Schach auf dem Eis: Als Curling-Schiedsrichter in Südkorea

Ab dem 09. Februar werden bei den Winterspielen wieder 102 Goldmedaillen verteilt. Einer der bei den Medaillen-Entscheidungen live dabei ist, ist Tim Bastian. Er arbeitet normalerweise bei Daimler im Truck-Einkauf – in Südkorea ist er dagegen die nächsten zwei Wochen als Curling-Schiedsrichter.

Spielen Sie selbst auch Curling?

Tim Bastian: Ein Freund hat meinen Bruder zum Training mitgenommen. Und der kam total begeistert wieder. Daraufhin sind meine Schwester und ich auch mal mit. Und alle drei sind wir dabeigeblieben. Da war ich 14 Jahre und lebte in Hamburg. Dort ist der größte Curling-Club in Deutschland. Als ich das Duale Studium in Karlsruhe begann mit dem Werk Wörth zusammen, wurden die Trainingseinheiten etwas weniger.

Und wie sind Sie Schiedsrichter geworden?

Ich wollte dem Sport treu bleiben. 2010 gab es eine Ausschreibung für einen Schiedsrichterlehrgang vom Welt Curling Verband. Daran nahm ich teil und wurde für die ersten internationalen Wettkämpfe nominiert. Nach weiteren Lehrgängen wurde ich wieder nominiert und hab dann entschieden, dabei zu bleiben. Ich war dann beispielsweise 2012 in Innsbruck und 2016 in Lillehammer bei den Olympischen Jugendspielen.

Wie oft haben Sie einen Einsatz als Schiedsrichter?

Wir werden vom Welt Curling Verband auf Saisonbasis nominiert. Ich war im vergangenen November bei der Europameisterschaft in St. Gallen. Im Jahr davor in Korea und davor bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Kopenhagen. Ich war aber auch schon bei der Weltmeisterschaft in Peking. Ich habe ein bis zwei Turniere pro Saison. Eine Saison geht von Oktober bis April. Ich werde nicht vom Unternehmen freigestellt, da ich nicht als Spitzensportler aktiv bin. Ich nehme mir Urlaub oder Gleitzeit.

Die Curling ITO’s (Intenational Technical Officials) beim Testevent für die Winterspiele im Februar 2017. Dieselbe Mannschaft ist jetzt wieder vor Ort.

Die Aufgaben eines Schiedsrichters?

Sie teilen sich in einen unsichtbaren und sichtbaren Bereich auf. Der unsichtbare Teil beginnt oft schon Tage vor dem eigentlichen Turnier. Deshalb fliege ich bereits am 3. Februar nach PyeongChang, obwohl der eigentliche Wettbewerb erst am 8. Februar losgeht.

Wir bereiten die Halle vor. Wir vergleichen die Gestein-Nummern mit den Serien-Nummern, damit das richtige Stein-Set so zusammen ist, wie es vielleicht schon bei anderen Turnieren benutzt wurde. Und kontrollieren das Equipment.

Die Steine bleiben auf dem Eis liegen, damit sie richtig gut durchkühlen können. Wir sind neun Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter in Südkorea. Wir sind bei jeder Trainingseinheit dabei und passen auf, dass es für alle fair zugeht.

Und der sichtbare Bereich?

Der ist dann während des Turniers. In Südkorea haben wir einen Schiedsrichter pro Bahn und nehmen eine beobachtende Rolle ein. Wenn es Fragen oder Probleme gibt, sind wir die ersten Ansprechpartner. Auch für technische Probleme beispielsweise mit den Steinen sind wir zuständig.

Wir schauen, dass die Regeln eingehalten werden. Ein Spiel dauert zwischen zweieinhalb bis drei Stunden. Das müssen wir voll konzentriert verfolgen. Es gibt pro Durchgang eine Minute Pause und in der Mitte vom Spiel fünf Minuten. Das ist mental schon sehr anstrengend.

Wir werden aktiv, wenn wir messen. Am Ende eines Durchgangs kann es vorkommen, das die Teams nicht entscheiden können, welcher Stein näher zur Mitte liegt. Dann legen wir Schiedsrichter das Messinstrument, eine Art Zirkel, an. Wichtig ist: Wenn keiner über den Schiedsrichter spricht, haben wir einen guten Job gemacht.

Wie haben Sie sich für Südkorea nominiert?

Seit 2011 bin ich als Schiedsrichter für den World Curling Verband aktiv. Und ich war bei verschiedenen Turnieren: Bei den Olympischen Jugendspielen, bei Welt- und Europameisterschaften.

Und wurde daraufhin für PyeongChang nominiert. Anscheinend habe ich meine Sache nicht so schlecht gemacht. Wir sind eine sehr internationale Schiedsrichter-Truppe, die sich bereits kennt. Im Februar 2017 waren wir bei einem Testevent in genau der Konstellation in Südkorea, um uns vorzubereiten.

Tim Bastian (links) prüft mit einem Kollegen zusammen die Seriennummer der Curlingsteine.

Wie läuft es in Südkorea für Sie ab?

Am Mittwoch starten die offiziellen Training-Sessions. Es gibt für jeden Tag einen sehr detaillierten Zeitplan, wer wann wo auf das Eis darf. Am Donnerstag, einen Tag vor der Eröffnungsfeier, startet der erste Turniertag. Und dann wird jeden Tag Curling stattfinden. Ich bin quasi im Dauereinsatz und betreue ein bis zwei Spiele am Tag.

Es sind insgesamt acht Mixed-Doubles und bei den Herren und Damen jeweils zehn Mannschafen, die in Südkorea teilnehmen. Es gibt vier Bahnen. Das heißt, es spielen immer acht Teams gleichzeitig. Und wir haben drei Spiel-Sessions pro Tag.

An jeder Bahn steht ein Schiedsrichter, bei Mixed-Doubles haben wir sechs Schiedsrichter für vier Bahnen im Einsatz, weil der Spielaufbau da etwas anderes ist.

Spezielle Vorbereitungen für Südkorea?

Jedes Jahr gibt es ein neues Regelbuch. Das zu kennen ist natürlich Pflicht. Beispielsweise spielten in der Saison 2016 viele Mannschaften mit selbst entwickelten Besen. Das wurde dann zur letzten Saison geändert. Es gibt jetzt nur noch Standard-Besen, die gewisse Bespannungen haben dürfen, um faire Wettkampfbedingungen für alle herzustellen.

Auf was freuen Sie sich besonders?

Auf die Eröffnungsfeier – so etwas live im Stadion mitzuerleben. Und auf die Premiere von Mixed Doubles. Hier spielen eine Frau und ein Mann im Team. Das Spielsystem ist etwas offensiver und kürzer. Es sind aber mehr Steine im Spiel. Das wird für die Zuschauer sehr interessant. Ich bin gespannt auf die Reaktionen in Südkorea.

Curling kommt zurzeit sehr gut an. Es ist aktuell der am schnellsten wachsende Wintersport. Und die zusätzliche Disziplin wurde vor zehn Jahren eingeführt und feiert jetzt olympische Premiere. Ich freue mich.

Und einmal ins Olympische Dorf schauen. Ich bin auf die Atmosphäre gespannt, auf die Internationalität. Ich hoffe, den Flair zu sehen und zu spüren.

Wie wird Ihr Gefühl sein am ersten Turniertag?

Es wird eine andere Situation sein. Es gibt viel mehr TV-Präsenz, alle vier Spiele werden gleichzeitig übertragen, sehr viel mehr Zuschauer. Und auch die Auswirkungen, wenn etwas passiert, sind deutlich größer. Der Druck bei allen Beteiligten ist enorm groß. Aber, wenn das Spiel beginnt, ist es ein ganz normales Curling-Spiel und ich blende das Umfeld aus.

Die Curlinghalle in Gangneung ist nun bereit für die Athleten.


Was ist Curling?

Curling ist nicht Eisstockschießen. Curling ist eine Präzisionssportart, bei der zwei Teams mit jeweils vier Spielern gegeneinander antreten. Jedes Team hat pro Durchgang acht Granitsteine. Jeder Stein wiegt etwa 20 Kilogramm. Und sie sehen aus wie Bettpfannen. Das Spiel wird auf einer 45 Meter langen Eisbahn gespielt. Auf beiden Seiten befindet sich ein sogenannter Zielkreis.

Man wechselt sich immer ab mit dem jeweils gegnerischen Spieler. Am Ende eines Durchgangs sind 16 Steine gespielt. Wer am Ende eines Durchgangs mit mehr Steinen näher zur Mitte liegt als der Gegner, hat den Durchgang gewonnen und bekommt für jeden Stein, der näher zur Mitte liegt als der nächste Stein des Gegners, Punkte.

Es gibt zehn Durchgänge, im Mixed-Doubles Curling werden acht Durchgänge gespielt. Der Stein wird beim Spiel gedreht, deshalb Curling.

Das Wort Curling stammt vom altenglischen Verb to curl = drehen ab und beschreibt die Bewegung der Steine. Curling wird oft auch als ‚Schach auf dem Eis‘ bezeichnet, denn man muss, wie beim Schach, die Taktik relativ schnell anpassen.


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Dieser Text wurde von Tim Bastian geschrieben. Wenn er nicht auf dem Eis steht, arbeitet er im NPS-Projekt (New Procurement System) als Vertreter des Truck-Einkaufs (TPG).

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