Eingetütet: Das kleine Daimler-Phrasen-ABC

„Alternative Fakten“ ist es geworden. Heute hat die „Sprachkritische Aktion“ das Unwort des Jahres 2017 bekannt gegeben. Ein guter Anlass, einmal in der eigenen Firma auf die Suche nach Unwörtern zu gehen. Ergebnis: Fehlanzeige – naja, fast zumindest.

Die letzten Meter, Schlüssel ins Schloss, Tür auf, Licht, Laptop angedockt: Showtime!

Gleich mal die Mails checken. Schau an, die Mädels und Buben von gegenüber brauchen meine Kompetenz, mein Know-How, meinen Input. Klick-Klack, ich beame Feedback rüber, gleise auf, adressiere, füttere an und phase ein.

Klopf-Klopf, die Tür fliegt auf. Was will der denn? Den hab‘ ich doch heute gar nicht auf dem Radar! Macht nix, für solche Worst-Cases hat der Vollprofi immer den ein oder anderen Standard in der Pipeline. Erzähl ihm was von der Bottom Line, von Drafts und von Nutshells. „So mein Guter, jetzt biste aufgeschlaut und auf Flughöhe“, verabschiede ich ihn. Alles Easy, Punktlandung, Touchdown.

Ab ins Jour-fix. Großes Orchester heute, alle sind da – perfektes Poser-Wetter. Ich schieße die volle Präsi-Breitseite in die Runde und vergesse natürlich nicht zu betonen, dass ich da am Wochenende mit voller Attention noch mal inhaltlich scharf drüber gegangen bin. Ja, ich deliver eben. Das matcht – die Chefin geht steil vor Freude, will das asap auf allen Kanälen spielen. Fragen beantworte ich keine, ich nehme sie einfach mit.

Treuer Begleiter in Meetings: Der Phrasenzähler. Er entstand im Zeitraum von zwei Wochen Jahrzehnten.

Beim Mittagstisch, quatsch Lunch, werden zwischen Linsen-Bratling und Americano eins, zwei, drei Projekte eingetütet, Pflöcke eingeschlagen und ein paar Facts & Figures glatt gezogen. Sogar auf dem Weg zum Klo performe ich und hole noch zwei junge Kollegen ab – nicht zur Doppel-0, sondern verbal zur Konzernstrategie. Aber bloß nicht zu granular werden dabei.

Zurück im Office fräse ich mich in One-Pagers und Abstracts ein, robbe mich an Issues heran, nehme Bälle auf, lege Stellhebel um, hinterlasse Footprints, scanne und verprobe irgendetwas – Hauptsache es zahlt auf das Overall Picture für den globalen Aufschlag ein.

Feierabend, finally. Zuhause High-Five mit dem Junior: „Na Papa, heute wieder Big-Points gesetzt?“ Vaterherz, was willst Du mehr – aus dem Kleinen wird mal was.

Er ist Chefredakteur der Daimler.com und ein großer Freund einer klaren, verständlichen Sprache - überall. Doch knapp 25 Jahre im Unternehmen gehen an niemanden spurlos vorüber: Und so tappt auch er durchaus mal in die Phrasen-Falle. Damit das nicht zu häufig passiert, schreibt er zur Selbsttherapie Glossen wie diese.