Mit dem Feuerwehrauto auf Weltreise

Es muss Neujahr 2014 gewesen sein, als ich mit einem Kumpel darüber philosophiert habe, dass eine Reise bis Südostasien mit dem eigenen Fahrzeug eine coole Sache wäre und mal etwas anderes, als das obligatorische „Work-and-Travel“ Jahr in Australien. Die Idee hat uns von da an nicht mehr losgelassen und wir haben über ein Jahr nach einem Fahrzeug gesucht.

Fündig wurden wir dann im Internet: Ein mittlerweile über 40 Jahre altes Tanklöschfahrzeug (TLF16) auf einem Mercedes 1017 von 1977. Doch kurz zu uns: Lukas Walz und mir, Moritz Exner, damals beide Anfang 20. Lukas berufstätig als Industriemechaniker, ich mitten im BWL Studium. Später kam noch unser dritter Mitreisender und Freund Jonas Hautsch dazu, ebenfalls Anfang 20 und Mechatronik Student.

Verfügbar und bezahlbar

Jetzt könnte man sich fragen, warum anfangs zwei junge Männer unbedingt einen LKW als Reisegefährt brauchen. Für uns war es aber der logische Schritt: Die G-Klasse, Landcruiser oder ähnliches sind in der Anschaffung recht teuer und „Mann“ muss sich schon sehr mögen, um ein Jahr gemeinsam im Dachzelt zu schlafen.

Auch die Transporterklasse ist verhältnismäßig teuer. Hier sollte man wohl ergänzen, dass wir ein 4×4 Gefährt wollten. Am Ende sind wir bei den LKW gelandet, die gut verfügbar und bezahlbar sind.

Vom Feuerwehrauto zum Wohnmobil

Fast eineinhalb Jahre nach der zündenden Idee ging der Umbau richtig los und noch hatte keiner von uns den passenden Führerschein. Wir haben den Feuerwehraufbau mit Wassertank und Pumpe entsorgt und uns dann der Fahrerkabine angenommen. Wir wollten keine Doppelkabine und haben uns entschieden sie zu kürzen.

Da keiner von uns Erfahrung in diesem Bereich hatte, war der gesamte Prozess ‚learning by doing‘. Die Kabine wurde im Endeffekt um einen Meter gekürzt und in einer zeitgemäßen Farbe lackiert. Bei dieser Aktion hat uns Jonas immer geholfen und wurde schließlich Teil des Teams.

Die nächste große Station zum fertigen Wohnmobil war der Wohnkoffer, der hinter der Kabine sitzt. Wir haben lange gesucht, sind durch ganz Deutschland gefahren und haben doch nichts Passendes gefunden. Wir wollten unseren Platz optimal ausnutzen und ein halber Meter hin oder her macht einen riesen Unterschied, wenn man ohnehin nur maximal knappe elf Quadratmeter zur Verfügung hat.

Auch hier haben wir uns dann dazu entschieden, selbst Hand anzulegen und den Koffer komplett in Eigenregie aus Holz zu bauen, was aber ohne die fachkundige Hilfe von Lukas Vater, einem Schreinermeister, nicht möglich gewesen wäre.

Mehr als ein Fulltimejob

Den Wohnkoffer haben wir in elf Tagen nach Weihnachten 2015 gebaut. Im folgenden halben Jahr mussten wir uns dann um Vieles auf einmal kümmern: Jonas und ich hatten noch immer keinen LKW Führerschein, wir mussten beide noch unsere Bachelor-Thesis schreiben, der Koffer musste ausgebaut werden und wir mussten uns um die Reiseplanung kümmern.

Alles zusammen war mehr als ein Fulltimejob und wir haben bis einen Tag vor der Abfahrt noch am LKW gebastelt und mussten noch Einiges mit auf Reisen nehmen, da wir nicht ganz fertig waren.

Die Kosten des Umbaus haben wir untereinander aufgeteilt. Jonas und ich haben nebenher viel gearbeitet und Lukas war ohnehin im Berufsleben. Somit war die finanzielle Belastung für uns alle tragbar.

Ein Jahr, 50.000 Kilometer und 365 unvergessliche Tage

Der ursprüngliche Plan war bis nach Südostasien zu reisen. Das mussten wir leider verwerfen, da uns Myanmar zu teuer und risikobehaftet war. Die Einreisebestimmungen wurden immer wieder geändert und wir wollten nicht mit ungültigen Dokumenten vor der Grenze stehen.

Es ging also quer durch Europa bis in die Türkei, über Georgien und Armenien in den Iran und Pakistan, um dann unsere vorerst südöstlichsten Ziele in Indien und Nepal zu erreichen. Auf dem „Rückweg“ ging es dann bis in den Iran zurück und von dort durch Turkmenistan, Usbekistan, Kirgistan, Tajikistan und Kasachstan nach Russland und in die Mongolei.

Am Baikalsee haben wir schließlich unseren östlichsten Punkt erreicht und sind von dort über die Ukraine und Polen nach Hause. Wir waren genau ein Jahr unterwegs, knappe 50.000 Kilometer, über 1300 Fahrstunden, 9 Reifenpannen (komprimiert in 1 1/2Monaten) und 365 unvergessliche Tage.

Mit Allrad und Schneeketten durch Tajikistan

Ein besonders abenteuerlicher Abschnitt unserer Reise war dieser: Es ist der 17. April 2016 und wir haben es mittlerweile bis an die kirgisisch-tajikische Grenze geschafft. Bis jetzt haben wir den zuschaltbaren Allradantrieb unseres Gefährts zwar hin und wieder gebraucht, aber eher aus jugendlichem Leichtsinn oder um diese 15 Meter weiter zu kommen für einen besonders tollen Stellplatz für die Nacht.

Das ändert sich aber schnell. Wir brauchen alles, was wir haben: Allrad, Hinterachssperre, Schneeketten. Nicht für einen Stellplatz, sondern um nach Tajikistan zu kommen.

Es ist noch früh im Jahr und das Abenteuer fängt bereits gute 20 Kilometer vor dem kirgisischen Grenzposten an. Die Straße ist schneebedeckt und mit unseren 10 Tonnen sinken wir immer wieder ein. 500 Meter vor dem Posten wühlen wir den Schnee sogar so auf, dass es selbst für 4×4 Pkw schwer ist, durchzukommen.

Da nach der Ausreise weitere 18 Kilometer Niemandsland folgen und wir über den Straßenzustand nichts Gutes gehört haben, beschließen wir, alle Formalitäten hinter uns zu bringen und am nächsten Morgen früh aufzubrechen, sobald der Schnee wieder angefroren ist. Denn an diesem Tag hatten wir knappe 15 Grad in der Sonne – und das auf fast 3500 Meter!

Ein anstrengender Tag

Der Plan geht leider nach hinten los. Vier Grad und frischer Schnee erwarten uns beim Aufstehen und uns wird klar, dass es ein anstrengender Tag werden könnte.

Wir fahren keinen Kilometer, bis wir auf ein Fahrzeug treffen, das uns gestern am Grenzposten begegnet ist, festgefahren in einer großen Pfütze. Irgendwie schaffen wir es an dem Australier mit kirgisischem Fahrer vorbei und bergen sie aus ihrer misslichen Lage. In den kommenden zwölf Stunden werden wir die beiden immer wieder aus dem Schneematsch ziehen müssen, denn heute ist Tauwetter.

Aber auch wir haben Probleme. Der Grenzpass liegt auf 4250 Meter und nicht nur uns, sondern auch unserem Fahrzeug geht hier mächtig die Puste aus und alle merken, dass da Leistung fehlt. Zweimal Schaufeln, dreimal tief atmen. An einem steileren Stück verlässt uns fast der Mut.

Wir kommen immer nur 10 Meter vorwärts und bleiben dann wieder stecken…und das auf gut 400 Meter Strecke. Immer, wenn uns jemand entgegen kommt, versuchen wir etwas über die Strecke vor uns zu erfahren. Das variiert aber von „es wird noch viel schlimmer“ bis „ab jetzt wird es besser“. Umkehren ist aber auch keine Lösung und wir ziehen sogar in Betracht eine Nacht im Niemandsland zu verbringen.

Als wir den tajikischen Grenzposten erreichen, sind wir alle fix und fertig und mehr als froh darüber, dass wir gerade Besuch von einem Freund aus Deutschland haben, der immer fleißig mitgeschaufelt hat. An der Grenze werden wir sehr freundlich willkommen geheißen und uns wird auch ein Tee angeboten, während wir den Papierkram erledigen.

Das war bis hier sicherlich der anstrengendste Tag der Reise, zwölf Stunden Fahrt für 18 Kilometer. Aber sowohl wir, als auch der LKW haben tapfer und ohne Beschädigung oder Blessur durchgehalten.

„Wir würden es jeder Zeit wieder machen“

Vier Monate später ist die Reise vorbei und wir sind mit Fahrzeug wieder in Deutschland. Wir sehen zwar noch so aus wie vor einem Jahr, haben uns aber trotzdem stark verändert. All die Erfahrungen und Eindrücke die wir gesammelt haben, Stresssituationen und Momente, in denen wir zu dritt einen Kompromiss finden mussten, haben uns geprägt, wie auch das Erleben unterschiedlicher Länder und Kulturen. Es war nicht immer einfach, aber wir sind uns alle einig, wir würden es jeder Zeit wieder machen!

Denen, die jetzt Fernweh bekommen haben sei noch gesagt, dass das Reisen im eigenen Fahrzeug sehr günstig ist, da man keine Kosten für Flüge, Hotel oder Campingplatz einrechnen muss. Uns hat das Reisen knapp 400 Euro im Monat pro Person gekostet. Das ist natürlich stark davon abhängig, welche Ansprüche man hat und wie viel man sich zwischendurch gönnt. Das Leben unterwegs kann also auch günstig sein.


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Moritz Exner hat Wirtschaftswissenschaften an der FH in Pforzheim studiert und sich nach erfolgreichem Abschluss mit seinen Freunden für ein Jahr auf Reisen begeben. Trotz seines größtenteils theoretischem Studium hat er Freude daran, Dinge, wie etwa das Wohnmobil, mit den Händen zu schaffen.

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