Tausche Bibliothekskarte gegen Konzern-Ausweis

„Du studierst Geschichte – das ist ja interessant. Und was macht man damit später mal?“  Gute Frage. Ich wollte mir beweisen, dass man mit einem „Bachelor of Arts“ mehr werden kann, als das Klischee Taxifahrer.

Es ist Anfang August, eine laue Sommerbrise weht mir ins Gesicht. Leicht verschwitzt – so, dass man schon die dunklen Flecken an den Achseln meines hellblauen Hemds sieht – und ein paar Minuten verspätet, habe ich es geschafft. Ich stehe vor dem Daimler-Vorstandsgebäude in Untertürkheim.

Tschüß Uni – Hallo Großkonzern!

Vom beschaulichen Breisgau direkt ins Zentrum der Macht – nicht gerade das natürliche Habitat eines Geisteswissenschaftlers. Dort, wo Dieter Zetsche hereinspaziert, wo die großen Deals eingetütet werden und Fahrzeuge aller Art scharenweise vor der Tür parken: vom Elektro-smart über den Pick-up bis zur Maybach S-Klasse. Von nun an heißt es für mich: Tausche Bibliothekskarte gegen Daimler-Ausweis.

Kommunikation im Großkonzern

Hier werden mir keine barfüßigen DemonstrantInnen begegnen, die für fahrradgerechtere Straßen demonstrieren (obwohl Daimler auch Velos verkauft), sondern eher BWL‘er im Business-Casual-Look. Mit etwas Ehrfurcht und stolz wie Oskar gehe ich durch die gläserne Schiebetür. Obwohl ich von mir behaupten würde, dass ich einen guten Kaffee koche, muss ich meine Fähigkeiten diesbezüglich nicht unter Beweis stellen.

Das Vorstandsgebäude

Im Gegenteil: Ich fühle mich als vollwertiges Teammitglied, werde eingebunden, habe eigene „ToDos“ und Aufgabengebiete – der ganz normale Wahnsinn eben. Ob Jahrespressekonferenz oder Absatzzahlen: In diesem Großraumbüro wird abgestimmt, wie sich das Unternehmen zu börsenrelevanten Themen in der Öffentlichkeit äußert.

Eine spannende und interessante Erfahrung, denn ich bekomme sehr viel mit. Doch wie hat Nelly Furtado einmal gesungen: „all good things come to an end“ – und so endet auch meine Zeit in der Daimler-Kommunikation.

Ursprünglich als Geisteswissenschaftler nicht gerade mit einer Konzernaffinität gesegnet, muss ich auf den zweiten Blick zugeben, dass es mir eigentlich ganz gut in diesem Unternehmen gefällt. So ergeht es wahrscheinlich vielen. Ich habe außerdem den Eindruck, dass meine Fähigkeiten geschätzt werden und ich mich trotz meines etwas ungewöhnlichen Bildungshintergrunds durchaus einbringen kann. Einziges Manko: Ich würde gerne wieder mehr schreiben.

Next step: Lab1886

In meinem Fall war das Schicksal dann ausnahmsweise mal kein Verräter, denn es wird sogar noch besser. Ich bekomme eine Stelle als Werkstudent in einem anderen Kommunikationsbereich angeboten – und zwar beim Lab1886. „Lab-was?“, denke ich mir im ersten Moment, da mir der Name bis dahin kein Begriff ist. „Das sind doch die mit dem Volocopter“, sagt ein Arbeitskollege zu mir, „die arbeiten wie ein Start-up im Unternehmen“, klärt er mich weiter auf.

Der Volocopter

Wie wahrscheinlich so viele andere, frage ich mich: „Was machen die denn in diesem Lab1886 eigentlich?“ Nach einigen Wochen Einarbeitungszeit wage ich mich jetzt mal an eine Erklärung – aber Vorsicht, Bullshit-Bingo-Alarm! Hinter holprigen Schlagworten wie „Inkubator“, „Innovationsmaschine“, oder „Schwarmintelligenz“ verbirgt sich ein Bereich, der für die Daimler AG neue Geschäftsmodelle umsetzt.

„Das Lab1886 versteht sich als Beschleuniger, der Ideen sammelt, einschätzt und nach modernen Start-up-Methoden mit hoher Geschwindigkeit realisiert. Die Ideen kommen dabei entweder von Mitarbeitern oder direkt aus den Fachbereichen.“

Übersteht eine Idee den Auswahlprozess innerhalb des Labs, gilt es noch eine letzte Hürde zu meistern – den „Shark Tank“. Hier präsentieren die Ideengeber ihr Konzept einer Jury aus Experten, darunter auch Daimler-Vorstände. Sie bewerten, ob die Idee das Zeug zum erfolgreichen Geschäftsmodell hat und ob sie überhaupt zum Konzern passt.

In Anlehnung an das Erfindungsjahr des Automobils durch Carl Benz und Gottlieb Daimler unterstreicht die Bezeichnung „1886“ den Pioniergeist. Das Motto lautet: „Back to the garage“. INNOVATION wird im Lab1886 großgeschrieben und deshalb ist thematisch alles interessant, was die (digitale) Mobilität der Zukunft und die kommenden Trends der Automobilindustrie betrifft.

Beispiel gefällig? Im Falle von „Mercedes me Flexperience“ lief es so ab: Die Idee für das Abo-Modell stammt von einer Mitarbeiterin aus dem Lab1886. In einem ersten Schritt haben dann Experten das Potenzial geprüft. Das Urteil fiel positiv aus – und so hatte die Ideengeberin im Mai 2017 die Chance, ihr Vorhaben im „Shark Tank“ zu präsentieren. Das Expertengremium aus Vorstandsmitgliedern und Topführungskräften konnte sich die Idee als neues Geschäftsmodell vorstellen und gab das „Go“.

Somit konnte das Projekt im Start-up-Umfeld des Lab1886 schnell und effizient umgesetzt werden: Entwickler programmierten eine passende App, Verhandlungen mit möglichen Vertragspartnern wurden aufgenommen und eine Marketingstrategie entwickelt. Der Ablauf unterscheidet sich aber von Idee zu Idee und ist deshalb sehr individuell.

Das ursprüngliche Projektteam tauschte sich mit Experten aus verschiedenen Fachbereichen im Konzern aus – in diesem Fall der Mercedes-Benz Bank. Nach nicht einmal 9 Monaten hat das Projekt „Mercedes me Flexperience“ die Pilotphase erreicht und wurde auf dem Genfer Autosalon erstmals vorgestellt.

Das Beste aus beiden Welten

Die Leute hier haben kreativen Freiraum wie in einem Startup und gleichzeitig die Struktur und die Möglichkeiten eines Global Players wie Daimler: Perfekte Bedingungen, um von der Idee schnellstmöglich zum profitablen Produkt zu gelangen. Hierfür können die Ideengeber auf Programmierer, Entwickler und Produktmanager zurückgreifen, die ihr Expertenwissen einbringen. So sind unter anderem übrigens car2go und moovel entstanden.
Und das Schöne ist: Eigentlich  passe ich hier als ungewöhnlicher Quereinsteiger ganz gut rein. Taxifahrer werde ich dann vielleicht im nächsten Leben.

Eindrücke von der re:publica – die ich mit dem Lab1886 begleitet habe.

 


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Moritz Kraus ist Werkstudent bei der Daimler-internen Ideenschmiede Lab1886. Nebenbei feilt er an seiner Masterarbeit. Vorher war er Praktikant im Bereich Mercedes-Benz Cars Communications, Sales & Marketing.

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