und Fotos zu betrachten. Außerdem kamen viele einfallsreiche und Mut machende Geschenke bei mir an, aber auch Zuwendungen auf das eigens eingerichtete Konto.

Ein weiteres Highlight war die Weihnachtsfeier im Kreise meiner Kollegen. Fast alle kamen zum Weihnachtsessen zu mir in die Klinik. Trotzdem folgte anschließend eine finstere Zeit für mich. Obwohl ich weiter viel Besuch bekam, war es für mich mit die bitterste Erfahrung, Weihnachten und den Jahreswechsel nicht im Kreise meiner Familie verbringen zu können.

Weihnachtsessen 2016 in der Klinik im Kreise meiner Kollegen

Immerhin konnte der Start ins Jahr 2017 so nur besser werden. Anfang Januar wurde ich zur Anschlussheilbehandlung nach Bad Wildbad verlegt, was, trotz größerer Distanz, den Besucherströmen keinen Abbruch tat. Meine Kollegen hatten sich ebenfalls auf die Fahnen geschrieben, mindestens einmal pro Woche eine Delegation zu mir zu schicken.

Motivationsschub dank Arbeitsgruppe

Inzwischen hatte sich eine Arbeitsgruppe zu meiner Integration ins Arbeitsleben gebildet. Von der erfuhr ich passend zu meinem 40. Geburtstag im Februar über einen Videoanruf von meinem Abteilungsleiter Daniel Ulrich und meinem Teamleiter Hans-Peter Püttmer. Das war natürlich eine sehr große Erleichterung und gab mir einen weiteren Motivationsschub!

Werksweit stehen die Kollegen hinter mir

Im Mai 2017 endete schließlich die Odyssee durch die Kliniken und ich kehrte heim. Hoch motiviert ziehe ich seither mein tägliches Trainingsprogramm durch und empfange weiterhin zahlreiche Besucher – auch aus anderen Abteilungen unserer Firma. Natürlich änderte sich auch im Familienleben und im Tagesablauf einiges. Aber nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wurden wir zu einem eingespielten Team und so zogen dann die Monate ins Land.

Wiedereinstieg ins Arbeitsleben

Gegen Ende des Jahres 2017 konnte ich meinen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben konkreter planen und nahm Anfang Dezember erstmals an einer Sitzung zu meiner Integration per Videokonferenz teil. Seitdem gab es noch vier weitere und die nächste ist in Planung. So ist der Kontakt zu meinen Vorgesetzten, Werksarzt, Personalabteilung, Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung in vertrauter Runde gegeben und „man sieht sich“ auch ab und zu.

An Weihnachten, das ich glücklicherweise in trauter Umgebung mit meiner Familie verbringen konnte, gab es von der Firma auch noch ein großes „Geschenk“: Mein Heimarbeitsplatz wurde eingerichtet! Es war zwar noch nicht ganz an der Zeit, um wieder ins Arbeitsleben zurückzukehren, aber ein weiterer Meilenstein war gesetzt. Das Jahr 2018 begann gleich mit einem herzlichen Wiedersehen meiner Kollegen – unser Jahresessen fand in einer Pizzeria in meiner Gegend statt, so dass ich ohne großen Aufwand daran teilnehmen konnte. Es war sehr schön, alle wieder einmal auf einem Haufen sehen zu dürfen!

Nach meiner Reha in Heidelberg im Februar 2018 ging es dann vollends Schlag auf Schlag: Eine Woche danach war der Startschuss zur Wiedereingliederung. In sehr guter Zusammenarbeit mit der Berufstherapie in der Reha-Klinik, der Rentenversicherung und Daimler konnten wir ein auf mich maßgeschneidertes Konzept erarbeiten, um mich mit zwei Stunden täglich einsteigen zu lassen. In den Folgemonaten wurde die Arbeitszeit einmal im Monat um eine weitere Stunde erhöht.

Familienbetrieb mit Heimarbeitsplatz

Momentan bin ich bei fünf Stunden täglich, die ich von meinem Heimarbeitsplatz aus ableisten kann. Mein Arbeitsumfang ist vielfältig und ich kann meine Kollegen bei der vorbeugenden Instandhaltung unterstützen. Ich kümmere mich um Ersatzteile, Wartungsaufträge, Arbeitsvorbereitung und viele Dinge mehr. Und ständig fallen uns neue Themen ein, die ich übernehmen kann.

In der heutigen Zeit ist es einfach, den Kontakt untereinander zu halten: Ich stehe mit meinen Kollegen per E-Mail, Videokonferenz und telefonisch in Verbindung – natürlich neben der andauernden Besuche. Aktuell laufen die ersten Überlegungen, wie ich wieder in den Betrieb zurückkehren könnte. Es bleibt also weiterhin spannend!

Ich habe schon immer gern „beim Daimler“ gearbeitet und bin stolz darauf, ein Teil dieser großen Familie zu sein – inzwischen im 25. Jahr. Und dieses Jahr steht noch ein gemeinsames Jubiläum an: Marten Wahl und ich arbeiten, wie bereits anfangs erwähnt, seit Beginn unserer Ausbildung im Jahre 1993 ununterbrochen zusammen und er ist einer derjenigen, die den Stein ins Rollen gebracht haben.

Als ich mich 1992 beworben hatte, ahnte ich noch nicht, dass ich einen Bund fürs Leben in einem „Familienbetrieb“ eingehe! Ohne diesen riesengroßen Rückhalt und einer Sorge weniger könnte ich mich nicht in diesem Umfang auf meine Genesung konzentrieren und daran haben meine Freunde und Kollegen und die Daimler AG einen sehr großen Anteil! Vielen herzlichen Dank an alle Beteiligten!

Am Heimarbeitsplatz


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Von 1993-1996 Ausbildung zum Industrieelektroniker bei Daimler. Seit 1996 im erlernten Beruf in der Instandhaltung Stahlgießerei (ehemals Graugießerei)/Gießwerkzeugbau im Werkteil Mettingen. Seit Frühjahr 2018 unfallbedingt von zu Hause arbeitend, jedoch weiterhin in derselben Abteilung. Egal in welcher verzwickten Situation man steckt: Aufgeben gibt es nicht!

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