Best never rest: „Die Mannschaft“ arbeitet für den 5. Titel

Machen wir uns nichts vor. Fünf Weltmeistertitel haben bisher nur die Brasilianer. Und nur sie und die Italiener – beides Nationen mit wendigen, filigranen, technisch hochversierten Zauberfüßen – haben es bisher geschafft, den Titel bei einem darauffolgenden Turnier zu verteidigen.

Wie geht Bundestrainer Jogi Löw das Projekt Titel Nummer 5 in Russland also an? Natürlich so, wie er 2014 schon den Titel in Brasilien geholt hat. Er setzt auf die Mannschaft – und die geht weit über den Spielerkader hinaus. Das ist zumindest mein Eindruck nach einem Besuch im Trainingslager in Eppan. Dort hat der DFB im Rahmen eines Partner- und Sponsorentages gezeigt, wie die Mannschaft für den 5. Titel arbeitet – diszipliniert, zielstrebig und leidenschaftlich bis zum letzten Teammitglied.

Pressekonferenz

Wir starten mit der täglichen Pressekonferenz im Medienzelt um 12.30. Die heutigen Gesprächspartner: Teammanager Oliver Bierhoff und SC Freiburg-Stürmer Nils Petersen, der im Trainingslager zunächst noch zum erweiterten 27er-Kader gehörte. Zu diesem Zeitpunkt hat die Mannschaft schon eine erste Trainingseinheit hinter sich, trainiert wird im Schnitt zwei Mal pro Tag.

Teammanager Bierhoff erklärt nochmal, warum sich Bundestrainer Jogi Löw dafür entschieden hat, Nils Petersen für den erweitern Kader zu nominieren:

Das war kein Geistesblitz vom Bundestrainer wie manche glauben oder eine spontane Entscheidung. Wir haben ihn schon länger beobachtet. Er ist mit 15 Toren der beste deutsche Stürmer diese Saison, ein wacher Spieler und aufnahmefähig. Das hier ist jetzt eine Bewährungsprobe.

Panini vs. Petersen

Anschließend muss sich Petersen der härtesten Frage diese Pressekonferenz stellen. Ein kleiner Fan im Vorschulalter will wissen, wie der Freiburger es eigentlich findet, dass er nicht im aktuellen Panini-Album vertreten ist. Rumms! Petersen bleibt cool:

„Ich ärgere mich nicht darüber. Natürlich wäre ich gern mal dabei, aber meine Nominierung war ja jetzt überraschend. Aber ich sag mal allen meinen Freunden, sie sollen Panini kaufen, vielleicht ist doch mal ein Bildchen von mir dabei. Und wenn ich Teil der Mannschaft bleiben darf, schaff ich’s vielleicht auch mal ins Panini-Heftchen.“ Auch wenn er es nicht in den finalen 23er-Kader geschafft hat – in Sachen Pressekonferenz ist Petersen auf jeden Fall WM-reif!

Das Team hinter dem Team: Der Fitnesstrainer

Nach dem Mittagessen lernen wir das Team hinter dem Team kennen. Zuerst: Nicklas Dietrich, 35 Jahre, Pfälzer, Athletiktrainer bei RB Leipzig und seit 2015 auch Fitnesstrainer der deutschen Nationalmannschaft. Das Bild von einem Schleifer, der die Jungs irgendwo durchprügelt ist dabei ziemlich veraltet, wie er uns erklärt:

„Wir probieren den Fußball als Sportart auseinanderzunehmen und zu schauen, was können wir athletisch noch dazu beitragen, damit es auf dem Platz besser läuft. Damit wir weniger Verletzungen haben, damit der Trainer am Spieltag frisch auf die Jungs zurückgreifen kann, das ist mittlerweile das Wichtigste. Darum herum werden in kleinen Dosen Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit und so weiter trainiert.“

Das Team hinter dem Team: Der Rasen-Experte

Als nächstes wird uns Rainer Ernst vorgestellt. „Rasen-Papst“ nennen sie ihn beim DFB, aber das mag er eigentlich nicht. Er ist Landschaftsarchitekt, wie er uns erklärt, und dafür zuständig, dass „Die Mannschaft“ im Trainingslager und während des Turniers auf optimalen Rasen-Bedingungen trainiert. Je nachdem wo der DFB also seine Zelte aufschlägt ist Ernst schon vorher da und schaut, dass er den Rasen vorbereitet. Seine Erfahrung: „Es hilft, wenn man da nicht ankommt und sagt: ‚Hallo, ich bin aus Deutschland und ich weiß alles besser.‘“

Damit Rainer Ernst mit seiner Arbeit aber überhaupt loslegen kann, ist er immer erstmal auf der Suche nach einem Platz der 105x68m hat – das internationale Maß für Fußballplätze. Nur so kann das Team seine Standard-Laufwege optimal trainieren.

Bei der Zusammenstellung eines Rasengemischs für einen DFB-Trainingsplatz geht es dann ganz tief in die Materie: Je nach Standort entscheidet sich der Rasen-Experte für eine bestimmte Züchtung und dann nochmal für die optimale Mischung verschiedener Sorten: „Es gibt Sorten, die sind besonders resistent gegen Krankheiten – das ist dann wie ein Schutzmantel, der sich auch über die anderen Gräser legt. Es gibt Sorten, die eignen sich gut für Scherkräfte, also wenn sie Spieler drüberrutschen und dann gibt es Sorten, die regenerieren schnell. Und wir legen von Fall zu Fall, je nachdem wo wir sind, die optimale Mischung fest.“

Das Team hinter dem Team: Der Video-Analyst

Der dritte Experte, den wir an diesem Tag kennenlernen dürfen, ist Christofer Clemens. Seit dem Sommermärchen 2006 gehört er zum Scouting-Team von Urs Siegenthaler und ist mittlerweile „Head of Match Analysis“ – und leitet dort ein Team aus mehreren Spielanalysten.

Jeder Gegner, gegen den wir während des Turniers spielen, wird vorher von Christofer Clemens und seinem Team auf Stärken, Schwächen und Spielweise analysiert. Die Ergebnisse aus 50 bis 60 Stunden Analyse komprimieren sie dann auf knackige acht Minuten für die Mannschaft und helfen damit, Löw und seine Truppe auf ihre jeweiligen Gegenspieler einzustellen.

„Anderthalb Stunden vor dem Spiel in der Kabine befinden wir uns in der sensibelsten Phase. Wir müssen die Spieler da abholen wo sie sind. Letzte Informationen mitgeben. Und deshalb haben wir mit der SAP ein Werkzeug entwickelt, dass sich an der Optik orientiert, die sie von ihren Spielekonsolen kennen. Da sind Informationen zu den Gegenspielern zusammengestellt, die ins richtige taktische Schema reingesetzt werden und wo ganz klar drin steht: Was kommt auf mich zu und wie löse ich es?“

Dabei ist zwar immer wichtig, welche taktische Variante der Gegner anbietet. Entscheidend ist für das DFB-Team aber die eigene Spielidee:

In unserer Spielvision haben wir ja festgelegt, wie wir Dinge lösen wollen, darin haben wir sehr viel Zeit investiert. Und deshalb wissen wir auch in jeder Situation, wie wir reagieren wollen.

Unsere Vorrunden-Gegner hat sich Clemens aber natürlich trotzdem angeschaut: „Ich kann alle im Raum beruhigen. Mexiko, Schweden und Südkorea haben wir durchanalysiert. Wenn die uns schlagen, haben wir was falsch gemacht.“

Training

Zum Abschluss des Tages geht es für uns und für die Mannschaft endlich auf den Trainingsplatz. Nach einem kurzen Aufwärmen lässt der Bundestrainer verschiedene Spielsituationen trainieren: Ball halten in Unterzahl, Torschuss, Spiel auf dem Kleinfeld vier gegen vier. Praktisch immer im Mittelpunkt unserer Beobachtungen der Mittelfuß der Nation, Torhüter Manuel Neuer. Traut er sich in den Zweikampf zu gehen? Hechtet er noch schnell genug in Richtung Boden? Fischt er auch noch den letzten Unhaltbaren rechtzeitig raus?

Die Antwort: Dreimal ja! Was wir an diesem Nachmittag von der deutschen Nummer eins sehen, bestätigt Neuer in den Tagen darauf mit seinen Trainingsleistungen und in den Testspielen: Auch nach acht Monaten Verletzungspause steht Manu im Tor wie eine Mauer, seine Reflexe sind so auf den Punkt, dass selbst die eigenen Mannschaftskollegen an ihrem Torwart verzweifeln .

Autogramme und Selfies

Zum Abschluss des Tages folgt das letzte Highlight: Nach dem Training wird unsere Truppe zum Mannschaftsbus gebracht, mit dem das Team zurück ins Teamhotel fährt.

Zugegebenermaßen etwas unscharf im Hintergrund: Das Teamhotel

Dort trabt ein Spieler nach dem anderen verschwitzt aber zufrieden an, fast alle nehmen sich die Zeit, Autogramme zu schreiben und für Fotos zu posieren. Auch Torwarttrainer Andi Köpke schaut vorbei, irgendjemand aus unserer Gruppe sagt leise: „FCN-Legende!“ Köpke strahlt und antwortet: „Endlich wieder erste Liga, oder?“

Ja, die Stimmung in der kompletten Mannschaft auf und neben dem Platz ist in Eppan wirklich gut. Oder wie Teammanager Oliver Bierhoff erklärt hat:

Wir haben ein klares Ziel, einen klaren Willen, einen klaren Fokus.

Und der lautet Titel Nummer 5. Ohne Zauberfüßchen, aber dafür geschlossen als Mannschaft und mit vollem Einsatz. Best never rest eben.


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Sie ist seit Oktober 2017 im Kommunikations-Team von Daimler und verantwortlich für die Redaktion des Daimler-Blogs. Nach sieben Jahren Früh-Nachrichten beim Radio und drei Jahren als Sport-Redakteurin und Moderatorin bei BILD hat sie damit beim Daimler endlich ihren ersten seriösen Job. Nach wie vor liebt sie gute Geschichten, spannende Menschen, Pommes Frites und Eiscreme.

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