„Schenk ein Lächeln“ – Daimler schnürt Päckchen für benachteiligte Kinder

Als ich Ingrid Poppe das erste Mal getroffen habe, habe ich mich merkwürdig gefühlt. Mitte Oktober habe ich mit der Projektleiterin bei den Schwäbischen Tafeln Stuttgart e.V. ein Interview über die Arbeit im Tafelladen geführt.

Habe erfahren, dass allein in Stuttgart 66.000 Menschen in Einkommensarmut leben oder unmittelbar von ihr bedroht sind. Habe erfahren, woran man Armut erkennt – nämlich an kleinen Dingen, wie abgeblätterten, einstmals schicken Schuhen. Oder dass Armut oft auch nicht erkennbar ist.

Nach dem Interview bin ich aus dem Tafellager gegangen und habe mich nach meinem alten, klapprigen Fahrrad gesehnt. Stattdessen bin ich in die schwarze E-Klasse unserer Abteilung eingestiegen und zurück ins Werk gefahren. Zu diesem Zeitpunkt ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, welche Welten bei der Mitarbeiteraktion „Schenk ein Lächeln“ aufeinanderprallen: Die große Daimler AG und der kleine Verein „Schwäbische Tafeln Stuttgart e.V.“.

Zur Weihnachtszeit startet „Schenk ein Lächeln“ den Versuch, beide Welten zusammenzubringen: Bundesweit packen Mitarbeiter der Daimler AG seit 2010 Weihnachtsgeschenke für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Allein in diesem Jahr kamen über 20.000 Päckchen zusammen – und die werden von fast 30 sozialen Partnern, beispielsweise den Bremer Tafeln, dem SOS Kinderdorf Berlin oder dem Kinder- und Jugendhilfswerk „Die Arche e.V.“, an die Kinder verteilt.

Die Tafelmitarbeiter stehen auch auf dem Truck. Von links: Rita Borodin, Ingrid Poppe, Sebastian Möhrke, Susanne Tylingo und Bianca Jovanovic

Auf den Truck und ab in die Kälte

Um die mehr als 12.000 Päckchen in Stuttgart und Sindelfingen zu stemmen, gibt es die Trucktour. Über zwei Wochen verteilt fahren zwei FUSO-Canter mit „Schenk ein Lächeln“-Aufschrift durch die Region und sammeln die Päckchen der Daimler-Mitarbeiter ein. Die Trucktour markiert den Beginn der Aktion – ganze drei Monate habe ich auf den Startschuss gewartet. Wenn ich nur gewusst hätte, dass ich jeden Morgen vor der Tour in der Kälte auf der Plaza in Untertürkheim stehe, um die Truckbesatzung des Tages zu empfangen.

Natürlich durfte ich auch selbst Geschenke annehmen

Beschweren sollte ich mich nicht. Denn ich stand ja, im Gegensatz zu Mario und Olli, unseren beiden Fahrern, nicht zusätzlich jeden Tag drei Stunden auf dem Truck zum Einsammeln der Päckchen. Mario fährt seit dem letzten Jahr die Tour, Olli bereits zum dritten Mal – die beiden sind ein Herz und eine Seele. Außerdem fährt noch ein Vertreter der „Schwäbischen Tafeln Stuttgart e.V.“ und ein Azubi mit.

Wenn mal ein Helfer ausfällt, muss „jemand“ einspringen. Jemand? Ich. So hatte ich gleich drei Mal die Ehre, selbst auf dem Truck mitzufahren – und wäre am liebsten bei jeder Fahrt dabei gewesen. Wo lernt man sonst, die Rampe eines LKW’s runterzufahren und nützliche Details zum Thema Ladungssicherung?

Das „Schenk ein Lächeln“-Projektteam: Leonie Brinkmann (ich), Birgit Zanker und Silja Jäker

Jeder Mitarbeiter, der ein Päckchen abgibt, hat gute Laune. Zumindest habe ich in den zwei Wochen niemanden ohne ein Lächeln am Truck gesehen. Scheinbar zaubert die Aktion nicht nur Kindern, sondern auch Mitarbeitern ein Lächeln ins Gesicht und ein gutes Gefühl mit auf den Nachhauseweg. Trotzdem war ich am Ende der drei Stunden Standzeit glücklich, die Rampe hochfahren zu können. Und konnte mit dem Wissen, am Tag etwas geschafft zu haben, ins Tafellager in Stuttgart Wangen fahren.

Zwischen O-Saft Flaschen und Joghurt – ein Haufen Geschenke

Und dort sind sie, mitten zwischen O-Saft Flaschen und riesigen Kistenstapeln: Unsere Geschenke! Eine bunte Masse, die aus der Mitte des grauen Tafellagers hervorsticht.

Während Metal-Musik so laut aus den Lautsprechern im Lager schallt, dass die Säulen vibrieren, lädt Sebastian Möhrke, Logistiker bei den Tafeln, die Paletten ab und räumt das Lager auf. Aus seinem Gabelstapler ruft er mir zu:

 Schenk ein Lächeln ist die eine oder andere Stunde mehr Arbeit für mich. Aber ich investiere diese Stunden gerne, einfach weil es für etwas Schönes ist.

Vom Lager aus werden die Päckchen für die Übergabe auf die Stuttgarter Tafelläden verteilt. Ich selbst bin für den Leonhardsladen in Stuttgart-Mitte eingeteilt. Extra für uns öffnen die Tafeln am Samstagnachmittag ihre Pforten, für zwei Stunden werden statt Lebensmittel nur Geschenke verteilt.

Den alltäglichen Überlebenskampf abstellen

„Der Tag der Übergabe hat für die Kunden nichts mit dem alltäglichen Überlebenskampf zu tun. Einfach mal weg von dem Gedanken, was sie sich alles nicht leisten können und ein schönes Geschenk annehmen.“ Ingrid Poppe, Projektleiterin Schwäbische Tafeln Stuttgart.

Wie immer viel zu früh, komme ich eine halbe Stunde vor der vereinbarten Zeit und eineinhalb Stunden vor dem offiziellen Öffnen der Türen am Tafelladen an. Dort stehen bereits vereinzelt Menschen vor dem Eingang und warten. Ich fühle mich ein wenig unwohl, weil ich als Helfer bei der Übergabe im Gegensatz zu ihnen in den Laden eintreten darf.

Am Tag der Übergabe ist der Tafelladen weihnachtlich geschmückt

Ähnlich wie das Lager ist auch der Laden schlicht und grau. Weihnachtsdekoration und Christbaumkugeln hängen an den Wänden. Die ganzen Regale sind aus dem Laden geräumt worden. Dort stehen nun statt Joghurt, Gemüse und Brot Paletten mit Geschenken, säuberlich sortiert nach Geschlecht und Alter. Das haben die Tafelmitarbeiter während der letzten Tage parallel zur regulären Öffnungszeit erledigt.

Die Mitarbeiter der Schwäbischen Tafel haben zwei Tage Geschenke sortiert

Zwanzig vor zwei kommt das Signal von Ingrid Poppe. Da die Schlange der Wartenden mittlerweile gut hundert Kinder und Eltern umfasst, möchte sie die Türen öffnen. Jeder von uns Helfern hat eine andere Aufgabe: Mitarbeiter der Tafeln kontrollieren den Einlass, Freiwillige der Daimler AG empfangen die Kinder und übergeben die Geschenke. Am Ende des Ganges steht noch eine Person mit Keksen und Schokolade. Ich selbst helfe beim Film-Team.

Gut hundert Menschen stehen bereits vor dem Laden

Obwohl die Türsteher nur eine Familie nach der anderen reinlassen, wirkt der schmale Laden schnell überfüllt. Dennoch bemühen sich die Helfer, die Übergabe für jedes Kind so individuell wie möglich zu gestalten, fragen nach Alter und Hobby der Kinder.

Beim Altersunterschied wird klar: Während die ganz Kleinen jedes Geschenk freudestrahlend entgegennehmen, gehen die Älteren kritischer mit den Geschenken und deren möglichen Inhalt um. Sie schütteln ein wenig, um zu erraten, was da wohl drin sei und suchen sich das Schönste aus dem Stapel. So geht auch jeder glücklich nach Hause.

Die Freiwilligen versuchen, sich kurz mit jedem Kind zu unterhalten

Die einzelnen Gesichter in der Menge

Dass hinter jedem Gesicht, das sich in der Menschenmenge durch den Laden drängt, ein Einzelschicksal steckt, wird mir bewusst, als wir für den Film die Kinder befragen. Jedes Kind hat eine andere Geschichte, steht anders vor der Kamera, bringt andere Sprachen und Eindrücke mit.

Beeindruckt hat mich vor allem ein Mädchen aus Kurdistan. Die Achtklässlerin unterhält sich mit mir, während ihre beiden Brüder vor der Kamera stehen. Sie sei erst seit sieben Monaten in Deutschland, erzählt sie. Als ich ihr sage, dass sie sehr gut deutsch spricht, bedauert sie nur, dass sie es noch nicht gut könne (es war fließend). Aber dafür spreche sie ohne Probleme Kurdisch, Türkisch, Arabisch, Griechisch und daneben noch ein bisschen Spanisch und Englisch, weil sie das in der Schule hatte. So, als wären sieben Sprachen zu sprechen das einfachste auf dieser Welt.

Auch im Laden geht die Schlange weiter

Als um kurz vor vier die Menschen weniger werden und der Laden um vier die Türen schließt, frage ich mich, was mit den restlichen Päckchen passiert. Aber Ingrid Poppe verteilt noch die gesamte Woche Geschenke. An alleinerziehende Mütter, deren Kinder am Samstag krank zu Hause waren, an Großmütter, die sich kein Geschenk für ihre Enkelkinder leisten können und viele andere.

Am Montag erzählt uns Frau Poppe, dass sie bereits viele Nachfragen erhalten habe, ob es noch Geschenke gibt. Daher hat sie beschlossen, die vier Stuttgarter Tafelläden noch einmal eine Stunde nur für „Schenk ein Lächeln“ zu öffnen. Eine gute Nachricht!


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Sie studiert Germanistik und Betriebswirtschaftslehre und ist Praktikantin beim Corporate Social Responsibility-Projekt „Schenk ein Lächeln“. Sie fragt sich jetzt jedes Mal, wenn sie durch die Stadt geht, welches Kind wohl ihr Geschenk bekommen hat.

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