Lewis Hamilton: „Ich strebe nach dem Unmöglichen“

Am 25. März beginnt die neue Formel-1-Saison 2018/2019 in Melbourne. Weltmeister und Mercedes-Pilot Lewis Hamilton spricht im Interview mit dem Daimler Blog über das neue Auto F1 W09 EQ Power+, warum er seit er 13 ist für Mercedes fährt und seine Motivation, auch nach vier Titeln jede Saison wieder Alles zu geben.

Das letzte Mal haben wir uns kurz vor Weihnachten gesehen. Damals hast Du erzählt, dass Du während der Weihnachtspause in die Serie ‚Game of Thrones‘ einsteigen willst. Hast Du ein paar Folgen angeschaut?

Lewis Hamilton: Ja, habe ich, aber die Serie hat ja acht Staffeln, soweit ich weiß. Ich habe versucht, die Folgen der ersten Staffel zu schauen. Ich bin also ein paar Jahre hinterher, aber die Serie ist schwer beeindruckend.

Was hast Du sonst noch gemacht während der Weihnachtspause?

Ich habe die Feiertage mit meiner Familie, den Kindern, meiner Schwester und meiner Mutter verbracht. Außerdem war ich zum Snowboarden in Colorado, danach in L.A. und dann in Japan zum Snowboarden mit Monster.

Danach bin ich zurück nach Europa, habe eine Woche lang zuhause trainiert, bevor ich zurück nach L.A. bin und dann nach Hawaii zum Surfen mit Kelly Slater.

Welche Insel?

O’ahu, für mich einer der schönsten Orte der Welt.

Kurz vor Jahresende hast Du alle Bilder auf Deinem Instagram-Account gelöscht und bist mit einer Nachricht neu gestartet: Wir sollten Dir folgen und unsere wildesten Träume übertreffen. Was genau ist Dein wildester Traum?

Wir wollten einen Neustart machen und uns ganz neu aufstellen, weil meine ungefähr 3.000 Bilder inzwischen unüberschaubar geworden waren. Für mich hat also das neue Jahr mit einem guten Start begonnen.

Im Prinzip geht es darum, das Beste aus dem Leben zu machen und positiv zu sein. Man hat nur das eine Leben und muss es nach den eigenen Möglichkeiten leben. Ich kann nicht das Leben eines anderen Menschen leben und kann deshalb auch keine Ratschläge dazu geben.

Man sollte sich deshalb ganz auf sich selbst konzentrieren und versuchen, das Optimum zu erreichen. Dem Geist sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Ich lerne ständig Leute kennen, die gegen viele Widerstände die erstaunlichsten Dinge erreicht haben. Wir haben hier einen Jungen (Billy Monger), der vor einem Jahr seine Beine verloren hat und jetzt in der Formel 3 mitfährt. Er macht etwas, was sonst keiner macht.

Der Geist ist unheimlich stark. Ich werde dieses Jahr wieder Alles geben, mit ganzem Herzen und all meiner geistigen Kraft. Es geht darum, sich stets weiter zu entwickeln und auch in diesem Jahr das Beste zu geben.

Mit Deinem vierten Weltmeister-Titel vergangenes Jahr wurdest Du zum erfolgreichsten Formel-1-Fahrer für Mercedes. Was ist das Erfolgs-Rezept dieser Kombination zwischen Lewis Hamilton und Mercedes?

Mercedes hat mich unter Vertrag genommen, als ich 13 Jahre war. Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind schon davon träumte, eines Tages in einem Mercedes zu sitzen. Dann wurde ich in die Familie aufgenommen.

Wir haben zusammen viele Siege in der Formel 3 eingefahren. Für alle meine Erfolge in der Formel 1 und jede einzelne Runde war Mercedes mein Antrieb.

Großer Preis von Mexiko 2017. Lewis Hamilton & Valtteri Bottas

Und ich bin wirklich stolz auf all die Menschen bei Mercedes in Stuttgart und auf der ganzen Welt. Denn egal, in welches Land ich komme, es steht auf jeder Straße irgendwo ein Mercedes.

Die Marke ist eine Ikone des Automobilbaus und blickt auf so viele Erfolge zurück, nicht nur im Rennsport, sondern auch als Marktführer. Ich bin stolz auf die Mühe, die man dort in Alles steckt, und auch auf die Unterstützung, die ich von dort bekomme.

Ich hoffe, dass ich auch weiterhin zu diesem Stolz und zur Tradition der Marke beitragen und für Mercedes weitere Siege einfahren kann.

Letztes Mal musstest Du Deinen Titel zurückholen, jetzt musst Du ihn verteidigen. Was ist Deiner Meinung nach der schwierigere Job?

Ich habe nie das Gefühl, etwas zu verteidigen. Das wäre für mich ein negativer Ansatz.

Wieso?

In Wirklichkeit ist es so: Derzeit bin ich die Nummer Eins, also versuche ich, es nochmal zu werden.

Aber in meinem Kopf ist dies ein neues Jahr, und ich bin nicht die Nummer Eins. Aber ich will es sein, wenn das Jahr zu Ende geht.

Ich denke gar nicht daran, dass ich die Nummer Eins bin und mir deshalb alle auf den Fersen sind. Es ist eher so, dass ich dieses Jahr so hart arbeiten muss, weil meine Konkurrenten, die neuen, jungen Fahrer, nur darauf warten, dass ich mal einen Ausrutscher mache.

Deshalb muss ich meine Anstrengungen wieder verdoppeln, um die Nummer Eins zu bleiben.

Fühlst Du Dich unter Druck?

Nein. Grundsätzlich komme ich mit starkem Druck sehr gut zurecht. Da fühle ich mich wahrscheinlich am wohlsten. Ich weiß nicht warum, aber unter Druck funktioniere ich am besten.

Wenn du einen Muskel lange genug mit einem Gewicht trainierst, gewöhnst du dich irgendwann daran. Genauso ist das mit dem Druck. Als Kind konnte ich damit viel weniger gut umgehen als heute, aber Übung macht auch da den Meister.

Lass uns jetzt über Dein neues Auto sprechen. Was waren Deine ersten Gedanken, als Du drin saßt?

Das Cockpit ist identisch mit dem vom letzten Jahr. Es gibt ein paar Unterschiede im Detail, aber es fühlt sich ganz genauso an. Bis auf den Cockpitschutz ‚Halo‘, der die Sicht etwas einschränkt.

Aber es fühlt sich toll an. Ich bin den Wagen heute gefahren, und er fährt sich fast genauso wie der vom letzten Jahr, das ist gut. Aber es gibt einige Verbesserungen, ich muss den Wagen also austesten, um diese wirklich kennenzulernen.

Was ist Deiner Meinung nach die aufregendste Innovation an diesem Auto, vom Cockpitschutz ‚Halo‘ mal ganz abgesehen?

Naja, der ‚Halo‘ ist keine wirklich aufregende Innovation (lacht). Was mich aber fasziniert, ist das Getriebe, und wie das Getriebe mit dem Motor zu einer Einheit verschmolzen wurde. Das ganze Auto ist faszinierend.

Wenn die Motor- und Heckverkleidung abgenommen sind, und du siehst, wie genial das Packaging der Aggregate umgesetzt ist. Die Kühler sind eine Neukonstruktion, die Ingenieure haben kein Teil unberührt gelassen.

Und wie denen jedes Jahr wieder etwas Neues einfällt, das ist beeindruckend. Eine unglaubliche Ingenieursleistung. Mein Hirn tickt da ganz anders. Aber die Ingenieure können nicht, was ich kann. Wir sind alle Spezialisten in unseren jeweiligen Disziplinen.

Der dreibeinige Kopfschutzbügel ‚Halo‘ ist aus Titan und soll die Formel-1-Fahrer vor umherfliegenden Teilen schützen

Wenn ich mir das Cockpit anschaue, dann ist das übersät mit Knöpfen. Hast Du schon mal den falschen erwischt?

Aber sicher! Da gibt es zum Beispiel einige Schalter mit Standardeinstellungen. Die zwei Drehschalter haben je eine Standardeinstellung. Im Rennen bekomme ich die Anweisung, eine Standardeinstellung für den Antrieb zu fahren, aber nicht eine Standardeinstellung für den Motor.

So kommt es zum Beispiel vor, dass ich Antriebseinstellung 62 fahren soll und dann aber auf Motoreinstellung 62 schalte. Die Ingenieure sagen mir dann, dass ich die Einstellung rückgängig machen und die andere verändern soll.

Sowas passiert schon mal im Rennen, weil man so fokussiert ist und man manchmal etwas nicht richtig versteht oder die Übertragung unvollständig ist. In solchen Fällen musst du sehr schnell handeln.

Präsentation F1 W09 EQ Power+, Silverstone

Lass uns nochmal auf den ‚Halo‘ zurückkommen. Valtteri Bottas behauptet, ihn fast gar nicht mehr wahrzunehmen. Wie ist das bei Dir?

Ich nehme den sehr deutlich wahr. Den oberen Teil sieht man nicht wirklich, aber der Steg vorn in der Mitte stört erheblich. Das gefällt mir gar nicht. Alles andere ist OK.

Beim letzten Interview hast Du erzählt, dass Du gern im Design-Team wärst, wenn Du nicht Rennfahrer geworden wärst. Als Designer hättest Du wahrscheinlich keinen ‚Halo‘ entwickelt, oder?

Wie schon gesagt, mein Hirn tickt anders als das der Ingenieure. Aber der ‚Halo‘ ist ein Teil der Evolution der Fahrzeugsicherheit. Schlussendlich ist es ja die Gefahr, die Rennfahren so faszinierend macht.

Das Faszinierende an der Formel 1 ist eben auch, dass sie gefährlich ist. Was natürlich nicht heißen soll, dass irgendjemand darauf aus ist, sich weh zu tun.

Aber der Angstfaktor ist ja das, was Leute dazu bewegt, in eine Achterbahn zu steigen. Da hat man richtig Bammel, und genauso ist das im Formel-1-Sport.

Natürlich wollen wir Unfälle unbedingt vermeiden und daraus ist eben der ‚Halo‘ entstanden, wie wir ihn jetzt hier sehen.

Hast Du in einem Rennwagen jemals Angst gehabt?

Nein. Ich glaube, ich bin ohne ein Gen für Angst beim Rennsport zur Welt gekommen. Aber wenn Du mir eine Spinne auf die Brust setzt, fange ich an, zu schreien (lacht).

Du hast echt Angst vor Spinnen?

Vor Spinnen und Schlangen.

Nach all Deinen Erfolgen, was kann Dich noch motivieren?

Jeder Jahreswechsel wirkt wie eine Reset-Taste. Deshalb bin ich dieses Jahr motiviert, herauszufinden, ob ich noch so gut fahre wie letztes Jahr. Kann ich immer noch auf gleichmäßig hohem Niveau die Leistung vom letzten Jahr halten, und hier und da noch ein Schippchen drauflegen?

Großer Preis von Mexiko 2017

Über das ganze Jahr gesehen ist man nicht immer in Topform. Perfektion kann man gar nicht erreichen, aber das Streben danach darf nie nachlassen. Ich bin immer auf der Suche nach Perfektion.

Es ist egal, dass ich sie nicht finde, denn das ist eh unmöglich. Aber ich mag einfach die Idee, zu versuchen, das Unmögliche zu erreichen.

Welchen Rat würdest Du einem Nachwuchstalent geben? Was braucht es, um ein wirklich guter Rennfahrer zu werden?

Es geht um viel mehr als nur um das Fahren. Du musst dich mit deinen Gefühlen auseinandersetzen. Du brauchst deine Qualifikationen. Außerdem brauchst du einen Plan B. Plan B ist, eine Ausbildung fortzusetzen.

Ich arbeite mit Studierenden der Universitäten Oxford, Cambridge und Harvard, und diese jungen Leute haben richtig was auf dem Kasten. Wenn ich denen nicht klar und deutlich meine Gefühle rüberbringe, habe ich verloren.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Verständnis deiner Fertigkeiten und deiner Werkzeuge. Diese musst du immer wieder verinnerlichen und analytisch betrachten.

Ich höre oft junge Rennfahrer sagen: „OK, das werde ich mir merken.“ Das kann man sich aber nicht merken, das musst du aufschreiben, um dich daran zu erinnern.

Ich würde folgenden Rat geben: Hört nicht auf irgendwelche Berater. Hört auf eure Eltern. Ich weiß, man glaubt immer, dass die Eltern keine Ahnung von dem haben, was einen bewegt. Aber sie haben eben sehr viel Lebenserfahrung und wollen für dich immer nur das Beste.

Sei also geduldig. Und lass dir von niemandem einreden, dass du etwas nicht kannst. Wenn du dir etwas vorgenommen hast und hart daran arbeitest, dann kannst du dein Ziel auch erreichen. Wenn du aber die Mühe scheust und wartest, dass etwas von selbst passiert, dann viel Glück.

Gibt es etwas, was Dich auf der Rennstrecke noch nervös macht?

Wenn mich etwas nervös macht, dann das Gefühl, mein Leistungspotenzial nicht voll auszuschöpfen. Meine Fähigkeiten nicht bestmöglich zu nutzen.

Wenn ich zum Beispiel ein Rennen gewinnen könnte, aber trotzdem nur den zweiten Platz mache, dann habe ich einfach nicht mein Möglichstes gegeben.

In welchen Situationen passiert so etwas?

Manchmal hat man einfach einen schlechten Tag. Man macht Fehler und fährt nicht so gut, wie man könnte. Solche Tage gehen mir schon an die Nerven.

Ab und zu habe ich solche Gedanken, und dann muss ich gegensteuern. Es hilft gar nichts, sich über alle Eventualitäten Gedanken zu machen. Herausforderungen muss man annehmen und bewältigen.

Klingt so, als könnte Dich nicht allzu viel aufhalten kann, das hören unsere Kolleginnen und Kollegen sicher gern. Nochmals vielen Dank für dieses Interview und viel Erfolg für die neue Rennsaison!


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
4.1 / 5 (125 Bewertungen)
Bitte warten...

Tags: , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Lewis Hamilton ist ein britischer Formel-1-Rennfahrer. Seit 1997 fährt er für Mercedes und gab 2007 sein Formel 1-Debüt. Mit seinem vierten Weltmeister-Titel 2017 ist er mittlerweile der erfolgreichste Mercedes-Pilot.

Lesen Sie mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. Frühlingserwachen meines Mercedes-Benz 380 SLC

    Ibo Al lahib: Mercedes-Benz das sind alles könner keine Frage !

  2. Die neue A-Klasse: Das Auto, das dich versteht

    Ibo Al lahib: Mercedes-Benz das sind alles könner keine Frage !

  3. Gemeinsam wird man digital: Zusammenarbeit im Digital House

    Ibo Al lahib: Mercedes-Benz das sind alles könner keine Frage !

  4. Baltic Sea Circle: Mit Papa & alter E-Klasse durch Skandinavien

    Thomas Sälzle: Liebe Kollegen, viel Spaß im hohen Norden und eine...

  5. Baltic Sea Circle: Mit Papa & alter E-Klasse durch Skandinavien

    Heike Scheerer: Hey Ilhan, ist ja echt Klasse was ihr da macht....