Der F1 W09 EQ Power+: Mehr als nur eine Maschine

Als Technischer Direktor von Mercedes-AMG Petronas Motorsport war die Vorstellung des neuen F1 W09 EQ Power+ heute einer meiner bislang aufregendsten Tage bei Mercedes.

Wieso? Weil unser 2018-Auto mehr als nur eine Maschine ist – es ist das hochentwickeltste Mercedes Formel-1-Auto aller Zeiten! Gleichzeitig steht es für über tausend Jahre an Arbeitsstunden und für die Hoffnungen und Träume des Teams.

Ähnliche DNA, verbesserte Performance

Eine weitere große Herausforderung lastete hauptsächlich auf den Schultern unserer Teamkollegen in Brixworth. Für eine Umstellung von vier auf drei Aggregate muss das Aggregat robuster sein, und es ist unabdingbar, dass Leistung nicht zu Lasten dieser Robustheit geht. Die Änderung ergab sich aus einer Reihe von Anforderungen. Auch wenn wir momentan einiges in die Entwicklung investieren müssen, werden die Werks- und Kundenteams letztlich besser dastehen.

Die Tatsache, dass wir über die Saison hinweg mit weniger Einheiten arbeiten müssen, wird sich positiv auf die Arbeit in der Weiterentwicklung der Performance auswirken. Gleichzeitig wird dieser neue Prozess unsere Kosten für eine Saison und auch die Lieferpreise für unsere Kunden senken.

Lewis Hamilton: „Ich glaube, dass uns allen das Halo auf dem Auto noch recht fremd ist, aber ich bin sicher, dass wir uns daran gewöhnen werden und es einfach dazugehören wird, bevor wir uns dessen überhaupt bewusst sind.“

Drei Aggregate, zwei ERS

Unser F1 W09 EQ Power+ teilt sich manche Gene mit seinem Vorgänger. Wegen seiner gelegentlichen Unberechenbarkeit liebevoll ‚Diva‘ genannt, war der 2017er Herausforderer dennoch das erfolgreichste Auto der letzten Saison. Deshalb haben wir uns entschlossen, auf eine ähnliche Designphilosophie zu setzen, um die vielen Stärken des Vorgängermodells weiterzuentwickeln und seine Schwachpunkte zu verbessern.

Wir hoffen, dass uns dahingehend einiges gelungen ist und unser diesjähriges Auto unseren Ingenieuren und Fahrern deutlicher mitteilen wird, wo wir ansetzen können. Letztes Jahr mussten wir oft Dinge tun, die wir intuitiv wirklich anders gemacht hätten. Wir haben versucht, für dieses Jahr ein Auto zu schaffen, das ein bisschen vorhersehbarer ist.

Toto Wolff: „Das W08 war im letzten Jahr das schnellste Auto am Start, hat die meisten Pole-Positionen erreicht und die meisten Rennen gewonnen. Deshalb achten wir darauf, die vielen Stärken des Autos nicht zu verlieren, nur um die Schwierigkeiten zu überwinden.“

Noch eleganter

Das Design ist durchweg sogar noch eleganter als im vergangenen Jahr. Das Reglement der Formel 1 hat sich für die Saison 2017 drastisch geändert. Das bedeutete einen Neuanfang für alle Teams – brachte aber auch eine gewisse Unsicherheit mit sich. Wir sind dieses Jahr im Hinblick auf die von uns angestrebten Ziele ein bisschen zuversichtlicher und konnten uns deshalb uneingeschränkter auf bestimmte Konzepte konzentrieren.

Deshalb diese insgesamt straffere Aufmachung, und wir haben die Grenzen ausgelotet. Daraus entstand ein Großteil dieser Eleganz. Es ist schon komisch – das Ding, das man geliebt hat und in das man im Jahr davor sein ganzes Herzblut investiert hat, wirkt im direkten Vergleich zum neuen plötzlich veraltet – das ist wohl das Schicksal jedes Rennautos, das jemals produziert wurde. Nichts veraltet so schnell wie ein altes Rennauto.

Der Achsabstand hat sich gegenüber dem Vorjahr nicht verändert. Bei jeder Entscheidung darüber, was man von einem Jahr zum anderen machen wird, sollte man versuchen, die Dinge zu Lösen, die man als Schwachstelle des Autos sieht, und Dinge beizubehalten, in denen man seine Stärke sieht. Der Achsabstand des Vorjahres war einer der Faktoren, der uns über die Saison hinweg Vorteile gebracht hat – deshalb behalten wir ihn als eine Stärke für dieses Jahr bei.

Valtteri Bottas: „Bei den Aggregaten hoffen wir auf eine ähnlich hohe Zuverlässigkeit wie im vergangenen Jahr.“

Sag Hi zu Halo

Die wahrscheinlich deutlichste Veränderung ist das Halo-System, das neue Konzept für den Cockpitschutz in der Formel 1: ein Titanbügel umgibt den Kopf des Fahrers, um ihn vor umherfliegenden Trümmerteilen zu schützen. Die FIA entschied im Juli 2017, dass das Halo-System in dieser Saison für alle F1-Autos vorgeschrieben sein wird. Bislang ist dieser Bogen auf dem Auto uns allen noch recht fremd, aber ich bin sicher, dass wir uns daran gewöhnen werden und er einfach dazugehören wird, bevor wir uns dessen überhaupt bewusst sind.

Die größte Herausforderung für das Team bestand darin, das Halo-System in das Chassis zu integrieren. Die Titaniumbügel bedeuten mehrere Kilogramm an Zusatzlast für das Auto. Zudem mussten wir andere Anpassungen vornehmen, um das Halo-System unterzubringen und gleichzeitig das Gesamtgewicht des Autos noch unter der vorgeschriebenen Höchstgrenze zu halten – das war nicht einfach! Wir mussten das Design des Chassis stärken, damit es ungefähr das Gewicht eines Londoner Doppeldeckerbusses tragen kann, wenn dieser oben auf dem Halo sitzt.

Alles, was Sie sonst noch über das Halo wissen müssen, können Sie hier anschauen:

Was wir aus der Formel 1 lernen können

Was mich an der Formel 1 fasziniert, ist diese großartige Mischung aus Ingenieursarbeit, Teamarbeit und der Performance unserer Fahrer auf der Strecke. Und natürlich die Tatsache, dass wir unseren Teil dazu leisten können „die Zukunft zu beschleunigen“, wie wir gerne sagen. Wie mein Kollege Andy Cowell, Managing Director von Mercedes AMG High Performance Powertrains, so schön sagt, passte die FIA mit dem Wechsel zur Hybridtechnik im Jahr 2014 die technologische Mission unseres Aggregats der des Automobilsektors, aber auch anderer Bereiche wie Transport und Energieerzeugung an.

Was den Automobilsektor angeht, ist das bislang offenkundigste Ergebnis das Project ONE Hypercar, das Andy und sein Team zusammen mit unseren Kollegen von Mercedes-AMG in Affalterbach entwickeln. Dadurch kommt Formel-1-Technologie auf die Straße!

Ehrliche Arbeit

Mit den Vergängern des F1 W09 EQ Power + haben wir vier Doppelsiege in Folge gewonnen. Und trotzdem gibt es immer noch keine Geheimformel für unsere Arbeit. Es geht einfach nur um solide Ingenieursarbeit. Die Quelle aller Ideen sind menschliche Kreativität, Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit. Diese Zutaten haben uns bisher viele Dienste erwiesen. Deshalb hoffen wir, dass das auch ein gutes Rezept für die Zukunft ist.


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James Allison ist Technischer Direktor bei Mercedes-AMG Petronas Motorsport. Auf die Frage, was er an der Formel 1 liebt, folgt James' vollständige, ungekürzte Antwort: "Ich liebe den Kampf. Ich liebe es, dass er mühsam, verzweifelt schwierig ist, denn das ist es, was jeden Erfolg so bedeutungsvoll macht. Ich liebe es, dass nichts daran normal ist; Technik, Geschicklichkeit, Cleverness, Persönlichkeit, Humor – alles ist extrem. Vor allem aber liebe ich den Sinn des gemeinsamen Ziels und der Zugehörigkeit, der sich aus der Arbeit in einem F1-Team ergibt. Es ist nicht nur ein Job, es ist eine brillante, aufregende, herausfordernde und zutiefst erfüllende Lebensweise. Wir alle, die wir das erlebt haben, haben großes Glück."

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