Eisiges Erlebnis: Als Curling-Schiedsrichter in PyeongChang

Buntes Feuerwerk erleuchtet den Himmel, ausgelassene Stimmung, jubelndes Publikum und zahlreiche Friedensgesten – genau so habe ich mir die Eröffnung der Winterspiele in Südkorea vorgestellt. Die Annäherung zwischen Süd- und Nordkorea. Was für ein Spektakel, was für eine Stimmung. Eine Ehre, als Curling-Schiedsrichter dabei sein zu dürfen.

Gefühlt jeder Bus, der in Korea verfügbar ist, war am Tag der Eröffnungsfeier in PyeongChang unterwegs: Eine Karavane aus Bussen, mit denen tausende von Menschen zum Stadion fuhren, um unter anderem zu sehen, wie Nord- und Südkorea zusammen einlaufen.

Mein persönliches Highlight: Unvergessliche Gänsehautstimmung beim gemeinsamen Einmarsch von Nord- und Südkorea.

„Friedensspiele“

Neben der spektakulären Eröffnungsfeier war mein Highlight außerhalb der Curlinghalle das Damen-Eishockeyspiel Korea gegen Japan. Nord- und Südkorea haben zum ersten Mal seit 1948 eine gemeinsame Mannschaft gestellt. Die Menschen im Publikum winkten mit vereinten Korea-Flaggen und Nord- und Südkoreaner lagen sich in den Armen. In solchen Momenten kann ich nicht erkennen, dass Nord- und Südkorea noch immer offiziell im Krieg miteinander sind.

Neben der verbindenden Kraft durch den Sport sind die Spiele auch eine Entertainment-Show, für die Fernsehsender und Gastgeber-Länder viel Geld bezahlen. In PyeongChang dabei sein zu dürfen und die unbeschreibliche Atmosphäre mitzuerleben, war für mich ein besonderes Erlebnis.

Es ist nie zu kalt, um ein Erinnerungsfoto zu schießen: Hier zusammen mit den US-Schiedsrichterkollegen im Curling, Randy (M.) und Susie Czarnetzki (l.)

Im Einsatz als Curling-Schiedsrichter

Aber ich war ja auch zum Arbeiten da. Und das kam wirklich nicht zu kurz. Um 7 Uhr morgens bin ich gemeinsam mit den anderen Curling-Schiedsrichtern zum Stadion gefahren. Jeder von uns hatte pro Tag ein bis zwei Spiele. Ich war in Summe an 14 von 16 Tagen als Schiedsrichter im Einsatz und manchmal bis 0.30 Uhr in der Halle.

Zwei Sekunden olympischer Ruhm – kurze Präsentation der Schiedsrichter vor jeder Spielrunde.

Jedes Mal, wenn wir zu unserer Curling-Halle fuhren, mussten alle neun Schiedsrichter durch eine Sicherheitskontrolle. Das Areal ist komplett eingezäunt. Alle stiegen aus den Transporter aus. Und immer dasselbe Prozedere: Motorhaube auf, Kontrolle im Kofferraum und unter dem Auto und wir selbst gingen durch die Sicherheitsschleuse. Das gehörte jeden Morgen dazu, gab aber auch ein Gefühl der Sicherheit.

Die Tage und Abläufe waren sehr strikt durchgeplant. Das merkte ich gleich am Abend vor dem ersten offiziellen Turniertag. Generalprobe war angesagt. Das hatte es zuvor noch bei keinem anderen Turnier gegeben. Freiwillige haben gespielt und versucht, ihre Curlingsteine näher an den Mittelpunkt des Zielkreises auf der Eisbahn zu spielen als die gegnerische Mannschaft. Wir Schiedsrichter haben die Spiele begleitet und die Fernsehsender übten ihren Produktionsablauf – inklusive der Trailer auf der Anzeigetafel, Lasershow-Kommentare und Kamerapositionen.

Spektakuläre Lasershow vor jeder Spielrunde.

Winterspiel geprägt von Premieren

Ich war zum ersten Mal bei Winterspielen dabei. Aber nicht nur ich erlebte eine Premiere: Auch die Curling-Disziplin „Mixed Doubles“, eine dynamischere Form des Curlings, war zum ersten Mal dabei. Und nicht zu vergessen, der erste Dopingfall im Curling, durch den eine Mannschaft nachträglich aus dem Heimatland zurückfliegen durfte, um vor Ort die Medaille überreicht zu bekommen.

Insgesamt war die Resonanz beim Curling total positiv. Ich habe das Gefühl, dass die Sportart durch PyeongChang nochmals bekannter wurde. Unser Curling-Turnier startete bereits einen Tag vor dem offiziellen Beginn der Spiele und lief bis zum Tag der Schlussfeier. Und mit drei Spielrunden pro Tag gab es für das Publikum in der Halle und vor dem Fernseher immer etwas zu sehen. Bei Olympia werden alle vier Spiele pro Runde live übertragen, bei einer WM sind es nie mehr als ein bis zwei. Und teilweise haben die Spieler sogar während der Halbzeit Interviews über die Bande gegeben.

Einsatz während des ersten Goldmedaillenspiels im Mixed Doubles CAN vs. SUI.

Internationale Stars und hohe Einschaltquoten

Besonders in Erinnerung bleiben wird mir das Halbfinalspiel der Damen Korea gegen Japan. Die koreanischen Curlerinnen starteten als Außenseiter ins Turnier und wurden mit 8:1 Siegen und Platz 1 nach der Round Robin (Jeder-gegen-Jede-Runde) über Nacht national und international zu Stars.

Die Gegnerinnen aus Japan sind in ihrer Heimat bereits seit langem echte Stars und es gibt sogar Mangas – der japanische Begriff für Comics – von ihnen. Dementsprechend waren noch viel mehr TV-Kameras als sonst aufgestellt und mehr als 40 Fotografen standen hinter und neben der Bahn. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass die Einschaltquote in Südkorea (ca. 50 Millionen Einwohner) bei 43 Prozent lag!

Riesiges Medieninteresse beim Halbfinale der Damen.

Unterstützung aus Deutschland

Meine Familie und Freunde haben von zu Hause aus fleißig zugeschaut und vor allem Ausschau nach mir gehalten. Und obwohl die Winterspiele für unsere Zeitzone nicht arbeitnehmer-freundlich waren, haben meine Kolleginnen und Kollegen von Daimler die Winterspiele auch in ihrer WhatsApp-Gruppe begleitet. Da wurden dann gerne mal Bilder von meinem grimmig-konzentrierten Gesicht eingestellt – wirklich nett, die jetzt nach meiner Rückkehr anzuschauen.

Einige Sportlerinnen und Sportler fallen nach der spannenden und vollgepackten olympischen Zeit zurück im Alltag in eine kleine post-olympische Depression. Ich habe mich nach den drei Wochen einfach gefreut, meine Familie wieder zu sehen.

Es war eine große Ehre für mich von der World Curling Federation für PyeongChang 2018 nominiert worden zu sein. Und falls ich wieder die Chance erhalten sollte: Zu Peking 2022 würde ich nicht nein sagen.


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Dieser Artikel wurde von Tim Bastian geschrieben. Wenn er nicht auf dem Eis steht, arbeitet er im NPS-Projekt (New Procurement System) als Vertreter des Truck-Einkaufs (TPG).

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