WM-Wahnsinn hautnah: Die „WorldSkills“ in Abu Dhabi

Ausdauer, Fachwissen – und eine Menge Leidenschaft für den Job: Wer all das mitbringt, kann bei den „WorldSkills“ bestehen. So heißt die „WM der Berufe“, bei der alle zwei Jahre Fachkräfte aus aller Welt um Medaillen ringen. 2017 war auch ich mit am Start, als frisch gebackener Kfz-Mechatroniker von Daimler. Vier Tage Nervenkitzel in der Hitze von Abu Dhabi: Was für eine Erfahrung!

Vom Fliesenleger bis zum Floristen: 2017 gingen bei den WorldSkills rund 1.300 Teilnehmer aus 59 Ländern in 51 Disziplinen an den Start – allesamt nicht älter als 25 und die jeweils Weltbesten ihres Faches. Die Idee der Berufe-WM ist ganz einfach: Alle zwei Jahre bringt sie Auszubildende und junge Fachkräfte aus aller Welt zusammen und macht so auf die Chancen einer Berufsbildung aufmerksam.

Der zweite Sinn dahinter: Junge Menschen weltweit verbinden und Vorurteile und Missverständnisse in den Köpfen ersetzen durch ein friedliches Miteinander und gemeinsame Begeisterung für den Job. Ein Riesenerfolg seit vielen Jahren.

All das wusste ich aber noch nicht, als eines Tages meine Ausbilder auf mich zukamen und fragten, ob ich Interesse hätte, da mitzumachen. „Natürlich“, sagte ich. Ich hatte ja keine Ahnung von der Dimension des Ganzen. Gerade erst hatte ich meine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker in der Niederlassung in München abgeschlossen.

Die erste Etappe: Erfurt

Meine WM-Disziplin sollte der Bereich Schwerfahrzeugtechnik sein. Im Frühjahr 2017 stand fest, dass ich für Deutschland in die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, nach Abu Dhabi, mitfahren würde – und schon ging es im April zum ersten Vorbereitungstreffen nach Erfurt. Zwei Tage Zeit für das „Team Germany“, um sich kennenzulernen.

42 junge Fachkräfte aus fast allen Bundesländern gehörten dazu, der jüngste Teilnehmer war erst 17 – und holte am Ende sogar Bronze. Hier traf ich auch auf meinen Personal-Trainer, der mich unglaublich gut durch die Vorbereitungsphase und durch den Wettbewerb selbst begleitete.

Startklar für den Wüstentrip

Die Wochen und Monate darauf waren vollgepackt mit Teamtreffen, Diagnoselehrgängen und Praktika, um den Umgang mit den Übungsobjekten zu trainieren. In den Wettbewerben würde es ja unter anderem darum gehen, Fehler in der Hydraulik an einem Minibagger zu finden. Da musste jeder Handgriff sitzen. Je näher die Weltmeisterschaft rückte, desto aufgeregter und angespannter wurde ich.

Im Herbst war es dann endlich soweit: Wir fuhren zuerst nach Frankfurt, um uns nochmal als Team zu sammeln und stiegen schließlich in den Flieger nach Abu-Dhabi. Ein Wahnsinnsgefühl, wenn man nicht weiß, was einen erwartet …

Brezeln und Bach für die Gäste aus Deutschland

Schon vor dem Beginn der Wettbewerbe wurden wir von der Gastfreundschaft überwältigt: Das Projekt „One School One Country“, das von der WorldSkills Organisation gegründet wurde, lud uns in eine Privatschule in der Hauptstadt ein. Die Schüler und Lehrer hatten sich zwei Jahre lang auf den Besuch vorbereitet und sich mit allen Facetten des Lebens in Deutschland vertraut gemacht.

Alle waren so herzlich und aufgeschlossen! Das hatte ich so noch nie erlebt. Jeder Raum, jede Wand war mit Deutschlandflaggen geschmückt. Die Kinder backten Brezeln und spielten uns Stücke von Bach vor. Der absolute Wahnsinn.

Am Abend folgte dann für alle Competitor – so werden die Teilnehmer genannt – die „Desert Experience“: eine Willkommensveranstaltung mitten in der Wüste, mit Workshops zum Thema Kultur und einem riesigen Büffet mit Leckereien des Landes.

Die Spannung steigt

Nach diesem entspannten Auftakt wurde es von Tag zu Tag ernster. Jetzt waren starke Nerven gefragt. Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an die bevorstehenden Wettbewerbe – und hatte plötzlich Bedenken. War die Vorbereitungszeit vielleicht doch zu kurz gewesen? Doch ein anderer Gedanke überwog: Schon jetzt zählte ich ja zu den besten Nutzfahrzeugmechatronikern Deutschlands, vielleicht der ganzen Welt.

Auf Yas Island findet auch der „Große Preis von Abu Dhabi“ statt

Erstes emotionales Highlight war die Eröffnungsfeier in der du Arena von Yas Island. Jedes Land lief geschlossen als Team ein. Und jeder auf der ganzen Welt konnte zuschauen. Was zählen da noch Ergebnisse! Bei den WorldSkills treffen sich so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern, aber eines verbindet sie alle: die Leidenschaft zu ihrem Beruf.

An der Belastungsgrenze

Der erste Wettbewerbstag in meiner Disziplin – Skill 49: „Heavy Vehicle Maintenance“ – begann mit einer noch recht einfachen Aufgabe. Als einer von 16 Finalisten sollte ich an einem Computer mit Hilfe von Werkstattliteratur Sollwerte zu Fahrzeugen heraussuchen. An den folgenden Tagen stieg die Schwierigkeit der Aufgaben rapide. Ich stieß teilweise an meine Belastungsgrenze.

Zum Beispiel habe ich an einer Straßenwalze eine elektrische Fehlersuche durchgeführt, die an normalen Arbeitstagen für mich relativ gut lösbar ist. In der Wettkampfsituation hat sie mir jedoch weit mehr abverlangt als nur fachliches Wissen. Ich erinnere mich an den Spruch eines Sport-Psychologen, der uns in Abu Dhabi betreut hat:

70 Prozent eines Wettbewerbs sind Kopfsache.

Wie Recht er hatte.

Aufgeben? Niemals

Das wurde mir in der Folge erst richtig klar: An den letzten zwei Tagen holte ich nochmal alles raus, was ich konnte. Denn eines habe ich dort gelernt: „Never give up!“

Mit dem Gongschlag an der letzten Station war die ganze Anspannung dann wie weggeweht. Am Ende reichte es zwar nicht für einen Platz auf dem Treppchen – für mich überwog aber die Freude über die tolle Erfahrung und das gesammelte Wissen. Das Team Germany hat insgesamt super abgeschnitten mit einer Silber-, zwei Bronze- und 19 sogenannten „Exzellenzmedaillen“.

Mit der Abschiedsfeier und Siegerehrung endete die Weltmeisterschaft genauso furios wie sie begann. Nach einem kurzen Abschied ging es auch schon in den Flieger Richtung „Dahoam“, wie wir so schön in Bayern sagen.

Die Ausbildung als Türöffner

Dieses Erlebnis war die bis jetzt unglaublichste Zeit meines Lebens und hat vieles verändert. Und was war der Türöffner? Meine Ausbildung bei Daimler.

Deshalb möchte ich allen Unterstützern – meinem Betrieb, meinen Ausbildern, den Lehrkräften der Diagnosekurse, allen hilfsbereiten Experten und natürlich auch meiner Familie, Freunden und allen anderen Daumendrückern gaaanz herzlich für die wahnsinnige Möglichkeit und Unterstützung danken!


Die Bilder der World Skills wurden von Frank Erpinar aufgenommen.


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Andreas Enzensberger hat seine Ausbildung bei Mercedes-Benz in München 2016 als Landesbester abgeschlossen und arbeitet dort mittlerweile in der Omnibusabteilung.

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