Werden Neuroroboter die besseren Menschen?

Es genügte, die Grundregeln einzuprogrammieren: Das Programm AlphaGo spielte solange Schach bzw. Go gegen sich selbst, bis es in der Lage war, alle menschlichen und elektronischen Gegner souverän aus dem Feld zu schlagen. „Solange“ heißt: Nach 12 Stunden war das selbstlernende Programm in beiden Brettspielen unbesiegbar.

Dass KI, also Künstliche Intelligenz, die Weltherrschaft übernimmt, davor müssen wir uns in absehbarer Zeit allerdings nicht fürchten. Sagt zumindest Dr. Florian Röhrbein vom Lehrstuhl für Echtzeitsysteme und Robotik der Technischen Universität München, der zuletzt darüber den Vortrag „Neuroroboter – Über künstliche Dummheit und natürliche Intelligenz“ im Mercedes-Benz-Museum gehalten hat.

Dialog im Museum

„Drehen wir nur ein wenig an der Aufgabenstellung: Statt Schach zu spielen, soll das Programm nun Tiere in Bildern erkennen. Es scheitert kläglich und bleibt unseren auf Mustererkennung spezialisierten Gehirnen hoffnungslos unterlegen.“

310 Besucher kamen am 22. Februar ins Museum, um seinen Vortrag zu hören. Der fand im Rahmen der von der Daimler und Benz Stiftung, der Daimler AG sowie dem Mercedes-Benz Museum gemeinsam veranstalteten Reihe „Dialog im Museum“ statt.

Röhrbein ist nicht nur promovierter Informatiker, sondern studierte auch Psychologie und Philosophie und analysiert neben den technischen insbesondere auch die ethischen Auswirkungen der KI-Revolution auf unsere Gesellschaft. Begrüßt wurde er von Prof. Dr. Marianne Reeb, Leiterin Future, Trends and Mobility der Daimler AG.

Aus Röhrbeins Sicht ist es ein Denkfehler, den Begriff der Intelligenz nur auf das Gehirn zu reduzieren: „Ein Gehirn für sich genommen, ist nicht intelligent – es geht immer zugleich auch um Verhalten und Wirksamkeit, um den Körper, um die Interaktion mit der Umwelt.“

Hier stoßen heutige Programme rasch an ihre Grenzen. Zwar könnten sie gigantische Datenmengen in kurzer Zeit analysieren, aber selbst einfache motorische Abläufe zu steuern oder Strukturen zu erkennen, sei ihnen oft unmöglich.

Biologische Systeme aus Nerven und Synapsen sind so ausgelegt, dass sie selbst eine Verletzung und teilweise Beschädigung ausgeglichen können. „Bei einem herkömmlichen Computer ist hingegen so, dass, wenn nur ein Kabel durchtrennt wird, das ganze System irreparabel geschädigt sein kann.“

Vielversprechend sei deshalb der neuartige Forschungsansatz, Computer nach dem Modell lebender Organismen zu entwerfen. „Das heißt, wir analysieren die Interaktion und Organisation von Nervenzellen etwa bei Schnecken, Fröschen oder Mäusen und versuchen, die dabei gewonnenen Erkenntnisse auf die Algorithmen eines Computernetzwerks zu übertragen.“

Neuroroboter nach dem Vorbild Natur

Die Einrichtung des „Human Brain Projects“ durch die Europäische Union, an dem sich über 100 Forschungseinrichtungen beteiligen und das mit rund 1,2 Milliarden Euro über zehn Jahre hinweg gefördert wird, hält Röhrbein für einen großen Sprung:

„Mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt, wo wir im Computer neuronale Netze in der Größe eines Mäusegehirns simulieren können. Das ist ein gewaltiger Fortschritt, denn damit sind nur noch um etwa den Faktor 1000 vom menschlichen Gehirn entfernt. Das heißt, auch diese Größenordnung ist für uns jetzt in Reichweite.“

Neuroroboter nach dem Vorbild der Natur würden sich in Zukunft ganz wesentlich von ihren heutigen Silizium-Verwandten unterscheiden. Bei ihnen stehe nicht länger die blindwütige Durchforstung reiner Datenmengen im Vordergrund.

Stattdessen sollen sie in der Lage sein, Situationen zu analysieren, aus ihnen zu lernen und motorisch hochgradig autonom mit ihrer Umwelt zu interagieren. Sollte so etwas wie „Maschinenbewusstsein“ entstehen, so die Einschätzung einiger Computerwissenschaftler, wäre dies wahrscheinlich bei solchen biomorphen und bioinspirierten Robotern der Fall.

In der anschließenden Diskussion äußerten sich einige Besucher dann aber doch besorgt über die rasante Entwicklung der aktuellen Computertechnologie. Sei es im militärischen Bereich oder durch die Verdrängung vieler Menschen aus ihren angestammten Arbeitsplätzen. Röhrbein: „Eine Prognose ist in der Tat schwierig. Aber zumindest was den Arbeitsmarkt angeht, möchte ich nicht schwarz malen, sondern habe die begründete Hoffnung, dass hier auch viele neue Jobs entstehen.

Ansonsten denke ich, dass wir uns ein wenig vor den falschen Technologien fürchten. Vor allem die KI, die in den smarten Geräten steckt – die wir immer bei uns in der Hosentasche haben, die weiß, wo wir uns aufhalten, mit wem wir sprechen, was wir kaufen und für was wir uns interessieren. Die sollten wir kritisch auf dem Radar behalten.“


Den gesamten Vortag gibt es hier nochmal zum Nachhören als Audio-Video-Podcast:

 


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Johannes Schnurr ist zuständig für die Kommunikationsarbeit der Daimler und Benz Stiftung.

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