re:publica 2018: Individuelle Massenphänomene

Oberlippenbart, Tennissocken und Jutetasche. Ich kann meinen Blick nicht lösen. Um mich herum stehen zahlreiche Inbegriffe des vermeintlichen Szene-Typen.

Ich komme zu mir und bemerke, dass ich unhöflicherweise glotze. „Die re:publica zählt zu den führenden Gesellschaftskonferenzen zu den Themen der digitalen Gesellschaft“, heißt es. Ich bin in Berlin.

Digitale Gesellschaft? Hört sich interessant an, aber auch ziemlich diffus. Was das wohl ist, diese „digitale Gesellschaft“? Ich lerne, dass Journalisten, Philosophen, Aktivisten, Politiker, Wissenschaftler oder Kreative aus der Wirtschaft über Medienphänomene und gesellschaftspolitische Themen aus dem digitalen Bereich diskutieren, Denkanstöße geben und netzwerken.

„Wissen sowie Handlungskompetenz weitergeben“, erklärt der Veranstalter dazu auf der re:publica-Seite. Das Motto lautet dieses Jahr: re:publica goes POP (Power Of People) – die Macht der Masse.

Daimler? Daimler!

Mittendrin auf dem Hof fällt ein Glaswürfel auf. Ein zur Bühne umgebauter Truck-Anhänger, der an ein Formel-1-Motorhome erinnert – unästhetisch ist anders. Die Plattform gehört zu Lab1886, dem Daimler-Innovationsbereich. Vermeintlich klassische Konzerne sind nicht das, was man in diesem Milieu erwartet. Was macht der Daimler-Inkubator (zu Deutsch: Brutkasten) hier?

Großer Ansturm im „Inkubator“

Ich sehe Susanne Hahn, die Chefin des Lab1886, vor der Daimler-Repräsentanz. Sie unterhält sich gerade mit Besuchern. Scheinbar bin ich nicht der Einzige mit dieser Frage.

Ich schnappe Satzbruchstücke auf: „Wollen Vorreiter mit verschiedenen Mobilitätsformen sein. Brauchen die besten Talente der Tech- UND Startup-Szene…verändern uns als Konzern…erkennen den Zeitgeist…suchen den Dialog…gestalten weiterhin die Zukunft der Mobilität.“  Sie scheint sich regelrecht über solche „kritischen“ Fragen zu freuen.

Konzerne – relevant aber uncool?

Während sie spricht, muss ich unweigerlich die Eingangsszenerie hinter ihr beobachten. Junge – und ihrer eigenen Einschätzung nach junggebliebene – Menschen mit betont gelangweilten Blicken und Vintage-Kleidung, die Buttons mit Aufdrucken wie „Bewusst konsumieren“ tragen, kommen mit älteren Fahrädern angefahren oder steigen aus car2gos (eine Daimler-Innovation) aus: Ich muss lächeln.

 

David Haley, ein „Recruiter“ des Lab, huscht vorbei und ruft „Hey man“. Der Kollege ist Kalifornier und war vorher unter anderem bei UBER. Susanne Hahn lächelt souverän.

Waren klassische Konzerne nicht mal eher ‚uncool‘?

Res Publica? Re:Publica!

Die re:publica scheint kein klassischer Ort für Menschen zu sein, die „irgendetwas mit Medien machen“, gerne in Szene-Cafés „an Projekten arbeiten“, aber finanziell darben müssen. Alleine der Eintrittspreis in Höhe von diversen Abendessen in Berliner Szene-Restaurants wie dem PeterPaul („traditionell-urdeutsche“ Tapas-Küche, frei interpretiert – was sonst) dürfte vorselektieren.

Findige „Intellektuelle“ in meinem Umfeld (Schwiegervater in spe) weisen mich darauf hin, dass es ja auch re:publica (lat.: über das Gemeinwesen) und nicht res publica (öffentliche Sache) heißt

Ich verfolge im Laufe des Tages verschiedene Diskussionen („Panels“): es geht gelegentlich um Dinge, die ich zwar oft gehört, aber bisher ignoranterweise von mir geschoben habe. Was ist eigentlich wirklich dieses Blockchain? „Blockchain: Digital Identities for Everyone?

Für andere Panels wiederum „ShePop? Weibliche Körper in der Popmusik zwischen Subjekt und Objekt“ finde ich „leider“ nicht die Zeit, da die Gesprächsrunden auf mehreren Bühnen parallel stattfinden.  Die Vorträge und Diskussionen, die ich besuche, geben mir in Summe allerdings so viele Denkanstöße, dass meine Haare tatsächlich beginnen, sich zu krausen.

Ob Journalisten, Philosophen, Aktivisten, Politiker, Wissenschaftler oder Kreative aus der Wirtschaft. Neugieriges Herz, was willst Du mehr.

Ja. So langsam erst erschließt sich mir der tiefere Sinn dieses Festivals: Älter wird man automatisch, aber eben nicht zwangsläufig weiser. Am Ende des Tages läuft eine Tennissocken tragende Jutetasche mit Bart auf mich zu. Immerhin versuchen sie „individuell“ zu sein, diese Berliner, denke ich mir.  Doch plötzlich höre ich: „Erdal, bisch Du des? Gibt’s doch gar net“.

Apropos individuelles Massenphänomen. Kannten Sie den schon:

Was wiegt ein Hipster? Ein Instagram.

Thorsten W. von kessel.tv: Alter Bekannter, Schwabe und re:publica-obligatorisch mit Bart, Tennissocken und Jutebeutel ausgestattet

 


Nachtrag: es werden zeitnah die Videos aller Panels auf dem Lab1886 YouTube-Kanal zu sehen sein


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Frisch zurück aus der Elternzeit war Erdal Ak auf der re:publica unterwegs. Er ist Redakteur in der Kommunikation und „liebt“ Selbstbeschreibungen.

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