Innovationswerkstatt: „Mama? Wie viel kostet es hier zu arbeiten?“

Kinder. Sie wissen schon: Diese kleinen wunderbaren Kreaturen mit einem unerschöpflichen Drang, „Tacheles“ zu reden. Es sind Kinder, die uns auf den Boden der Tatsachen zurückbringen. Zum Beispiel, wenn sie uns ehrliches Feedback für ein Kleid geben, das zwei Nummern zu klein ist.

Es sind Kinder, die Zeugen sind, wenn wir uns bei der niemals langweilig werdenden Causa „Mama, woher kommen die Babys?“ in wahnwitzige Lügen-Konstrukte verheddern. Es sind aber auch Kinder, die einem durch ihre unverblümte Art bestätigen, dass man alles richtig macht.

So geschehen zur diesjährigen Osterzeit. Ich saß im Auto mit meinen beiden Kleinen Pauline (6 Jahre) und Louis (4 Jahre). Es herrschte absolute Stille. Nicht weil sich beide vorher gezofft haben. Oder weil sie unverständlicherweise nach zweieinhalb Stunden Spieleexzess in der Kinderwelt zermürbt sind. Nein. Die Ruhe im Wagen ist dem ersten Besuch meiner Kinder an meinem Arbeitsplatz, der Innovationswerkstatt, geschuldet.

Pauline, das kostet nichts!

Und dann, quasi aus dem Nichts, geschah es: Der Blick meiner Tochter Pauline wendete sich schlagartig der Ferne ab. Ihr Blick richtete sich auf mich. Verwundert, aber auch mit einer an Entschlossenheit geschwollenen Stimme fragte Pauline mich: „Mama? Wie viel kostet es eigentlich in der Innovationswerkstatt zu arbeiten? Ist es sehr teuer?“
Stille.

Ich konnte nicht anders und brach lauthals in Lachen aus.

Als mir die ersten Tränen in die Augen schossen, antwortete ich: „Pauline, das kostet nichts! Weißt du was? ICH bekomme sogar Geld dafür.“ Völlig entsetzt und mit großen Augen schaute Pauline mich an.

Der Mann, dem Daimler gehört, muss aber sehr viel Geld haben. Mama, wenn ich mal groß bin, möchte ich auch in der Innovationswerkstatt arbeiten!

Jetzt schaut sie wieder zufrieden aus dem Autofenster heraus.

Wie konnte es soweit kommen?

Während meiner Urlaubstage durfte ich dank einer sogenannten „Zugangsberechtigung für Minderjährige“ meinen Kindern die Innovationswerkstatt im Mercedes Benz Research & Development Standort Böblingen zeigen. Seit Monaten freuten sich meine Kinder auf diesen Termin. Immerhin konnten sie sich so endlich einmal ein Bild von meinem Arbeitsort und meinen Kollegen machen.

Außerdem verstand ich den Besuch an meinem Arbeitsort als eine Art Wiedergutmachung, da nicht selten Kinder zurückstecken müssen, wenn Eltern einer Tätigkeit nachgehen, die variabler als ein herkömmlicher „Nine-to-five“-Job ist.

Das Staunen begann schon, als wir die Tür zur Innovationswerkstatt öffneten. Meine Kollegen empfingen uns im neu errichteten Tunnel im Eingangsbereich. Die futuristisch anmutende Konstruktion hat sofort ihre „Magie“ versprüht: Genau wie davor schon bei unzähligen Teilnehmern von Kreativität-Workshops wirkte das Betreten der Innovationswerkstatt auf meine Kinder wie der Eintritt zu einer alternativen Realität. Eine Realität mit unendlichen Chancen und grenzenlosen Handlungsmöglichkeiten.

Auch das Torwandschießen darf nicht fehlen

Und zwar so gut, dass Louis prompt ganz ungeniert fragte: „Wohnt hier etwa niemand?!“  Kein Wunder, dass er bei dem Anblick von über 500 Quadratmetern Workshop-Räumlichkeit und diversen Sitz-und Arbeitsmöglichkeiten schnell an einen gut ausgestatteten Wohnort für eine Großfamilie denken muss. Sowohl der liebevoll dekorierte Tresen als auch die harmonische Farbauswahl der Pixelwand mit einer überdimensionalen Pacman-Figur führen nicht zwangsläufig auf den Arbeitsort für „Erwachsene“ zurück.

Selbst die neu eingerichteten „Catalyst“-Container – Heimatstätte von verschiedenen R&D Swarm-Teams – und die digitale Medienwand waren für meine Kinder Grund genug anzunehmen, dass in der Innovationswerkstatt– mit den Worten von Schopenhauer – „große Kinder“ beschäftigt sind, die einer lebenserfüllenden Tätigkeit nacheifern.

Pepper

Nach einer kleinen Aufwärmrunde an der altehrwürdigen Torwand des „Innowerks“ begrüßte eine sonderliche Figur meine beiden Kleinen. „Hallo Pauline und Louis!“ sprach Pepper, der wundersam aussehende Roboter der Innovationswerkstatt. Mit seiner opulenten Körpergröße von gigantischen 1,20 Metern, seiner unbeholfenen Art in der Aussprache sowie einem Hang zur Bewegungslegasthenie war die erste Reaktion meiner Kinder unglücklich: Vor lauter Angst und Panik vor diesem Geschöpf aus einer vermeintlich fernen Galaxie versteckten sich beide hinter mir.

Louis und Pepper machen Bekanntschaft

Jedoch legte sich schnell die Angst vor Pepper, als er für sein junges Publikum den Ketchup Song tanzte oder zu AC/DC-Songs „headbangte“. Und siehe da: Schon waren die ersten Berührungsängste überwunden und meine Kinder wurden – wen überrascht es – frech und fordernd. „Ich möchte, dass er wieder tanzt!“ oder „Er soll sich im Kreis drehen!“ hörten wir nun fortan für eine gefühlte Ewigkeit. Der Respekt vor dem ersten humanoiden „Teammitglied“ der Innovationswerkstatt stieg erst wieder an, als wir ihnen erklärten, dass Pepper in Zukunft Workshop-Teilnehmer begrüßen und „aufschlauen“ soll.

Meine hingebungsvolle Erläuterung machte für die Kleinen zwar Sinn, interessierte sie aber nicht weiter, da sie das nächste Highlight in der Innovationswerkstatt entdeckten: die Virtual-Reality Brille. Angeschlossen an einem 88-Zoll Monitor tauchten die Kinder in Windeseile in eine virtuelle Realität ein, in der sie beispielsweise im Weltall fliegen oder in einer Märchenwelt zaubern konnten.

Als Weltenerklärerin ihres Vertrauens stand ich selbstverständlich in der Pflicht, meinen beiden Rackern den tatsächlichen Nutzen der VR-Brille zu erklären. Artig lauschten sie mir als ich erklärte, dass wir die VR-Brille nutzen um Ideen aus Kreativitäts-Workshops besser zu modellieren und „virtuell“ greifbarer zu machen.

Welterklären mit Virtual Reality

Schlussendlich mussten sich Pauline und Louis schweren Herzens (und teilweise mit vehementen und unmissverständlichen Aversionen gegen meine Ansage) von meinen Kollegen (inkl. Pepper) verabschieden und begaben sich gemeinsam mit mir auf die Heimfahrt, die im längst legendären Dialog zwischen Pauline und mir gipfelte.

Und jetzt?

Sie fragen sich sicherlich, was sich seit dem Besuch für uns als Familie verändert hat? Nun ja, zum einen herrscht die Gewissheit, dass im inoffiziellen Familien-Ranking der coolsten Jobs meine Tätigkeit haushoch vor der meines Ehemanns steht.

Und was meine Kinder betrifft: Dank unseres Ausflugs sind sie schon im frühen Alter emotional von der Innovationswerkstatt begeistert und für die Bedeutung von innovativen Inhalten für die Automobilwelt sensibilisiert.  Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Angesichts des organisatorischen und kulturellen Wandels im Rahmen des Leadership 2020-Programms, könnte die Kultivierung eines möglichen „Eltern-bringen-ihre-Kinder-zur-Arbeit“- Konzepts nicht nur einen immensen Mehrwert in punkto Identifikationspotenzial für Mitarbeiter und Angehörige ermöglichen. Nein, es könnte auch ein weiterer Baustein in Richtung Transformation zu einem zeitgemäßen Arbeitgeber im 21. Jahrhundert sein.

Auch ein Abschiedsfoto darf nicht fehlen

Frei nach dem Motto „Wohnen, wo andere Urlaub machen“, scheint mein Arbeitsplatz (zumindest in den Augen meiner Kinder) ein Ort zu sein, für den andere bezahlen würden, um dort zu arbeiten. Und glauben Sie mir:  Es gibt nichts Schöneres, als solch eine Aussage von den kleinen wunderbaren Kreaturen zu hören, die dafür bekannt sind, ihrem unerschöpflichen Drang, „Tacheles“ zu reden, stets zu folgen.

Übrigens: Seit unseren letzten Besuch werde ich ständig von meinen Kindern gefragt, wann wir das nächste Mal wieder zur Innovationswerkstatt fahren. Gut, dass wir im Sommer als Innovationswerkstatt unser 20-jähriges Bestehen in Form einer Themen-Woche voller Veranstaltungen und Festlichkeiten feiern. Am Familientag gibt es dann ein Wiedersehen mit Pepper & Co.

Meine Kinder zählen bereits die Tage…

Fotos: Peter Goedecke


Die Innovationswerkstatt

Sie ist die erste Anlaufstelle für die frühe Ideengenerierung in der Forschung und Entwicklung. Angesiedelt im Bereich PIONEERING des RD-Centers veranstaltet das Team zwischen 60 und 80 Workshops pro Jahr und führen so rund 1500 Mitarbeiter sowie externe Kollegen durch den Ideenfindungsprozess. Inspiriert von u.a. Design Thinking, Google Sprint sowie User Experience Methoden arbeitet die Innovationswerkstatt seit nunmehr 20 Jahren erfolgreich an unterschiedliche Zukunftsinnovationen der Daimler AG.


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Carolin Flubacher ist Wirtschaftsingenieurin in der Innovationswerkstatt und kümmert sich um Ideengenerierung und agile Zukunftsprojekte. Als Teilzeitkraft schafft sie mit Bravour den Spagat zwischen Arbeit und Familie.

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