Inkubator-Truck: Ideenschmiede auf vier Rädern

Ich fahre zum Stuttgarter Flughafen. Allerdings nicht, um in den Urlaub zu fliegen. Es geht vorbei an der Einfahrt zum Terminal und entlang der Start- und Landebahn zu einem ehemaligen Hangar der US-Airforce. Von außen wirkt die ehemalige Flugzeughalle eher unscheinbar, aber was mich hinter der massiven Stahltür erwartet ist dafür umso eindrucksvoller.

Anstelle von Kleinpropellermaschinen oder Kampfflugzeugen steht dort ein mattschwarzer Mercedes-Benz Actros mit der Aufschrift Lab 1886. Das Fahrerhaus ist allerdings auch das einzige, was an einen Lkw erinnert. Neben dem Fahrerhaus liegt ein blau-gelber Teppich, auf dem im Halbkreis verschiedene Ledersessel positioniert sind.

Dort wo sich normalerweise der Auflieger befindet, ragt ein überdimensionaler gläserner Würfel über die Achse. Der Rest der Halle hat ebenfalls nur wenig mit einer Garage zur Wartung von Flugzeugen zu tun. Die kahlen Metallwände sind mit weißen Gardinen abgehängt und in der Mitte des Raums ist ein großes, bühnenartiges Podest aufgebaut. Ich fühle mich wie in einer hippen Event-Location, in die sich der Actros mit seinem Glaswürfelaufbau wie selbstverständlich einfügt.

Doch was macht dieser Truck eigentlich genau? Er dient als Location für Events von Lab1886 und ist mobiler Inkubator, Showroom und Arbeitsfläche zugleich. So können Ideen direkt vor Ort eingebracht werden. Im Rahmen einer Roadshow besucht er gerade elf  Daimler-Standorte in ganz Deutschland. Dort informieren Mitarbeiter von Lab1886 und CASE über die Zukunft der Mobilität.

Hereinspaziert!

Ich öffne die Glastür an der Seite des Trucks und gehe hinein. Dort fällt mir als erstes ein riesiger, massiver Holztisch auf, um den mehrere Hocker drapiert sind. Auch eine Stellwand und Bildschirm erkenne ich direkt. Ahh, ich verstehe: hier soll gearbeitet werden – ein Office-Space zum Ausklappen also.

Über ein Display, lassen sich Beleuchtung, Rollläden und Stromversorgung steuern. Der Truck verfügt über ein eigenes Internetsystem und bekommt Strom durch einen Generator. In so einem modernen Arbeitsumfeld, kommt man sicherlich auf besonders innovative Ideen! Da macht es Sinn, dass der Truck dem Lab1886 gehört – der Innovationsmaschinerie der Daimler AG.

Lab1886 hat sich zur Aufgabe gemacht, den Konzern beim Wandel vom reinen Automobilhersteller zum Mobilitätsdienstleister zu unterstützen. Immer auf der Suche nach visionären Ideen und revolutionären Konzepten bezeichnen sie sich deshalb als Inkubator (zu Deutsch: Brutkasten). Als Innovationsschmiede schafft Lab1886 die ideale Plattform um außergewöhnliche Ideen schnell, unkonventionell, und mit der bestmöglichen Expertise sowie den notwendigen Ressourcen voranzubringen.

Genau diese Ideen schlummern unter den vielen Mitarbeitern, die weltweit bei Daimler arbeiten und oft braucht es nur die notwendige Infrastruktur und Rahmenbedingungen, um daraus in nur wenigen Monaten ein Produkt oder ein Geschäftsmodell zu machen. Lab1886 unterstützt dabei mit qualifiziertem Personal aus der Start-up-Szene und einer kreativer Arbeitsatmosphäre mit flachen Hierarchien.

Das Zauberwort dabei lautet Schwarmintelligenz. Ideen einzelner Mitarbeiter, von Teams und Business Units sollen mit Höchstgeschwindigkeit auf den Weg gebracht werden. Und das an vier Standorten auf drei Kontinenten: Stuttgart und Berlin in Deutschland, Peking in China und Atlanta in den USA. Die Arbeitsbedingungen sind wie in einem Start-Up und ermöglichen deshalb kreative Freiräume.

Und genau diese Eigenschaften lassen sich auch im umgebauten Actros wiederfinden. Das Innenleben des Glaswürfels ist durch ein multifunktionales Tischsystem individuell anpassbar – je nach Bedarf. Neben einer großen Arbeitsfläche ist auch eine Werkbank möglich oder zwei voneinander getrennte Arbeitsgruppenbereiche. Bei Veranstaltungen stellt der Lkw so eine eigene Location dar, in der die Themen des Lab 1886 schnell transportiert werden können.

Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Das gläserne Büro lässt sich nämlich einfalten und verschwindet in nur 3,5 Stunden komplett hinter den matt-schwarzen Fassade des Lkw. Das Prinzip nennt sich „double-fold-out“ und gleicht dem einer Pommesbude: Der Boden wird auf beiden Seiten hoch- und dann der Deckel zugeklappt. So werden aus 80 Quadratmeter Grundfläche und 8,5 Meter Breite ein von außen ganz normaler Mercedes-Benz Actros 1848 mit einer regulären Straßenbreite von 2,5 Metern.

Wie kommt man auf eine so geniale Idee?

Dass ein so agiler Ansatz, wie der von Lab1886, nicht statisch ausgeführt werden sollte, leuchtet mir ein. Oft stecken wir so sehr im Tagesgeschäft fest, dass für kreative Gedanken und innovative Ideen wenig Zeit ist. Und wenn man dann doch einen Geistesblitz hat, dann wird dieser ziemlich schnell wieder verworfen, da es an Erfahrung und Kontakten fehlt, um die Idee umzusetzen.

Oder es scheitert an Vorstellungskraft, dass aus der eigenen Idee vielleicht ein Mehrwert für den gesamten Geschäftsbereich werden kann. Genau hier kommt das Team des Lab1886 und ihr „Shuttle“ (so wird der innovative Lkw intern genannt) ins Spiel. Er ist das beste Beispiel dafür, dass aus einem spontanen Geistesblitz, eine eigene Geschäftsidee werden kann.

Die Idee hatte damals Jan Rottkamp, zuständig für Lead Spaces & Technology bei Lab1886. Während einer Werksführung bei der Firma Schuler Fahrzeugbau hat er den jetzigen Truck gesehen, allerdings noch komplett im Rohbau. Er sollte damals ein Lounge-Truck für Schuler selbst werden. „Ich war total begeistert und mir kam direkt der Gedanke, dass so ein Truck auch für das Lab1886 einen Mehrwert bringen würde“, erzählt mir Jan Rottkamp, der also sofort nachfragte und nach kurzer Zeit den Umbau eines Actros 1848 hin zum Lab1886-Shuttle beauftragte.

„Seit September letzten Jahres fungiert der Truck als „Mobiles Lab“ und wird für die Pre-Inkubations- und Validations-Phase genutzt“, erklärt mir Jan Rottkamp weiter. Das hört sich auf jeden Fall Start-Up-like an, sagt mir aber gar nichts, weshalb ich nochmal genauer nachhake. In diesen beiden Phasen werden Ideen von Mitarbeitern präsentiert und in Bezug auf ihre Innovationskraft bewertet. Das alles passiert nun dank des Trucks unabhängig von einem bestimmten Standort – eben überall dort, wo immer dieser einen Parkplatz findet.

Volle Fahrt voraus!

So richtig in Worte zu fassen ist der Anblick dieses Kolosses einfach nicht. Zum Glück steht der Truck nicht ständig im Hangar beim Flughafen, sondern ist natürlich auch im Einsatz, wo man ihn in voller Pracht bestaunen und seinen innovativen Ideen freien Lauf lassen kann. Momentan wird er für die CASE Roadshow genutzt, die am 9. April im Werk Düsseldorf gestartet ist und am 3. Juli ihren finalen Stopp in Neu-Ulm bei EvoBus hat. Zwischendurch hält der Truck noch an den Daimler Standorten in Bremen, Berlin, Kamenz, Mannheim, Wörth, Rastatt, Affalterbach, Sindelfingen und Untertürkheim.

Und es kommt noch besser: Von der Arbeitsfläche führt eine kleine Holztreppe Richtung Fahrerhaus. Hier gibt es neben einer Küche auch noch einen Aufstieg zu einer Dachterrasse – ja, wirklich! Oben auf dem Truck fühle ich mich wie die Nationalmannschaft 2014 nach dem Sieg der Fußballweltmeisterschaft. Bei Veranstaltungen soll die Terrasse zum Austausch dienen. Für eine entspannte Atmosphäre sorgen dabei Sitzsäcke und Sonnensegel.

Ich muss sagen: ich bin überzeugt. Während ich um den großen Holztisch laufe, die Terrasse bestaune und in einem der Ledersessel sitze, spüre ich, dass in diesen ungewöhnlichen 4 Wänden Innovationsgeist steckt. Der Lab1886 Truck selbst ist das beste Beispiel dafür, dass aus einem spontanen Einfall ein erfolgreiches Projekt werden kann.

Sicherlich wird nicht aus jeder Idee ein bahnbrechender Erfolg, aber jede Idee hat es verdient, laut gedacht und gehört zu werden. Und dafür bietet der gigantische, matt-schwarze Actros mit Glaswürfel die perfekte Umgebung.


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Sie hat Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster studiert und macht nun den Master Kommunikationsmanagement an der Universität Hohenheim. Praxiserfahrung sammelt sie nebenbei bei der Produktkommunikation von Mercedes-Benz Trucks in Untertürkheim, wo sie während ihres Studiums als Werkstudentin tätig ist.

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