Mein Mercedes-Benz 190er: Flachtaxi mit Frittentheke

Jeder, der mich kennt, weiß: Ich trage das Auto-Virus seit Kindheitstagen in mir. „Infiziert“ habe ich mich mit ungefähr sechs Jahren durch einen damaligen Nachbarn, einen in Deutschland stationierten US-Soldaten. Er fuhr damals einen Ford Mustang und immer, wenn er daran was gearbeitet hatte, war ich dabei.

Diese Leidenschaft hat sich bis heute gehalten, weshalb ich mich vor zwei Jahren auf die Suche nach einem schönen W190er machte. Den entscheidenden Impuls hat dabei meine Frau gegeben: Durch sie bin ich auf den Namen Rieger gestoßen, einen Tuner der Spoilersätze anbietet. Dort wurde ich im Oktober 2015 auf mein Flachtaxi mit angebauter Frittentheke (so nenne ich liebevoll den aufgesetzten Heck-Spoiler) aufmerksam. Er stand in Koblenz und gehörte einem Herrn Ende 40, der bis dato dieses Auto gefahren hatte.

Bastelbude mit vielen Macken

Ein paar Telefonate und eine Woche später wurde uns der 190er persönlich vorbeigebracht. Die Freude währte nicht lang. Nach Begutachtung des Baby-Benz war klar, dass da eine Bastelbude mit vielen Macken (optisch und technisch) vor mir stand, von denen uns der Vorbesitzer nichts gesagt hatte.

Lackthemen waren für mich kein Problem. Bei Daimler habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht und arbeite heute im Werk 54 in Rastatt in der Oberfläche als Lackierer. Aber das Auto hatte auch unendlich viele Beulen und Dellen und im Motorraum war mehr Öl als im Motor. Egal, dachte ich mir, und machte eine Probefahrt mit dem 2,6 Liter mit 6 Zylindern.

Dabei bestätigte sich leider mein erster Eindruck: Das Auto hatte für seine originalen 160 PS kaum Leistung. Auch hier war meine Frau wieder der Lichtblick: Wir rechneten zusammen, was uns die Beseitigung der Mängel ungefähr kosten würde und schlugen dem Besitzer einen neuen Preis vor – für den ich den Baby-Benz dann auch kaufte.

30 Dellen und viele Lackschäden

Zum großen Glück hatte ich Marco, einen Daimler-Kollegen, der ebenfalls in Rastatt in der Oberfläche als Edelflaschner arbeitet. Er drückte mit unheimlich viel Geschick gefühlte 30 Dellen, sodass mein kleiner Benz zunächst mal vom Blech her wieder ordentlich da stand. Nochmals von hier aus ein ganz großes Dankeschön an ihn!

Die nächste große Hürde musste ich selbst nehmen: Der 190 hatte sehr viele Lackschäden und ich hatte keine Farbnummer. Ein Lackierbetrieb hat mir hier zum Glück die Farbe ausgelesen, sodass ich loslegen konnte. Da die Farbe einen sehr hohen Perlmuttanteil hat, hatte ich große Bedenken, dass die nachlackierten Stellen später sichtbar sein könnten. Aber es hat einwandfrei geklappt und nach dem Beispritzen war nichts zu erkennen.

Dann ging es ans Polieren. Die Motorhaube, das Dach und der Kofferraumdeckel sahen aus, als ob man sie mit einer Drahtbürste gesäubert hätte. Deshalb musste ich mit Nassschleifpapier vorarbeiten und anschließend aufpolieren. Allein an der Motorhaube stand ich vier Stunden, bis sie wieder ordentlich und kratzerfrei vor mir lag.

Generell stellte ich bei jedem Arbeitsschritt fest: Ob elektrisch oder mechanisch, egal wo ich hinlangte, immer war schon vor mir jemand am Werk gewesen, der keine Ahnung hatte von dem was er tat. Aber man wächst ja mit seinen Aufgaben…

Ran an den Motor, den Unterboden & das Fahrwerk

Nach rund einem Jahr Arbeit, im Frühjahr 2017 war endlich der Motor dran. Und wieder habe ich das Glück gehabt, mit Ronny einen Freund und Arbeitskollegen zu haben, der auch in Rastatt in der Montagehalle in der Nacharbeit arbeitet. Er hat noch am 190er gelernt und kennt wirklich jede Schraube. Ronny war unbeschreiblich. Er hat in Windeseile den Motor komplett zerlegt – der Zylinderkopf wurde bei einem Motoreninstantsetzer generalüberholt.

Und dann legte Ronny erst so richtig los. Mir wurde angst und bange, als ich sah, dass der Unterboden bis auf Benzinpumpe und Filter leer war! Alles war abgebaut.

Die Achsteile, die noch in Ordnung waren, die Teile, die ich neu gekauft hatte und alle Teile des Motors wurden von mir lackiert. Klingt einfach, aber da waren Teile dabei, die nach 28 Jahren wirklich schlimm aussahen. Erst bearbeitete ich die Teile mit dem Sandstrahler, danach ging es ans Füllern und Lackieren. Ronny hat sich alles ganz genau angeschaut und die Einkaufsliste wurde immer länger und länger…

Auch seine bessere Hälfte, Carola, war oft mit dabei und unterstützte, wo sie nur konnte. Das fing beim Bremssattel lackieren an und ging bis zum Flugrost entfernen. Auch hier nochmal ein dickes Dankeschön!

Irgendwann piepste dann mitten in der Nacht gegen 2 Uhr mein Handy: Ronny hatte den Motor wieder zusammen gebaut und schickte mir ein kleines Video vom ersten Probelauf. Ich freute mich unheimlich, als ich den Motor schnurren hörte wie ein kleines Kätzchen – wie ruhig er lief!

Bestandener TÜV und Blitzer-Foto

Als ich nach all der Arbeit und dem vielen Herzblut, das Ronny und ich in meinen Benz gesteckt hatten, beim TÜV vorfuhr, war der junge Prüfer von den Socken! Mein Benz war nicht nur älter als er selbst. Als er sah, was wir am Baby-Benz alles neu gemacht hatten, erklärte er mich schlicht für verrückt – und ich kann ihm nach all der Arbeit nicht widersprechen.

Die TÜV-Prüfung war für mein Flachtaxi und mich ein Spaziergang. Danach war ich war stolz wie Bolle – und fuhr 150 Meter nach dem TÜV direkt in einen Blitzer! Auf dem Bild ist gut zu erkennen, dass ich zu dem Zeitpunkt sehr glücklich war. Fakt ist, jetzt macht das Fahren mit dem Benz richtig Spaß und hat, wie man so schön sagt, auch den richtigen Bums. Aber alle Auto-Liebhaber wissen auch: Egal, was man schon alles an einem Auto gemacht hat, es gibt trotzdem immer was zu tun.

Ich will in den nächsten Jahren noch die Innenausstattung vom Sattler neu machen lassen und ein paar Kleinigkeiten im Motorraum und an der Technik verbessern. Aber das lohnt sich, denn mein Flachtaxi und ich haben schon einiges zusammen erlebt! Gemeinsam waren wir auf einem der größten Tuningtreffen in Karlsruhe und ich war gespannt, was die jungen Leute von meinem alten Daimler denken – und war positiv überrascht! Die meisten wussten, dass es ein 190er ist und ein EVO Umbau. Manche meinten sogar, es wäre ein echter ;-) EVO 2.

Hier nochmal in voller Pracht: Der Spoiler, dem meine Frittentheke ihren Namen verdankt

Ohne Fahrassistenz oder sonstige Fahrhilfe – Auto fahren pur

Es ist mir grundsätzlich egal, was die Leute über meinen Benz denken. Schließlich muss er mir gefallen und sonst keinem – und das tut er. Ich habe noch keinen zweiten gesehen, der so aussieht. Wenn er frisch geputzt in der Sonne steht und mich anstrahlt, bin ich glücklich und stolz, so einen Wagen zu besitzen. Auch meine Kinder lieben den 190er: Mit meinem ältesten Sohn gehe ich gemeinsam auf Tuningtreffen und mit meinem jüngsten Sohn (drei Jahre) fege ich über Landstraßen, während er nur von hinten ruft: „Papa das ist toll! Nochmal!“

Ganz besonders ist für mich, dass meine 10-jährige Tochter genauso viel Interesse an dem Benz hat und hofft, dass ich ihn nie verkaufe. Schließlich will sie ihn in sieben Jahren selbst fahren. Und verkauft wird er so schnell auch nicht. Das Fahren mit dem Benz macht einfach riesigen Spaß und das zählt für mich. Keine Fahrassistenten oder sonstige Fahrhilfen. Nein, einfach Auto fahren pur.

Und das ist das Schönste nach all der Arbeit: Zu sehen und zu erleben, dass sich all die Zeit und Mühe gelohnt haben. Aber wer wie ich das Auto-Virus hat, ist natürlich nie fertig – deshalb steht in meiner Garage schon das nächste Projekt. Es ist ein amerikanisches Musclecar, ein AMC Javelin, mit dem gleichen Baujahr wie ich: 1968. Ob das mein letztes Projekt ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich nicht ;-)

Eines muss aber jedem klar sein: Dieses schöne aber zeitintensive Hobby kann ich nur betreiben, weil ich die richtige Partnerin an meiner Seite habe, die mir den Rücken freihält und mich immer unterstützt. Daher gilt das größte Dankeschön meiner Frau!


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Dieser Beitrag wurde von Joachim Starck geschrieben. Er trägt das Auto-Virus seit Kindheitstagen in sich und arbeitet seit über 20 Jahren im Werk Rastatt in der Oberflächen-Lackierung. Da er dort mit dem Basteln an Autos nicht viel zu tun hat, zelebriert er seine Leidenschaft in seiner Freizeit umso lieber. Von Beginn an hat er bei all seinen Autos viele Reparaturen selbst ausgeführt und seine Fahrzeuge sowohl technisch als auch optisch umgebaut. Seine Auto-Leidenschaft hat er mittlerweile auch seinen drei Kindern mit in die Wiege gelegt.

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