Shang-Highlights mit der S-Klasse

Berufsverkehr. Normalerweise der „Höhepunkt“ des Tages, mit wahlweise Schlaf- oder Gewaltphantasien, an dem man die Möglichkeit hat, sich „schöne“ Gedanken zu machen. Doch heute ist es anders. Bis auf die Phantasien.

Es ist die zweite Etappe des „Intelligent World Drive“ auf dem Weg zum autonomen Fahren. Nach dem Start der Testfahrt in Frankfurt soll das mit Technik vollgepackte Erprobungsfahrzeug Daten auf allen fünf Kontinenten sammeln. Wir sind gerade auf unserer zweiten Station: im dichten Verkehr von Shanghai.

Individualisierung der Assistenzsysteme

Ich befinde mich als Beifahrer in einem Erprobungsfahrzeug auf der Basis einer Mercedes S-Klasse und bemerke recht schnell: andere Länder – andere (Verkehrs-)Sitten. Es ist eine etwas andere Rushhour in einer chinesischen Metropole mit mehr als 20 Millionen Einwohnern. Ich bin beeindruckt. Ebenfalls im Fahrzeug sitzt ein japanischer Medienkollege und verzieht keine Miene.

In der entsprechenden Presseinformation las ich zuvor: „…höher automatisierte Fahrfunktionen an länderspezifische Nutzer- und Verkehrsgewohnheiten anpassen“. Solch‘ Schriften wie Presse-Informationen sind eine feine Sache. Sachlich, informativ, bisweilen jedoch auch so emotional wie eine Steuererklärung. Von sieben-spurigen Kreuzungen war jedoch nicht die Rede. Auch nicht von Dutzenden von Zweirädern und Passanten, die alle gleichzeitig die Kreuzung überqueren.

Während ich noch denke, dass das doch nach harmonieorientierten Feng-Shui-Maßstäben eher suboptimal sein muss, bemerke ich, dass der Fahrer kaum die Pedale berührt. Der chinesische Mercedes-Benz-Kollege aus dem Forschung- und Entwicklungsbereich, einer von 700 Mercedes-KollegInnen in China, wirkt beim Fahren „tiefenentspannt“. Liegt das etwa an den laut Presse-Info bereits absolvierten 9,5 Millionen Test-Kilometern?

Kulturelle Unterschiede im Straßenverkehr

Ich versuche ebenso unbeeindruckt zu schauen. Schließlich habe ich als wilder „Südländer“ (ich stamme aus Stuttgart) – der diverse Entwicklungs- und Schwellenländer bereist und teilweise sogar am Steuer bezwungen hat, eine gewisse Würde.
Hinter mir weiterhin der sehr gefasste, japanische Journalistenkollege. Ich frage mich mittlerweile, ob es an seiner Herkunft liegt. Zwischendurch glaubt man, auch etwas vermeintlich Vertrautes wahrzunehmen. Dann erscheinen „Zebrastreifen“ auf der Stadt-Autobahn und eigene Tempolimits je Fahrspur. Das ist tatsächlich ein kleiner Unterschied.

Bereits 9,5 Millionen Test-Kilometer automatisiert absolviert

So langsam wird mir bewusst: Trotz der bereits absolvierten 5.100 Testfahrten weltweit der Mercedes-Benz-Kollegen, mit rund 1,2 Millionen Messungen bei 9,5 Millionen Test-Kilometern in Europa, den USA, China, Australien und Südafrika, scheint das hier irgendwie doch ganz sinnvoll zu sein. Eines überrascht jedoch. Es ist verhältnismäßig leise. Es geht unübersichtlicher zu, als auf einem orientalischen Basar, aber niemand hupt. „Hupen ist in Shanghai seit einigen Jahren unter Strafe gestellt“, klärt mich der chinesische Fahrer auf. Irgendwie sympathisch. Auch eine Art, der Lärmbelästigung zu begegnen.

Falls jemand doch gegen die Regeln verstößt, werden auf kleinen, elektronischen Tafeln simultan Auto-Kennzeichen eingeblendet. Kennzeichen der Verkehrsteilnehmer, die mit einer Strafe rechnen müssen. Verkehrs-Überwachung de luxe. Doch nicht so sympathisch.

Lernende Assistenzsysteme und Kartenqualität

Auf einmal muss unser Fahrer unvermittelt bremsen. Vor uns sind in einer Kurve mehrere Straßenschilder hintereinander montiert, die teilweise noch zusätzlich durch Bäume bedeckt sind. Shanghai ist buchstäblich nicht nur ein „Forrest of buildings“, sondern auch „Forrest of signs“. Eine neue Situation ist für das Fahrzeug entstanden, die es nicht „kennt“.

Der Forschungs-Kollege markiert die Stelle auf dem Tablet und beschreibt kurz die Situation für später. So „lernt“ die Sensorik also. In solch‘ lokal, spezifischen Situationen ist auch die Qualität des Kartenmaterials entscheidend, höre ich. HERE spielt in China im Gegensatz zu Europa sowie den USA aber eine untergeordnete Rolle spielt. NavInfo heißt das hiesige Joint-Venture.

Andere Länder — andere Anwendungsfälle

Ich lerne einiges über die chinesische Verkehrsmentalität. Beispielsweise stehen hier im Vergleich zu den Europäern Assistenzsysteme, die „früher warnen und mehr eingreifen“, hoch im Kurs. Während ich immer noch staune, wie wenig der Fahrer in Lenkrad- und Pedalführung eingreift, höre ich ihn weiter ausführen „ …bei Daimler gilt das Motto ‚Safety First‘ – im Jahre 2014 gab es in Europa schließlich rund 25.000 Verkehrstote. Erst, wenn etwas zu 100 Prozent funktioniert, wird es zugelassen“. Klingt logisch, scheint aber nicht bei jedem Hersteller der Fall zu sein.
Der Japaner ist übrigens weiterhin ziemlich cool. Asiatische Zurückhaltung ist zwar etwas Angenehmes, aber dieser hier übertreibt es meiner Meinung nach.

Und was passiert eigentlich, wenn in der Zukunft alle Systeme mal ausfallen? Stichwort Redundanz. „Es gibt noch einiges zu klären“, so der Fahrer. Nicht nur die Verständigung hinsichtlich der Level des autonomen Fahrens zwischen VDA und SAE, sondern auch der Assistenzsysteme. Die Frage sei, was man neben den „Müttern aller Assistenzsysteme ESP (Elektronische Stabilitätskontrolle) und ASR (Antriebsschlupfregelung)“ noch einbauen müsse.

Die Fahrt ist nach mehreren Stunden zu Ende. Die Sensorik der S-Klasse hat einiges gelernt. Ich wahrscheinlich noch mehr. Ich fühle mich ein bisschen so, als ob ich bei einer modernen Bertha-Benz-Pionierfahrt mitgewirkt habe.

Als wir am Ende gemeinsam vor dem Fahrzeug stehen, verzieht der Japaner plötzlich sein Gesicht. Eine Mimikveränderung! Der Medienkollege ist also doch vom Verkehr beeindruckt, denke ich. Just als ein leicht triumphierendes Lächeln über mein Gesicht huscht, bemerkt er jedoch:

What an impressive car. The automated systems are more developed than expected.


Was ist der Intelligent World Drive?
Um künftige, höher automatisierte Fahrfunktionen an länderspezifische Nutzer- und Verkehrsgewohnheiten anzupassen, hat Mercedes-Benz im September bei der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt den Intelligent World Drive gestartet. Nach dem Start in Deutschland wurde das Erprobungsfahrzeug, das auf der neuen Serien-Limousine der S‑Klasse basiert, jetzt im Oktober bei automatisierten Testfahrten im dichten Verkehr und mit den landesspezifischen Besonderheiten in der chinesischen Millionenmetropole Shanghai erprobt. Bis Januar 2018 wird sich das Erprobungsfahrzeug unterschiedlichen, komplexen Verkehrssituationen auf fünf Kontinenten stellen und dabei auch die Grenzen aktueller Systeme ausloten. Ziel ist es, für die Weiterentwicklung der Technologien weltweit Erkenntnisse im realen Verkehrsgeschehen zu sammeln.        


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