Intelligent World Drive: Testfahrt am Kap der guten Hoffnung

„Reisen ist nicht was du siehst, sondern was du erkennst“, heißt es in einem Sprichwort. An dieses Bonmot muss ich seit einigen Stunden denken.

Ich befinde mich in Kapstadt. Genauer gesagt auf der vierten Etappe des Intelligent World Drive in unserer mit Technik vollgepackten Mercedes-Benz S-Klasse. Und ich erkenne erneut: Es ist durchaus sinnvoll, sich weltweit alle Straßengepflogenheiten anzuschauen (hier geht es zum Bericht aus Shanghai). Man denkt ja insgeheim als reisefreudiger Hobby-Hedonist, man wäre nicht mehr so leicht zu überraschen. Umso schöner ist es, wenn sich dann doch mal eine Augenbraue regt.

Fokus der Testfahrten: Fußgängererkennung und landesspezifische Verkehrsschilder

Der südafrikanische Verkehr macht es jedoch möglich. Linksverkehr und Schilder, die vor Steinschlag warnen? Geschenkt. Kaputte oder zu enge Straßen? Eher die Regel in den meisten Ländern. „Zick-Zack-Linien“ als Straßenmarkierung und Fahrbahnmarkierungen von küstennahen Straßen, die mit Sand bedeckt sind? Komplizierter, kann man aber sicher bewältigen. Menschen, die wirklich immer und jederzeit – egal ob auf Landstraßen, Autobahnen oder im Stadtverkehr – die Straße überqueren, und das auch noch scheinbar willkürlich? Schon eher eine Herausforderung.

Aber spätestens als ich Paviane (Baboons) und Pinguine als Verkehrsteilnehmer erblicke, die einem die „Vorfahrt nehmen“ (dürfen die das?), muss auch ich meine Augenbrauen anheben. Und zwar beide.

Für viele Situationen gerüstet

„Expect the unexpected“ heißt es dazu vom mitanwesenden Ingenieurs-Kollegen aus dem Bereich Research & Development (R&D) der Daimler AG, Jochen Haab. Die Systeme unserer automatisierten S-Klasse „decken bereits heute eine Vielzahl potenzieller Verkehrssituationen“ ab. Aber eben nicht alle.
„In absehbarer Zeit wird es in vielen Situationen notwendig sein, dass der Fahrer, respektive die Fahrerin, die Kontrolle über das Fahrgeschehen zurückerhält – sei es, wenn die Systeme ihre Grenzen erreichen oder wenn außerhalb des Bereichs der Karten gefahren wird, wie beispielsweise im ländlichen Raum auf Feldwegen“, so der Experte für Sicherheits- und Assistenzsysteme.

Validiertes Kartenmaterial

Während unserer Testfahrt erfahre ich, dass von Seiten der Daimler AG in der Zukunft nur Straßen für das hoch-automatisierte und autonome Fahren zugelassen werden, die bereits befahren worden sind. Wie zum Beweis fährt unsere S-Klasse auf einer ihr noch unbekannten Straße eine scharfe Kurve am Kap der guten Hoffnung zu schnell an – der Fahrer muss bremsen. Wieder einmal wird deutlich: Präzises, validiertes Kartenmaterial ist hier unerlässlich. Die gute Hoffnung reicht da nicht aus.

Die größten Herausforderungen des autonomen Fahrens

Doch was sind die größten Herausforderungen auf dem Weg zum autonomen Fahren?
Die exakte geografische Lokalisierung, beziehungsweise Ortung.
Die richtige Bewertung der Situation.
Im Falle einer unerwarteten Situationen eine angemessene Reaktion des Systems.
Und die „Erkenntnis“, dass es an seine Grenzen stößt, inklusiver anschließender Aufforderung des Fahrers zur Übernahme des Fahrgeschehens.

Bei „Level 3“ des autonomen Fahrens würde das Fahrzeug beispielsweise nicht-geteilte Autobahnen“ nicht zu 100 Prozent bewältigen können. Bei den Leveln 4 und 5 wird es deshalb am Anfang „Geofencing“ (geografischer, virtueller Zaun) geben. Interessante Einblicke, über die es zu sinnieren gilt.


Roadmap – wie geht es weiter?

Nach den Stationen Frankfurt, Shanghai, Melbourne und Kapstadt wartet nun der „Großraum Los Angeles“ mit dem Ziel Las Vegas. Unsere S-Klasse hat während ihrer Test-Reihe bereits viele Daten sammeln können, so zum Beispiel zum spezifischen Fahrverhalten in Stausituationen auf Deutschlands Stadtautobahnen. Sie hat den Test auf das Fahrverhalten im – gelinde ausgedrückt – herausfordernden Stadtverkehr einer chinesischen Millionenmetropole absolviert.

Überdies wurde zwischen Sidney und Melbourne das digitale, aktuelle Kartenmaterial von HERE im australischen Outback getestet. Der Fokus der jüngsten Station der Testreihe lag auf der Validierung des Kartenmaterials im Alltagseinsatz und auf den länderspezifischen Besonderheiten eines typischen Vertreters der 15 Mitgliedsstaaten der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas (Southern African Development Community, SADC).


Als wir während unserer Testfahrt zu vorgerückter Stunde an einem Weingut vorbeifahren (Südafrika und Wein: Da war doch etwas), fällt mir ein anderes, inspirierendes Zitat von Erich Kästner ein:

Tore bereisen im fremden Land die Museen, Weise gehen in die Tavernen.

Ich seufze. Teilzeit-Hedonismus erfordert eben auch Zeit.


Was ist der Intelligent World Drive?

Um künftige, höher automatisierte Fahrfunktionen an länderspezifische Nutzer- und Verkehrsgewohnheiten anzupassen, hat Mercedes-Benz im September bei der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt den Intelligent World Drive gestartet. Nach dem Start in Deutschland wurde das Erprobungsfahrzeug, das auf der neuen Serien-Limousine der S‑Klasse basiert, jetzt im Oktober bei automatisierten Testfahrten im dichten Verkehr und mit den landesspezifischen Besonderheiten in der chinesischen Millionenmetropole Shanghai erprobt. Bis Januar 2018 wird sich das Erprobungsfahrzeug unterschiedlichen, komplexen Verkehrssituationen auf fünf Kontinenten stellen und dabei auch die Grenzen aktueller Systeme ausloten. Ziel ist es, für die Weiterentwicklung der Technologien weltweit Erkenntnisse im realen Verkehrsgeschehen zu sammeln.


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
4.6 / 5 (86 Bewertungen)
Bitte warten...

Tags: , , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Er ist Redakteur in der Kommunikation und „liebt“ Selbstbeschreibungen.

Lesen Sie mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. Was macht eigentlich eine UX-Designerin?

    dirk: Hallo Laura, schöner Artikel. Vielleicht könnt Ihr euch auch mal der Mercedes-Pkw-Homepage...

  2. Driven by EQ: Was können unsere elektrifizierten Alternativen?

    Stefan Schwunk: Liebe Lisa, ich bin der festen Überzeugung dass die PlugIn Hybridtechnik...

  3. Meine 18 Jahre DTM: Höhepunkte, Tiefpunkte, Reibungspunkte

    Mladen: Die Umgebung wird doch jetzt immer leiser...Last uns doch noch ein wenig...

  4. Driven by EQ: Was können unsere elektrifizierten Alternativen?

    Herbert Jäger: Ich wäre froh wenn wir nur noch elektrisch fahren und selber...

  5. Driven by EQ: Was können unsere elektrifizierten Alternativen?

    Madeleine Herdlitschka: Herr Perkuhn spricht ein wichtiges Thema an - die Abschaffung der EEG-Umlage....