Kein Blindgänger: Arbeiten ohne Augenlicht

Als kurzsichtige Person ist es für mich teilweise schon schwierig, Anzeigen und Schriften, die in der Ferne liegen, zu erkennen. Alles verschwommen. Brille auf! Schon besser. Anders ist es bei Kai Müller, denn er ist blind. Aber wie geht man mit so einer Einschränkung im Berufsalltag bei Daimler um? Um das zu erfahren, habe ich ihn einen Tag lang begleitet.

Als Betreuer für Praktikanten und Projektmanager arbeitet Kai in der IT im Bereich „Ramp-Up & Change Management“. Er ist dafür zuständig, Kollegen und Kunden, die seine Applikation nutzen, über die von ihm und seinem Team entwickelten Softwares zu informieren und aufzuklären.

Ich kann im detailreichen Programm auf seinem Bildschirm sehen, welche Tools auf welcher Seite stehen und was genutzt werden kann. Eine komplexe Software. Für meine Augen sorgt das für Verwirrung. Sehr viele Informationen, Zahlen und Fakten.

Kein Problem für Kai. Er findet sich trotz seiner Einschränkung im System zurecht: „Meine Software kenne ich in und auswendig.“ Aber auch den Arbeitsalltag drum herum muss er meistern. Wie funktioniert das?

Der Arbeitsalltag kann starten

Ich fahre mit der Bahn zur Arbeit und gehe den Weg zwischen S-Bahn und Büro zu Fuß. Für mich ist das alles kein Problem, schließlich sehe ich etwas. Ähnlich startet auch der Tag von Kai. Er fährt selbstständig mit der Bahn ins Geschäft. Mit seinem Blindenstock kann er seine Umgebung abtasten. Auch die Geräusche, die er wahrnimmt, helfen ihm, sich zu orientieren. Kai startet also trotz seiner Einschränkung in seinen Arbeitsalltag genauso wie ich.

Den Weg ins Büro finde ich, indem ich einfach sehe, wo ich hinlaufe. Aber in dem Großraumbüro in dem Kai arbeitet blicke ich im wahrsten Sinne des Wortes nicht durch. Ehe ich das System verstehen konnte habe ich mich schon verlaufen.

Kai hat kein Problem damit. Er ist alles andere als ein Blindgänger. Mit seinem Blindenstock und seinem äußerst ausgeprägten Orientierungssinn findet er seinen Arbeitsplatz trotz Sehbehinderung ganz easy. Kai war übrigens nicht immer blind. Durch eine Krankheit haben die Sehzellen auf seiner Netzhaut soweit ihre Funktionalität verloren, bis er komplett erblindete. Jetzt merkt er sich die Wege, die er gehen muss einfach. Äußerst bemerkenswert!

Arbeitsumgebung

Mein Arbeitsplatz besteht aus zwei Monitoren, einem Telefon, einer Tastatur und einer Maus. Ohne diese Dinge könnte ich meiner Tätigkeit nicht nachgehen. Schließlich arbeite ich im Team „Corporate Website“ und bin stets von medialen Inhalten umgeben. Aber auch die üblichen Dinge, wie E-Mails checken, Telefonate führen und das Anlegen unterschiedlicher Artikel laufen über meine Augen ab. Unvorstellbar, das alles blind zu erledigen. Dass es nicht unmöglich ist, beweist Kai.

Sein Arbeitsplatz unterscheidet sich natürlich von meinem: Zum einen ist er anders ausgestattet und zum anderen anders aufgebaut. Kai benötigt für seine Tätigkeit im IT Bereich unter anderem seine Braille Tastatur, sein Headset und seine Vorlesefunktion am Rechner. Mit seiner Braille Tastatur kann Kai die Blindenschrift auf seiner Tastatur ertasten und all seine E-Mails selbst schreiben. Außerdem sind die Trennwände im Großraumbüro von Kai gut schalldämmend, um den hohen Lärmpegel zu verhindern. Er selbst sagt: „Das ist bisher die beste Lösung.“

Arbeiten ohne zu sehen – wie funktioniert das eigentlich?

Nur wenige Menschen nehmen laut Kai Rücksicht auf ihn, viele wissen nicht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollen: „Das größte Problem sind die Augen, weil die meisten Menschen keine Ahnung haben, wie man damit umgehen soll.“

Kai hingegen orientiert sich bei der Auswahl seiner Bewerber an der Stimmfarbe und an den Kompetenzen, die sie mitbringen. Für ihn zählt, was die Bewerber können. Dresscode und äußerliches Erscheinungsbild – fehl am Platz:

Ich habe eben eine ganz genaue Vorstellung, wie etwas aussieht.

Lächelnd sagt er: „Und meistens liege ich mit meiner Vorstellung komplett falsch.“

Wie arbeitet Kai?

Mit seinem Vorleseprogramm am Rechner lässt er sich E-Mails, Arbeitsanweisungen und Artikel vorlesen. Wenn er eine Mail schreiben möchte, nutzt er zusätzlich die Braille- Zeile über seiner Tastatur und kann die Blindenschrift ertasten. Diese Blindenschrift wird von einer Software übersetzt und in Form von lateinischen Buchstaben ausgegeben. Das Telefonieren funktioniert auch einwandfrei. Klingt alles eigentlich ziemlich gängig aber woher weiß ich, wo meine Maus sich gerade befindet? Oder wie kann ich meinen Rechner generell bedienen, so ganz ohne Maus? Genau an dieser Stelle scheitert die Barrierefreiheit.

Hier wird klar: Trotz der vielen Möglichkeiten die Kai hat, um seinen Berufsalltag zu meistern, gibt es auch Grenzen. Softwares, die nicht barrierefrei programmiert wurden, sind oft unvorteilhaft und können im schlimmsten Fall den Zugang zum Inhalt blockieren. Schade, dass neu entwickelte Softwares den barrierefreien Standard noch immer nicht automatisch berücksichtigen. So können Bilder, die ich als hilfreich empfinde, für Kai schnell zum Problem werden. Aber auch dafür hat er eine Lösung. „Dann hole ich mir einen von den Praktikanten und lasse mir das vorlesen.“

Unsere Autos

Was mich natürlich brennend interessiert, ist die Frage nach unseren Autos. Die Marke Mercedes-Benz hat für jeden eine andere Bedeutung. Für manche ist sie uralte Tradition, für andere ein elegantes Design und für mich symbolisiert sie den Stern. Eben der „Star“ unter den Automobilmarken. Und für Kai?

Für ihn spielen andere Themen eine wichtige Rolle. Da Kai zwar immer „schlecht sehend“ war, aber zumindest weiß wie ein Auto aussieht, ist es für ihn einfacher sich die unterschiedlichen Dinge vorzustellen, die ihm seine Frau beschreibt. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, aber ich stehe eher auf graue Töne, während Kai farbige Autos favorisiert. Er selbst fährt eine rote E-Klasse, die ihm genug Platz bietet – nun ja, wohl eher seine Frau. Dankend ergänzt er „endlich kein Van oder Bus mehr.“

Volle Unterstützung

Auch seitens seiner Kollegen wird Kai tatkräftig unterstützt – und das schon sehr lange. Sein ehemaliger Abteilungsleiter setzte sich für Kai ein und er bekam eine Stelle in der „Systementwicklung und Programmierung“, die extra für ihn geschaffen wurde. Die Unterstützung seiner Kollegen und Vorgesetzten schätzt Kai sehr. „Aus diesem Grund kamen die Dinge so, wie sie kamen.“

Trotz seiner Sehbehinderung lässt Kai sich nicht einschränken und er weiß genau, wie er seine Kompetenzen einsetzen kann.

Eine Bereicherung für mich, einen so tollen und inspirierenden Mann kennenzulernen, der sich nicht mit einfachen Dingen zufrieden gibt, sondern das macht, was ihn interessiert.


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Dieser Text wurde von Nazmiye Kazan geschrieben. Sie ist Praktikantin in der Unternehmenskommunikation und hat Medienbildung: Audiovisuelle Kultur und Kommunikation an der Universität Magdeburg studiert.

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