Kinderzimmerheld: Verbeulte Liebe

… die ein Leben lang brumm brumm macht. Was passiert, wenn ein Vater eines sehr frühen Sonntagmorgens von seinem kleinen Sohn geweckt wird, um mit Autos zu spielen? Aus dem Spiel wird plötzlich die Idee – eine, wie sie vorher noch nicht dagewesen ist.

So erzähle ich die Geschichte meist heute, wenn ich gefragt werde, wie das Projekt Kinderzimmerhelden geboren wurde. Doch drehen wir die Uhr hier noch einmal um ein paar Monate zurück…

Die Situation sollte allgemein bekannt sein. Szenen aus Film und TV zeigen immer wieder diese Momente. Dinge aus der Kindheit tauchen auf, werden erkannt und die nächste Szene zeigt eine Achterbahn der Gefühle. Bilder aus der Vergangenheit. Wie ein Film. Es ist alles so nah, als wäre es gestern gewesen. Die Geschichten sind alle da. Greifbar. Real. Ich habe keine Fragen und werde umringt von emotionalen Momenten meiner Kindheit.

So ungefähr muss man sich das Wiedersehen nach wahrscheinlich über 30 Jahren vorstellen, als die 4-rädrigen Helden meiner Kindheit den Weg zu mir zurückgefunden haben. Ich habe oft zuvor immer nur die Augen verdreht, wenn man sieht, was die Eltern alles an altem Zeug und Plunder auf den Dachboden schleppen, doch in diesem Moment spürte ich vor allem Eines: Dankbarkeit.

Für mich ein sehr emotionaler Moment, mein damals zweijähriger Sohn sah freudestrahlend einfach nur Autos. Schnelle. Mit Tatütata. Mit Spoiler. Mit Ladefläche. Ich dagegen sah meine Kindheit in vielen dieser Lieblinge. Der rote 500er AMG und der Münchner M1, die bei mir immer die Chefautos waren. Wer die hatte, war der Bestimmer! Oder mein alter 450er SE. Vom Mercedes Händler aus Salzhausen in der Lüneburger Heide… Vielleicht kein Turbo. Auch kein Spoiler dran, aber dieser kleine Held hat seine ganz persönliche Geschichte…

Wochenend-Besuche bei Opa waren immer echte Abenteuer. Opa war Bauer. Großer Hof. 4 Trecker. 1 Mähdrescher. Viele Anhänger. Und ich als Zwerg oft mittendrin im Geschehen. Dieser Tag aber nun war ein ganz besonderer Tag. Opa durfte sein neues Auto abholen. Ein Mercedes. Mensch war der schick! Grün. Alle Freunde von Opa hatten grüne Autos, aber einen Mercedes? Nein, das noch nicht.

Wir sind also von Papa, wir hatten keinen Mercedes, zum Händler gefahren worden. Bei der Hofeinfahrt blitzte mir das grelle Grün schon entgegen. Mensch! Der war schick! Und innen alles braun. Leder, sagte Opa stolz! Wir gingen also rein und ich war schon ganz nervös. Der Autoverkäufer begrüßte uns freundlich und endlich, nach einigen Minuten gingen wir dann zusammen raus. Ich durfte als Erster einsteigen. Stolz wie Bolle. Coole Karre, Opa, dachte ich.

Ich saß auf dem Beifahrersitz, natürlich ohne Kindersitz. Damals auf dem Land war das nicht so wichtig. Wir wollten dann gerade los, da guckte mich der Verkäufer grinsend an und sagte: „Hier! Damit Du auch einen so tollen Mercedes wie dein Opa hast.“ Das war cool. mein erster Mercedes. Grün. Mindestens genauso schick wie der Echte.

Ich sehe das alles wieder vor mir. Fast 40 Jahre habe ich diese Geschichte nicht mehr im Kopf gehabt und plötzlich war sie da. Authentisch. Echt. War das gestern? Das sind die Momente, die mir meine Helden so wertvoll machen. Echte Kinderzimmerhelden.

Der Startschuss meiner Foto-Serie war das aber noch lange nicht. Die Helden wanderten natürlich direkt ins Kinderzimmer meines Sohnes Niklas, damals Zwei und schon autoverrückt. Vermischt mit dem aktuellen Fuhrpark aus SLS, Spyder und Co entwickelte sich ein echter Generationen-Treffpunkt bei uns zu Hause.

Dann der vielleicht alles entscheidende Morgen. Es muss ein Sonntag gewesen sein. Sommer. Weit vor 8 Uhr. Es war zwar taghell, der Bäcker hatte aber noch lange nicht geöffnet. Niklas weckte mich, zupfte an der Decke und murmelte leiste… „Papa. Audo spielen.“ Im Wohnzimmer dann wurde wie gewohnt der Fuhrpark aufgebaut. Stuttgarter Stadtkinder spielen am liebsten Stau. Oder bauen Türme.

Auf dem weißen Sofa stapelte Niklas einige seiner und meiner Helden hoch. Arrangierte den Parkplatz und es hat mich irgendwie angesprochen. Handy gezückt. Klick. Das Bild wurde festgehalten. Klick. Es entstand eine ganze Serie, die am Frühstückstisch später stolz präsentiert wurde. Stolz von Papa und Sohn. Für Mama. Die coolen alten Helden, voll integriert im Stau der neuesten Modelle. Die Augen glänzten von nun an fast täglich. Neue Arrangements entstanden, die Bilder erzählten Geschichten aus Kindertagen und ließen Papa und Sohn weiter schwelgen.

Erst jetzt realisierte ich, wie viel Spaß und Geschichte in den Bildern steckte. Meine Geschichten. Autos von Opa, Papa, mir und jetzt mein Sohnemann. Aber auch Geschichten anderer Helden erreichten mich auf allen Wegen.

Die Kamera musste also wieder raus aus der Schublade, die Idee war fest im Kopf. Endlich konnte ich meine Tätigkeit als Strategieberater mal in eigenen Ideen weiterdenken. Das Ergebnis ist nun da. Kinderzimmerhelden. Die Fotoserie. Vom SL Cabrio zum Golf, vom Porsche 911er zum 7er BMW, vom Passat Kombi in giftgrün über den weißen Bulli hin zum roten Ferrari zeigt der Autosalon die ganze Bandbreite der Miniatur-Kinderzimmerhelden, die im Laufe ihres Autolebens individuelle Patina erhalten haben.

Kinderzimmerhelden. Hier fehlt eine Tür, die Farbe blättert ab, sie haben Beulen, sind verkratzt und erinnern allesamt an Zeiten, in denen man Stunde um Stunde selbstvergessen im Spiel versinken konnte.

Wir haben sie wirklich geliebt. Sie waren oft der erste Besitz unserer Kindheit, ein echter Kumpel. Sie wurden verteidigt, um sie gekämpft, geweint und überhaupt… Sie erzählen einfach Geschichten, die wir alle im Kinderzimmer erlebt haben und unsere Kleinen von heute tagtäglich immer noch erleben.

Das ist die Idee, die mich angetrieben hat, Kinderzimmerhelden in die Wohn- und Kinderzimmer zurück zu bringen. Nicht mehr, nicht weniger. Es ist eine Emotion, die so tief in uns verankert ist, dass manche Bilder, in diesem Fall Autos, nicht mehr wegzudenken sind.

Schon nach dem ersten Kinderzimmerhelden Buch dachte ich mir: „Wirklich Verrückt!“ Presse. Ausstellungen. Interviews. Es sind doch „nur“ Spielzeugautos. Aber jetzt nach Buch im Zusammenspiel mit unseren Freunden aus Zuffenhausen und der ersten internationalen Ausstellung in Shanghai bemerke ich immer häufiger, wie viele Mitspieler aus allen Altersklassen es noch gibt. Wir haben alle unsere Helden gehabt, unsere ganz persönlichen Geschichten.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Als sein erster Sohn Niklas zwei Jahre alt war, holte er seine alte Kamera wieder aus der Schublade. Blancks Faible für Fotografie und alte Autos hatte er schon früh entdeckt. Als Strategieberater, Produkt- und Kampagnen- entwickler für unterschiedlichste Marken sowie Musikmanager hat er nie den Bezug zur Fotografie verloren. Mit „Kinderzimmerhelden. Das Porsche Buch.“ liegt nun, in Zusammenarbeit mit dem Porsche Museum, sein zweites Werk vor – und man darf gespannt sein, ob es eine Fortsetzung und ein nächstes Werk geben wird...

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