Gestatten? Mein Alter! – Der „Ponton-Mercedes“ Typ 180

Beinahe jeder, der Autos liebt, kann sich auch der Faszination Old- und Youngtimer nicht entziehen. Und einige der coolsten Exemplare befinden sich im Besitz unserer Daimler-Mitarbeiter! Zeit also, dass wir die „Alten“ rausholen und sie mit anderen Old- und Youngtimer-Fans teilen. Zum Auftakt stelle ich euch den „Ponton-Mercedes“ Typ 180 von Wolfgang Kufner vor.

 Nein, das Bild ist nicht spiegelverkehrt. Dieser Ponton-Mercedes hat das Lenkrad tatsächlich auf der rechten Seite. 1955 in Sindelfingen für den südafrikanischen Markt gebaut, wurde er gleich nachdem er vom Band gerollt ist, dorthin exportiert. Viele Jahre später hat der 180er (Baureihe W 120) an seinen „Geburtsort“ zurückgefunden. Wolfgang Kufner, Mitarbeiter in der Versorgungslogistik in Sindelfingen, hat den Wirtschaftswunderklassiker einem Freund, der in East London (Südafrika) gearbeitet hat, abgekauft.

Die Limousine der oberen Mittelklasse ist übrigens der erste Mercedes-Benz Pkw mit selbsttragender Karosserie und das erste Modell in Pontonform. Lust auf eine kleine Spritztour? Steigen Sie ein.

Neues Konstruktionskonzept

Die neue Limousine Typ 180 bricht bei ihrer Vorstellung im August 1953 formal und technisch mit Traditionen aus der Vorkriegszeit. Der W 120 ist der erste Mercedes-Benz Pkw, dessen Karosserie in Pontonform gestaltet ist. Charakteristisch für den Aufbau nach dem „Three Box“-Prinzip sind voll integrierte Kotflügel, ein rechteckiger Grundriss der Karosserie und die quaderförmigen Fahrzeug-sektionen Motorraum, Passagierbereich und Heck. Dieses Konzept ermöglicht weniger Luftwiderstand, weniger Windgeräusche und weniger Spritverbrauch, dafür mehr Platz im Innenraum.

Wolfgang Kufner fährt einen außergewöhnlichen Ponton: Einen Rechtslenker aus Südafrika

Erstmals in der Geschichte der Mercedes-Benz Pkw ist die Karosserie des Typ 180 selbsttragend. Das Blech des Aufbaus wird fest mit der Rahmen-Boden-Anlage verschweißt, bildet also eine statische Einheit. Gegenüber der früheren Konstruktion mit Rahmen und aufgesetzter Karosserie heißt das mehr Verwindungssteifigkeit und weniger Gewicht. Diese Konstruktion macht den Typ 180 zu einem für seine Zeit hochmodernen Automobil.

 Die meisten Pontons stehen in einem Museum. Mein 180er ist topfit für die Straße.

„Das Auto schwimmt“

Die Bezeichnung „Ponton“ leitet sich vom französischen Begriff für „Brücke“ ab. Eine Brücke „trägt“! Deshalb zielt der Name auf die selbsttragende Karosserie ab. Lässt man sich zu einer Spritztour in dem Nachkriegsklassiker einladen, spürt man, dass das ganze Auto trägt – nämlich seine Insassen. Sanft über alle Bodenwellen. Das liegt an der klug abgestimmten Federung.

Es beginnt bei der Achskonstruktion, die über Schraubenfedern, Gummidämpfung und Teleskop-Stoßdämpfer die Karosserie ausbalanciert und starke Neigungen in Kurven verhindert. Weiter geht’s bei den Federn in den roten Ledersitzen. Sanft wirken sie den Trägheitskräften entgegen und pendeln die Stöße bei holprigen Straßen aus.

Mercedes Benz Typ 180, 52 PS, Fahrgestell, Bauzeit: 1953 bis 1957.

Kritiker sagen, das Auto schwimmt. Richtig. Der Fahrer muss schon noch was tun, um den 180er in der Spur zu halten. Aber Vorsicht: Dreht er am Lenkrad, reagiert der Ponton etwas behäbig. Dasselbe gilt beim Bremsen. Um die Karosse an der roten Ampel zum Stehen zu bringen, muss man nach heutigen Maßstäben früh in die Eisen treten. Und mit Schmackes! Man sollte also etwas vorausschauender fahren. Doch gerade, weil wir von der modernen Technik verwöhnt sind, ist die Trägheit der alten Kiste ein schöner Kontrast zu Hektik und Geschwindigkeitsdrang. Gemütlichkeit hat eben Charme.

 Kurz das Wichtigste

  • Der 180er Ponton ist sehr versiert in verschiedenen Anforderungen, die Fahrtrouten an ihn stellen. Neben Wendigkeit und stabiler Straßenlage klettert er Steigungen von bis zu 43 Prozent hoch. Das macht ihn als Reisemobil auf steilen Passstrecken beliebt.
  • Heizung und Belüftung regeln den Fahrgastraum unabhängig von der Außentemperatur auf angenehme Temperatur. Fahrer und Beifahrer können Frisch- und Warmluft für ihre Wagenseite fein dosieren. Luftzuführungen halten die vorderen Seitenscheiben klar und beschlagfrei.
  • Prima Geräuschabschirmung. Von der Karosserie her gibt es außer für Pedale und Leitungen keine Durchbrüche zum Motor-Getrieberaum. Selbst das Lenksäulenrohr ist nach unten abgeschlossen. Das Wageninnere ist durch eine starke Isolierung praktisch abgeschottet.
  • Das synchronisierte 4-Gang-Schaltgetriebe wird per Lenkrad-H-Schaltung betätigt. Das eröffnet neue Möglichkeiten beim Raumkonzept. Vorne ist neben getrennter Sitze für Fahrer und Beifahrer auch eine durchgehende Sitzbank mit Platz für drei Personen möglich.
  • 1953 kommt der „Ponton“ Mercedes-Benz 180 zuerst als Benziner heraus. Doch schon im Januar 1954 wird die Baureihe 120 um den Diesel des Typs 180 D ergänzt. Er wird sich als der erfolgreichste Vierzylinder-Ponton mit fast 150.000 Einheiten herausstellen.
  • Auf Wunsch gibt es den Ponton-Mercedes mit Faltschiebedach. Freier Ausblick nach oben, frischer, kühler Fahrtwind und Sonnenschein sprechen die Freunde des Fahrens unter freiem Himmel an. Die Variante verbindet die Vorteile einer Limousine mit denen eines offenen Wagens.

Für immer ein Name

Bis Oktober 1962 baut Mercedes-Benz in neun Jahren Ponton-Ära insgesamt 442.963 Exemplare der Typen 180 bis 190 D. Darunter sind 437.310 Limousinen und 5.653 Fahrgestelle mit Teilkarosserie. Beide Baureihen gelten übrigens als Ahnen unserer E-Klasse und werden im Laufe ihrer Lebenszyklen modernisiert. Technisch gesehen haben auch die später gebauten Mercedes-Benz Limousinen eine Karosserie in Pontonform. Der Eigenname „Ponton-Mercedes“ bleibt im rückblickenden Sprachgebrauch aber der ersten Modellgeneration vorbehalten.

Selbsttragende Karosserie. Das Blech des Aufbaus wird mit der Rahmen-Bodenanlage zu einer statischen Einheit verschweißt. Die Folge: Größere Verwindungssteifigkeit, weniger Gewicht.

Bei seiner Markteinführung sind sich Automobilkenner in aller Welt einig: Der neue Typ 180 verbindet die Vorteile einer Reiselimousine mit den Fahreigenschaften eines Sportwagens und dem Komfort der Mittelklasse.

Egal auf welchen Strecken, der Ponton-Mercedes ist für Wolfgang Kufner ein Auto für den Alltag. Am gemütlichsten fährt sich’s im Grünen, abseits belebter Straßen. „Entschleunigen“ heißt hier die Devise für Auto und Fahrer.

Stilvolles Cockpit. Sauber aufgeräumte Bedienelemente, leicht ablesbare Instrumente und ein Armaturenbrett, das optisch mit dem gesamten Ambiente harmoniert.

Die Vorderräder sind an einem „Fahrschemel“ aufgehängt – ein U-förmiger, aus zwei Blechteilen zusammengeschweißter Achsträger, an dem auch Motor, Getriebe und Lenkung befestigt sind.
Wechselt der Ponton die Spur, fallen seine aufgesetzten Blinklichter anderen Autofahrern sofort ins Auge. Nachts können die Lampen als Standlichter rechts oder links einzeln eingeschaltet werden – und verbrauchen dabei nur wenig Strom.

Wolfgang Kufners Ponton-Mercedes Typ 180 hat vorne und hinten je eine durchgehende Sitzbank. Sechs Personen können problemlos darin reisen. Durch die großen, gewölbten Fenster fließt viel Licht herein und die Außenkulisse präsentiert sich als weites Panorama.

Die Rahmenbodenanlage reicht über die ganze Wagenbreite. Mit diesem kräftigen Unterbau ist die Sindelfinger Karosserie fest verbunden. Im Vorderteil ist der Fahrschemel gelagert.
Die breiten, gegen die Fahrtrichtung aufgehenden Türen lassen sich weit öffnen. Reisegäste können ein- und aussteigen, ohne sich zu verrenken und ohne Knie oder Ellbogen anzurempeln. Sehr bequem während der Fahrt: Gepolsterte Armauflagen an den Türen.

Wer im 180er reist, muss weder die Beine anziehen, noch stößt er mit dem Kopf ans Dach. Mehr als 3 Kubikmeter Volumen hat der Innenraum. Das bedeutet bequemes Sitzen selbst auf langen Touren. Durch die großen Fenster hat man freie Sicht nach allen Seiten.

Der Motor ist ein seitengesteuertes Reihenvierzylinder-Aggregat mit 1.767 Kubikzentimeter Hubraum.

Er leistet 52 PS. Der Typ 180 erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 126 km/h. Für die Beschleunigung von Null auf 100 km/h braucht er 31 Sekunden.

Kofferraum für viel Gepäck plus Reserverad. Es gibt sogar einen maßgeschneiderten Koffersatz.
Für Hintermänner gut sichtbar: Die kombinierten Heckleuchten, die Schluss- und Bremslichter, Blinklampen und Rückfahrleuchten zusammenfassen, sind in der Karosserie so hoch wie möglich angebracht.

Überschlagsversuch 1954 auf dem Prüfgelände in Sindelfingen mit Mercedes-Benz Typ 180 vom Baujahr 1954

Das Zwei-Speichen-Lenkrad ist aus stabilem farbfestem Kunststoff gefertigt. In seinem Inneren liegt der Signalring. Dreht man ihn, werden die Blinklichter betätigt.
Bei diesem Überschlagversuch im Jahr 1954 auf dem Prüfgelände in Sindelfingen wird die Stabilität des Fahrgastraums getestet. Der Dachbereich zeigt kaum Deformation. Ein großes Verkaufargument für die Sicherheit der Insassen.


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Gert Hofmann ist Redakteur in der Kommunikationsabteilung von Mercedes-Benz Cars.

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